Über Josef F. wird oft voller Bewunderung berichtet. Auch die Ermittler können sich recht gut in ihn hineinversetzen.

Ein Kommentar.

Am Anfang das Wichtigste: Vom Wichtigsten gibt es kein Bild. Elisabeth F. und ihre Kinder Kerstin, Stefan und Felix haben, bis zur Stunde zumindest, kein öffentliches Gesicht. Polizeihunde, Mauern, ein privater Sicherheitsdienst und unkorrumpierbare Ärzte haben das bisher heroisch verhindert. Zum Teil ist es wohl auf glückliche Zufälle zurückzuführen: Dass niemand eine Handy-Kamera gezückt hat, als die seltsame blasse 42jährige im Krankenhaus von Amstetten auftauchte. Dass sich kein Krankenpfleger verplauderte. Dass kein Polizist einem befreundeten Lokalreporter einen Tipp gab, bevor die gesamte Kellerfamilie in Sicherheit war. Dass die Nachbarn, auch in diesem entscheidenden Moment, nichts mitbekamen.

Bei Natascha Kampusch war das ganz anders. Kurz nachdem die junge Frau durch die Vorgärten von Strasshof gestolpert war, existierten schon Puzzleteile von Bildern, Hinweisen und Details: Die gebeugte Gestalt mit der Decke über dem Kopf. Die dünnen, fleckigen Waden in den fleckigen Ballerina-Schuhen. Die Polizistin, die stolz über die Begegnung plauderte, als habe sie eben im Autobus Robbie Williams getroffen. Gemeinsam mit dem acht Jahre alten, allseits bekannten Vermisstenfoto, dem Gesicht eines rundlichem Mädchens im roten Walkjanker, war das Stoff genug, um die Phantasie auf Touren zu bringen.

Eine Zeitung wie „Österreich“ hätte wohl auch im Amstettner Fall jeden kleinen Krümel bildlicher Infomation dankbar verwertet. Sogar sie kapitulierte vor der Gesichtslosigkeit, indem sie ein gezeichnetes Phantasieportrait von Elisabeth F. aufs Cover hob und Kerstin F. mittels „Symbolfoto“ irgendeiner Person aus irgendeiner Intensivstation illustrierte.

Wo es keine Bilder gibt, haben die Worte mehr Platz, doch auch die können verräterisch sein. Tagelang schwelgten Zeitungen, der Diktion der Polizei folgend, in Charakterbeschreibungen des Täters, die nur hart an der Bewunderung entlangschrammten. Von „genial“ war die Rede, von „perfekt“ und „tadellos“. Josef F. war „viril“, „agil“, hatte „hohe sexuelle Potenz“, „unglaubliche Energie“ und war eine „Respektsperson“. Dass die (von der Ehefrau versorgten) Kinder „top erzogen“ seien, rechnete man ihm staunend an, ebenso die Tatsache, dass sie eine Musikschule besuchten (wo er sich nie blicken ließ).

Dass man statt „viril“ auch „brutal“ und statt „Respektsperson“ auch „Ekel“ oder „Tyrann“ sagen kann, fiel allen, die ihn näher kannten, erst nach einer Woche ein. Die Tatsache, dass alle gehorchten, wenn Josef F. mit den Fingern schnippte, kann man bewundern – oder abstoßend finden. Ebenso, dass er seine Ehefrau dazu brachte, stets still ihre Pflichten zu erfüllen und nie aufzumucken. Es ist eben alles eine Frage des Blickwinkels. Und der ist, in den oberen Hierarchieebenen von Polizei, Politik und Medien, normalerweise der Blickwinkel 50- bis 60jähriger Männer.

