Vielleicht sitzen Sie ja gerade über den Urlaubskatalogen, und suchen in der „Last Minute“-Abteilung hektisch nach einer Möglichkeit, doch noch wegzukommen. Oder Sie haben schon längst für den kommenden Winter gebucht, wegen dem Frühbucherbonus. Vielleicht blättern Sie wehmütig, weil sich finanziell schon wieder kein Urlaub ausgeht heuer. Vielleicht geht es Ihnen aber auch ein bisschen so wie mir – und Sie zweifeln, wozu das überhaupt gut sein soll. Wegfahren, wo viele andere auch schon hingefahren sind, und wieder zurückkommen mit einem Sonnenbrand auf der Nase, einem Haufen Fotos, den sich keiner freiwillig anschauen will, und leisen Zweifeln, ob das alles wirklich dafürgestanden ist.

Reisen, das hieß einmal: Aufbrechen ins Ungewisse. Ein bisschen Bargeld in die Tasche stecken, einen zerfledderten Reiseführer vielleicht, in den Zug steigen, und nicht genau wissen, wann und wo man aussteigen wird. Wo einem ein Schlafplatz angeboten würde, vielleicht. Wo man einen netten Menschen trifft, der einen dazu überredet. Wo es so aussieht, als würde man mit wenig Geld gut ein paar Tage lang durchkommen. Keine Eile haben beim Weiterfahren. Aber stets dann aufbrechen, wenns am schönsten ist.

Für viele Generation von Menschen war Reisen der Ausbruch aus Gewissheiten daheim. Wer reiste, wollte das Gewohnte hinter sich lassen und suchte das Fremde, das Neue, die Irritation. Man rechnete damit, sich fürchten zu müssen, mit unvorhersehbaren Situationen umzugehen, in der Ödnis festzustecken oder sich mitunter auch ganz schrecklich zu langweilen. Man konnte nie wissen, ob man dort, wo man hinfuhr, willkommen geheißen oder feindlich umzingelt würde.

All das kann heutzutage eigentlich gar nicht mehr passieren. Es ist von vornherein sogar ganz und gar ausgeschlossen, denn Irritation steht nicht im Katalog. Man hat Unwägbarkeiten nicht gebucht, und wenn sie aus irgeneinem Grund trotzdem passieren sollten, kann man klagen. Auf Schadenersatz. Auf Reisekosten-Rückerstattung. Oder zumindest auf Kostenminderung wegen entgangener Urlaubsfreude. Denn auch die Freude wird ja vertraglich garantiert.

Reisen mit Garantie – was hat das eigentlich noch mit der Idee des Reisens zu tun? Reisen mit Garantie ist ein Konsumartikel. Ein genau kalkulierbares Produkt mit standardisierter Gebrauchsanleitung. Sogar wenn „Abenteuer“ und „Exotik“ draufsteht, ist selbstverständlich nicht richtiges Abenteuer und richtige Exotik gemeint, sondern die Kulisse davon, mit garantiert gewissem Ausgang. Reisen ist ein Produkt, das man sich leistet, und je nachdem, wiviel man ausgeben kann, kann man beinahe alles bekommen: einen 7000-Meter-Gipfel oder käuflichen Sex, einen wilden Wüstenritt oder Schweigen im Kloster. Alles fertig abgepackt als Entertainment-Paket, in jeder Wunsch-Kombi buchbar.

Vielleicht wärs an der Zeit, die Überraschungen, die Irritationen und das Fremde mal ganz woanders zu suchen. An einem unvermutetenen Ort, wo garantiert noch kaum jemand war. In diesem seltsamen Geschäft an der Ecke zum Beispiel, in dem Menschen ein und ausgehen, mit denen man sich noch nie unterhalten hat. Das Abenteuer ist nämlich oft ganz nah. Man muss bloß hinschauen.

 

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