Dass Homosexuelle so sind wie andere Menschen, halten manche Menschen sehr schwer aus.

Sibylle Hamann

Keine Ahnung, wie das der ÖVP passiert ist. Es muss ein verblendeter Moment gewesen sein, voll modernistischen Überschwangs. Homosexuelle sind auch Menschen, hatte irgendein ganz wilder Querdenker gesagt. Die brauchen womöglich Beziehung, Sicherheit, Planbarkeit ebenso dringend wie andere. Vielleicht haben sie sogar dieselbe Sehnsucht nach Familie und gesellschaftlicher Anerkennung. Und ist es für eine wertkonservative Partei, inmitten des grassierenden Hedonismus, nicht eigentlich super, wenn Menschen Verantwortung füreinander übernehmen wollen?

Die ÖVP hielt die Luft an, konzentrierte sich auf ihr Sonnengeflecht – und siehe da: Einen Augenblick lang schien es möglich. Versuchen wirs halt mit der eingetragenen Partnerschaft für Homosexuelle. Dass es weibliche Philharmoniker gibt, haben wir schließlich auch überlebt.

Kaum war der kühne Gedanke formuliert, war der Mut jedoch schon wieder weg. Seither windet sich die ÖVP. Nein, dass Homosexuelle auch Menschen seien, habe man anders gemeint. Ein bisserl verschieden seien sie schon, deswegen müssten auch verschiedene Rechte gelten, denn wenn man sie mit solchen Leuten teilen müsse, fühlten sich die eigenen Rechte gleich irgendwie anders an. Auch körperliche Nähe zu solchen Leuten sei nicht ganz ideal, man müsse daher, bei aller Toleranz, doch besser vermeiden, einander über den Weg zu laufen. Auf Standesämtern zum Beispiel, insbesondere im Frühling. In der warmen Jahrszeit, sagte Michael Spindelegger, zweiter Präsident des Nationalrats, werde viel geheiratet, das würde „automatisch zum Kontakt zwischen homosexuellen und heterosexuellen Paaren“ am Standesamt führen, und „ob das so gut ist, sei dahingestellt.“

Wer weiß schließlich, was passiert, wenn die noch-nicht-ganz-Angetraute am Gang versehentlich an einer wildfremden Lesbe anstreift? Vielleicht überlegt sie sichs dann anders und rennt, mit wehendem Hochzeitskleid, mit der fremden Lesbe davon, von Zauberhand umgedreht, von der plötzlich lockenden Ahnung eines total perversen Lebens angefixt.

Bei derart großer Verwirrungs- und Verführungsgefahr ist nicht nur räumliche Trennung wichtig, sondern auch das garantiert ununterscheidbare Ritual. Damit man sich auskennt. Und damit stets klar ist, dass es zwei Arten von Liebe und Verantwortung gibt, eine richtige und eine, naja, andere halt. Also bloß nicht das Wort „Ehe“! Bloß nicht die gleiche Gelöbnisformel! Und, vor allem, keine Zeremonie und keine Musik! „Nicht mit Pauken und Trompeten!“, möchte Innenminister Günther Platter als Regel festgeschrieben wissen; Orgel und Streicher will er wohl ebensowenig.

Am liebsten wäre es der ÖVP mittlerweile, wenn man die Eintragung homosexueller Partnerschaften, zu der sie sich in einem schwachen Moment hat hinreißen lassen, ganz im Geheimen hinter sich bringen könnte. In einem geschlossenen, schalldichten Kasten vielleicht, an einem Autobahnrastplatz fernab aller besiedelten Gebiete, in einer Art Darkroom sozusagen. Denn die Freude homosexuell Liebender halten manche heterosexuell Liebende ganz schwer aus.

 

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