Das ist zunächst ein undifferenzierter Pauschalvorwurf. Selbstverständlich gibt es jede Menge hochqualifizierte, sensible 50- bis 60jährige Manner, die pyschologisch, kriminalistisch oder soziologisch Interessantes beizutragen haben. Dass jedoch der Fall F. öffentlich beinahe ausschließlich von ihnen interpretiert, diskutiert und bewertet wird, spiegelt die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft wieder, die stets mit der Deutungshoheit über Ereignisse einhergehen. (Ältere finden es zum Beispiel ganz normal, Jugendkriminalität oder „Komasaufen“ zu verurteilen, und kämen nur selten auf die Idee, Jugendliche über die speziellen Gewaltspielarten älterer Repektspersonen oder deren Alkoholkonsum urteilen zu lassen.)

Aber kann man von Medien, speziell öffentlich-rechtlichen, nicht verlangen, dass sie diese institutionalisierte Deutungshoheit ab und zu in Frage stellen? „Im Zentrum“ ließ zweimal in Folge eine einzige Frau mitdiskutieren, unter 40jährige kamen überhaupt nicht zu Wort. Das ist in dieser unsäglichen Sendung zwar fast immer so. Wenn jedoch explizit das Geschlechter- und Generationenverhältnis Thema sind; Macht und Ohnmacht; das Sprechen und Nicht-Sprechen-Dürfen; das Öffentlich-Auftreten und Versteckt-Sein – dann ist diese Eindimensionalität nicht bloß ärgerlich, sonden provokant.

„Die Tragödie“, „das Inzestdrama“ wird der Kriminalfall Josef F. in den Medien gern genannt, so als hafte ihm irgendetwas Schicksalhaftes an. Blattmacher verwenden das Wort „Inzest“ wahrscheinlich, um eine sexuelle, geheimnisvolle Saite anschwingen zu lassen – doch im Amstettner Fall führt dieses Wort in die Irre.

„Inzest“ bezeichnet eine sexuelle Beziehung zwischen Verwandten ersten Grades, die normalerweise mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt ist, in vielen Ländern zusätzlich mit einer gesetzlichen Strafdrohung. Eine „verbotene Liebe“ also, die von beiden Seiten durchaus freiwillig sein kann. In Deutschland kämpft gerade das Geschwisterpaar Patrick und Susan K. darum, so eine Liebe leben zu dürfen – die beiden wuchsen getrennt auf, verliebten sich, als sie einander im Teenageralter trafen, bekamen vier Kinder, von denen ihnen drei weggenommen wurden, standen vor Gericht, und Patrick muss jetzt ins Gefängnis, statt sich um sein Baby kümmern zu dürfen.

Was hingegen Josef F. mit seiner Tochter tat, war keine „verbotene Liebe“ – ebenso wenig wie die ungezählten Missbrauchsfälle in der Familie, in denen sich ein Vater an seiner Tochter vergreift. So etwas ist Gewalt, sexueller Missbrauch, Nötigung, Vergewaltigung, sadistische Quälereri oder das Ausnützen eines Abhängigkeitsverhältnisses; dass es zusätzlich auch noch inzestuös ist, ist strafrechtlich ein Nebenproblem. In der Berichterstattung dennoch auf dem Wort „Inzest“ herumzureiten, bedient allenfalls spekulativen Voyeurismus. Außerdem nähert man sich damit wieder der Sichtweise des Täters an – denn der will ja oft selbst gern dran glauben, es handle sich um eine „Beziehung“, eine „verbotene Liebe“ – und das Opfer habe es ja auch irgendwie gewollt.

Sowohl Polizei als auch Medien waren bereit, dem Täter bei dieser Selbsttäuschung sehr weit entgegenzugehen. Sie sprechen von „der Familie oben und der Familie unten“, so als handle es sich um einen Bigamisten mit einem Logistikproblem. Josef F. habe „mit der eigenen Tochter ein neues Leben begonnen“, sagte, unwidersprochen, der Chefermittler Franz Polzer. Er habe sich „eine seiner Töchter ausgesucht“ und sich mit ihr „dasselbe noch einmal genehmigt, was er schon mit seiner Frau durchlebt hat“. Ob es eine Chefermittlerin auch so beschrieben hätte?

 

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