Warum die Idee eines Frauenministeriums von Grund auf falsch ist – und warum wir trotzdem eines brauchen

Sibylle Hamann

Wir haben also eine neue Frauenministerin, und wer schnittig und zeitgeistig sein will, hält das für überflüssig. Frauenministerin – das klingt nach den Siebzigerjahren. Nach Leuten, die immer gequält auf die Speisekarte schauen und anschließend Extrawürste bestellen, weil sie das normale Menü nicht vertragen. Wer heute etwas auf sich hält, lächelt kühl und sagt forsch: Extrawurst brauch ich nicht. Die Welt ist für alle da, Männer und Frauen, soll sich doch jeder und jede davon nehmen, wieviel er oder sie grade essen kann.

Im Prinzip haben diese forschen Leute recht. Es gibt nämlich, gesellschaftlich gesehen, tatsächlich kaum Themen, die Frauen exklusiv betreffen. Was wir „Frauenfragen“ nennen, sind, aus der Nähe betrachtet, fast immer Verteilungs- und/oder Machtfragen. Die Entscheidung, welche Lebensmodelle wir staatlich schützen und subventionieren; welchen Wert wir welcher Art Arbeit zumessen; welches Verhalten mit Aufstieg, Geld und Macht belohnt wird – all das geht beide Geschlechter an. Nicht einmal das Thema Gewalt kann ernsthaft behandeln, wer sich nur für die – mehrheitlich weiblichen – Opfer – interessiert, und nicht auch für die – mehrheitlich männlichen – Täter sowie das Umfeld, das Gewalt wachsen lässt.

Besonders lähmend wird dieses Missverständnis bei der Familienpolitik, die stets so gern mit der Frauenpolitik vermantscht wird. Wie kriegen wir es hin, unsere Arbeitswelt so umzugestalten, dass sich Familie und sinnvolle Berufstätigkeit nebeneinander ausgehen? Wo schaffen wir Zeit und Platz für Kinder? Wer kümmert sich um die Alten? Das sind hochbrisante, wichtige Fragen. Mag sein, dass Frauen sie, statistisch betrachtet, häufiger stellen, weil sie ahnen, dass sich sonst keiner drum kümmert. Aber genuine Frauenfragen sind sie deswegen noch lange nicht.

Seltsam eigentlich, nur zum Beispiel, dass immer nur die Frauenministerin um den Papamonat kämpft. Warum tun das nicht längst jene erfolgreichen, mächtigen Männer, die am Ende ihrer tollen Karrieren stets klagen, dass sie leider, leider, viel zu wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen durften? Weil sie nicht mächtig genug sind, sowas auch durchzubringen? Weil sie ihre Klage vielleicht doch nicht ganz erst gemeint haben? Oder weil sie jüngeren Männern nicht gönnen, was sie selbst nie hatten? Es ist Zeit, solche Fragen stellen. Es ist Zeit, Männer gleichberechtigt in die Pflicht zu nehmen. Damit Frauen mehr Zeit und Energie bleibt für anderes.

Für diese Art Frauenpolitik brauchen wir eigentlich kein Frauen-, sondern ein Geschlechterministerium. Eines mit weitreichenden Kompetenzen in der Wirtschaft, im Sozialbereich und in der Justiz, das in jedem Feld geschlechtsspezifische Schieflagen aufspürt und dafür sorgt, dass niemand Extrawürste, aber jeder und jede tatsächlich die gleichen Chancen bekommt. Um es in den charmanten Worten des Kärntner BZÖlers Karlheinz Klement auszudrücken: Was wir brauchen, ist noch viel mehr „Genderwahnsinn“.

Alles Gute für Ihre Arbeit, liebe Frauenministerin. Vielleicht schaffen Sie das ja.

 

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