War da nicht mal was auf dem Tiananmen? Egal. Hauptsache, der Platz taugt als Kulisse fürs Fernsehen.

Sibylle Hamann

Es ist eh alles super. Die Luft besser denn je, das Essen eins a, die Straßen gesäubert von alten Häusern, armen Menschen und sonstigem Kramuri. 1,5 Millionen freiwillligen Helfern wurden ein paar englische Sätze eingetrichtert. Immer lächeln, lautet ihr Befehl. Die Journalisten sudern zwar noch ein bisserl, weil sie ein paar Websites nicht anklicken können. Aber das gehört zum Ritual. Sie wollen zeigen, wie sehr ihnen die Pressefreiheit am Herzen liegt, die eigene zumindest.

Besonders schön wurde der Tiananmen herausgeputzt. Das ist jener Ort, an dem am 4. Juni 1989 ein junger Mann mit einer weißen Fahne vor einer Panzerkolonne stand. Eine halbe Stunde lang schaffte er es, sie aufzuhalten. Der erste Panzer versuchte zögernd, erst links, dann rechts vorbeizufahren, dann fuhr die Kolonne einfach über die Studenten drüber. Wie viele dabei starben, weiß man nicht, den Familien der Opfer wurde niemals Auskunft erteilt, in den Medien darf man bis heute nichts davon erwähnen. Die Aktivisten von damals sind noch immer in Haft, 100, 130 vielleicht. Vielleicht dürfen sie sich im Gefängnis-TV anschauen, wie die olympische Flamme auf dem Tiananmen eintrifft.

Wang Dan war einer der Studentenführer. Als sich Beijing 1993 erstmals um die olympischen Spiele bewarb, unterstützte Wang das – weil er sich davon eine intellektuelle und demokratische Öffnung des Landes erhoffte. Die Behörden ließen ihn damals frei, um der Welt zu zeigen, wie nett sie sind. Als die Bewerbung scheiterte, sperrten sie Wang Dan einfach wieder ein (und ließen ihn erst vor der zweiten Olympia-Bewerbung nach Amerika ausreisen).

Um den Tiananmen hat es wochenlange zähe Verhandlungen mit dem Olympischen Komitee gegeben. Nein, nicht wegen der Häftlinge. Sondern wegen der Frage, ob der Platz für TV-Aufsager benützt werden darf. Die freie Welt darf einen Sieg vermelden: Ja, die Kulisse steht zur Verfügung! Zwischen 6 und 10 Uhr morgens, und zwischen 9 und 11 Uhr abends! Beeindruckend, was man dem Regime an Zugeständnissen abtrotzen kann, wenn man es richtig unter Druck setzt. Auch wer chinesische Bürger filmen will, wird das tun dürfen. Man fährt einfach in einen der drei eigens dafür abgesteckten Demonstrationsparks, wo unter amtlicher Aufsicht und mit amtlicher Bewilligung protestiert wird. Vielleicht lächeln sogar alle dabei.

Die Show beginnt also, und die KP-Führung kann sich ziemlich sicher fühlen. Die Übertragungsrechte für Amerika hat NBC um 900 Millionen Dollar gekauft. NBC gehört dem Konzern General Electric, der eben dabei ist, den chinesischen Markt aufzurollen. Mal schauen, wie sehr man es bei General Electric drauf anlegen wird, die Chinesen zu ärgern.

„Wenn ihr zu den Spielen kommt, wisst ihr vielleicht nicht, dass die Blumen, das Lächeln, die Harmonie und der Wohlstand auf einem Fundament gebaut wurden, das aus Leid, Tränen, Gefängnisstrafen, Folter und Blut besteht“, schrieb der Rechtsanwalt Hu Jia vergangenen Herbst in einem Brief an den Westen. Jetzt sitzt er im Gefängnis. Aber nein, Herr Hu, das wissen wir. Aber es war uns am Ende dann doch nicht so wichtig.

 

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