Die Italiener räumen auf. Hoffentlich übertreiben sie dabei nicht.

Sibylle Hamann

Es ist Mittag. Man hat sich ein Sandwich gekauft, die Füße sind müde, aber man muss gut überlegen, wo man sich damit hinsetzt. Auf der Gehsteigkante darf man nicht, ebensowenig auf den Kirchenstufen. Auf den Sitzbänken nur, wenn man es sich verkneifen kann, die müden Beine hochzulagern – denn das könnte ein paar hundert Euro kosten.

Hoffentlich, muss man hinzufügen, hat das Geld gereicht, um das Sandwich im Geschäft zu bezahlen. Darauf zu hoffen, dass jemand anderer Reste weggeworfen hat, die man aufklauben könnte, wäre nämlich ebenfalls strafbar. Das Stierln in Müllbehältern ist verboten, ein Nickerchen in Toreinfahrten, in Wartehäuschen oder auf der Bank ebenfalls. Betteln darf man schon lang nicht mehr, wie auch öffentlich musizieren und rauchen im Park. Neu ist, dass man an bestimmmten Orten darauf achten sollte, nicht in größeren Gruppen zu flanieren, sondern höchstens zu dritt. In der Nacht zumindest.

Auch waschen geht nicht, zumindest nicht in einem öffentlichen Brunnen. Diese Regel gilt auch für Zehen-in-den-Springbrunnen-Stecken, sie gilt auch bei großer Hitze, und sie gilt auch für Kleinkinder. Die Polizei hat irgendwo bereits einen Vierjährigen bzw seine Eltern abgestraft. Ordnung muss schließlich sein, und eine Ruh.

Wer glaubt, an den Strand entfliehen und dort ein bisschen ungezogener und entspannter sein zu dürfen, hat sich getäuscht. Man hört, die Polizei lauere dort, der besseren Übersicht halber, in jenen Hochstühlen, die in lustigeren Epochen der Vergangenheit den Bademeistern vorbehalten waren. Von dort aus kann sie besser ausspähen, ob jemand hinter einer Düne eine illegale Massage bekommt; oder ob jemand eine Sonnenbrille kauft, deren Markenname nicht mit dem tatsächlichen Hersteller übereinstimmt; dann geht sie abkassieren. Manchmal wird auch angezeigt, dann wirds noch teurer. Bevor man Muscheln sammeln, Ball spielen oder eine Sandburg bauen möchte, empfiehlt es sich, bei der örtlichen Polizeidienststelle zu erkunden, ob das erlaubt ist. An einigen Standabschnitten ist es das nämlich nicht.

Selbstverständlich hat die Polizei mit alldem bald ein bisschen zu viel zu tun. Deswegen kommen jetzt Soldaten zu Hilfe. Die patrouillieren neuerdings durch die Straßen und über die Plätze, um nach dem Rechten zu sehen, in voller Montur, manche im Tarnanzug, manche mit Maschinengewehren. Das hilft, damit sich alle sicher fühlen. Noch sicherer wird man sich fühlen, wenn erst sämtlichen Roma-Kindern die Fingerabdrücke abgenommen worden sind. Oder, noch besser, gleich überhaupt allen Menschen, die sich im Land aufhalten. Es hat ja keiner was zu befürchten, der nichts angestellt hat, oder?

Das alles mag klingen wie das politische Testament, das ein schon etwas verbitterter Fidel Castro auf dem Krankenbett seinen Nachfolgern diktiert. Es könnte ein Zeitreise sein in die finstersten Zeiten der maoistischen Kulturrevolution, oder eine schräge Zukunftsvision auf ein Amerika, in dem sektenähnliche Tugendterroristen die Macht übernommen haben und sich modernster Überwachungstechnologien bedienen.

Doch es ist bloß Sommer in Italien.

 

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