In einer „unbeschwerten Kindheit“ darf man nur ja nichts lernen. Warum eigentlich nicht?

Sibylle Hamann

Die Äste knarren, die Käuzchen krächzen, doch Rotkäppchen ist guter Dinge. Arglos spaziert es durch den Wald. Es weiß nicht, dass sich hinter dem nächsten Baum zähnefletschend der böse Wolf versteckt. Gleich wird er hervorstürzen und das arme Kind schnappen. Rotkäppchen ist nämlich fünf Jahre alt, und sie muss in den Kindergarten. Dort warten Fron und Drill. Der „Ernst des Lebens“ beginnt. Mit ihrer Unbeschwertheit und Lebensfreude ist es vorbei, denn jetzt muss sie lernen.

Ganz wenige gibt es noch, die Rotkäppchen verteidigen. Das verpflichtende Bildungsjahr für Fünfjährige „raubt Kindern ein Jahr der unbekümmerten Kindheit“, warnt der Kärntner ÖVP-Politiker Stephan Tomschitz. „BZÖ und SPÖ reißen den Eltern das Kind aus den Armen“. Wer sich so etwas Schreckliches ausdenke, sei ein „gefühlskalter Eisberg.“

Hier die Familie als Hort von Gefühl und Wärme, wo heiter Strohsterne gebastelt werden und Kuchenduft durchs Wohnzimmer weht – dort die Schule als kaltes Gefängnis, das nach Desinfektionsmitteln riecht: Auf diesem Gegensatzpaar beruhte, jahrzehntelang, die konservative Bildungspolitik. Lang ist es nicht her, da hingen vor ÖVP-Parteilokalen noch Plakate, die vor der „Ganztagsschule-Zwangstagsschule“ warnten – und das mit Zeichnungen gebeugter, verzweifelter Kinder hinter einem Stacheldrahtzaun illustrierten. Den Kindergarten nennt man in diesen Kreisen auch heute noch „Fremdbetreuung“ – so als würden die „fremden“ Pädagoginnen jeden Tag zufällig am Straßenrand aufgelesen.

Hätten diese Ideologen Recht – alle Eltern müssten sofort die Kindergärten und Schulen stürmen, ihre Kinder aus den Fängen der seelenlosen Anstalten befreien und heimholen. Aber das tun sie nicht. Längst schon haben sie, insbesondere die konservativ-bildungsbeflissenen unter ihnen, nämlich begriffen, dass man mit der Idealisierung familiärer Förderung und dem Misstrauen gegen Kindergärten in eine Sackgasse geraten ist.

Jeder, der Kinder hat, weiß, dass Kinder Kinder brauchen – um zu wachsen, zu lernen, Spaß zu haben und soziale Wesen zu werden. Beinahe immer in der Menschheitsgeschichte, in jeder Kultur der Welt, haben und hatten Kinder eine stabile Kleingruppe anderer Kinder um sich – Geschwister, Verwandte, Nachbarskinder. Dass ein Kind den ganzen Tag, jeden Tag, jahrelang, mit einer einzigen erwachsenen Person verbringen müsse, ist, historisch gesehen, eine relativ neue – und sehr seltsame Idee. Eigentlich ist es, für Kind UND Mutter, eine Zumutung.

Wer ehrlich ist, weiß, dass auch in der allerbemühtesten Familie nicht täglich Kuchenduft durchs Haus weht. Strohsterne bastelt man höchstens einmal im Jahr. Kaum irgendwo zu Hause haben Kinder heute genügend Kinder um sich; kaum irgendwo haben sie genügend Platz, um einander mit Gatsch zu bewerfen, und genügend Freiraum, um miteinander durchs Gebüsch zu streifen. Stattdessen bleibt der Gameboy. Und die ach so tolle „familiäre Förderung“ findet vor dem Fernseher statt.

Auch das Rotkäppchen hat, einsam wie sie war, auf den Kindergarten gewartet. Endlich hat der böse Wolf sie hingebracht.

 

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