Die Straßenbahn ist das urbane Transportmittel der Zukunft. Bloß der Wiener Bürgermeister weiß das nicht.

Sibylle Hamann

Die Straßenbahnzüge der Linie 21 schauen neuerdings ramponiert aus. Die runden Anzeigenscheiben leuchten leer, der Fahrer steckt bloß noch ein mickriges 21er-Taferl hinter die Windschutzscheibe. Das soll wohl bedeuten: Diese Bim ist so gut wie gar nicht mehr da. Gewöhnt euch dran. Sagts baba.

Der 21er fährt vom Schwedenplatz die Taborstraße hinauf, zum Praterstern, am Wurschtelprater und am Messegelände entlang. Die Strecke ist eine richtige Leopoldstädterin: ein bisserl abgelegen; historisch beladen, doch eher schäbig; bürgerlich und gleichzeitig halbseiden. Doch jetzt kommen, wummzack, Euro, Einkaufszentren, neuer Prater, mehrere Stadterweiterungsgebiete und die blitzblanke, neue, verlängerte U2. Deren Route der 21er an ein paar Stellen sachte streift. Nächste Woche wird er deswegen auf Geheiß des Bürgermeisters eingestellt.

Dann werden die Menschen am 21er, die im Volkert- und im Stuwerviertel, die an der Ausstellungs- und an der Engerthstraße, die Schüler und die Pensionistinnen, der Gemüsehändler und die Trafikantin, wissen, was die SPÖ meint, wenn sie „moderne Verkehrspolitik“ sagt: Sie werden sehr viel weiter gehen müssen bis zur nächsten Station, Taschen und Kinderwägen unter die Erde schleppen, auf Busse warten, die nur in viertel- oder halbstündlichen Intervallen verkehren, und sonntags überhaupt nicht. Sie werden dann lieber ins Auto steigen oder doch ganz zu Hause bleiben.

Sie sind dann auch nicht mehr die Menschen am 21er, sondern „Menschen am 80B, fallweise auch am 77A, Sonntags an garnix“. Straßenbahnen sind identitätsstiftend. Autobusse nicht.

Wenn der Bürgermeister das nicht glaubt, soll er mit dem Dienstwagen mal zur Endstation Praterkai fahren. Dort stehen große, stolze Gemeindebauten. Und dort wohnen stolze, trotzige Menschen, die noch eigenhändig Straßenbahnschienen verlegt haben, in der Zwischenkriegszeit. Es muss ein geiles Gefühl gewesen sein, auf einem schnurgeraden Schienenstrang bis zur Floridsdorfer Brücke durchzufahren, quer durch die Industriegebiete an der Donau, am Kühlhauskomplex, den Lagerhäusern und am Kraftwerk vorbei. Der 11er war das. Den ersetzte man dann durch einen Autobus. Jetzt muss, mit dem 21er, das letzte Teilstück dieser Strecke dran glauben.

Sprechen wir die Wahrheit aus: Wo Straßenbahnen entfernt werden, kommen Straßenautobahnen. Zu besichtigen auf der Praterstraße (wo früher vier Linien verkehrten), auf der Lassallestraße, und – wenn der 21er weg ist – demnächst auf der Ausstellungsstraße. Menschen ohne Autos werden unter die Erde geschickt, damit sie Menschen in Autos weniger behindern. Deswegen sind die genannten Straßen heute tot. Sie weisen Menschen ab, sie lassen sich nicht überqueren, sie trennen Stadtviertel.

U-Bahnen sind super, für die langen Strecken. Straßenbahnen sind ebenfalls super, für die kurzen. Nur gemeinsam ergeben sie eine Verkehrspolitik, die man „modern“ nennen kann. Vielleicht bringt irgendwer diese Nachricht mal ins Rathaus. Das liegt, seit die Gleise auf der Zweierlinie weggerissen wurden, ja ebenfalls an einer Stadtautobahn.

 

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