Ein Buchbeitrag

Die Frage ist eine Zumutung. „Schreiben Frauen anders?“ fragt man üblicherweise bloß dann, wenn man Frauen übliche Klischees zu unterstellen versucht. Eine besondere Sensibilität zum Beispiel. Einen subjektiveren Zugang zu einem sperrigen Thema. Oder sonst irgendetwas, das landläufig als „typisch weiblich“ gilt. Frauen, so schwingt es in der Frage mit, nehmen eben immer alles persönlich. Frauen zeichnen sich dadurch aus, dass sie weniger aufs große Ganze schauen und mehr auf die atmosphärischen Kleinigkeiten. Sie achten nicht so sehr auf die Logik der Argumente, sondern auf das Zucken in den Gesichtszügen ihrer Gesprächspartner. Deswegen schreiben sie so gut. Und deswegen sind sind sie im Journalismus auch so wichtig. Nein, natürlich nicht oben, dort wo die Entscheidungen getroffen werden, viel verdient und übers große Ganze diskutiert wird. Sondern unten und an den Rändern, in den gefühligen Nischen des journalistischen Arbeitsmarkts, bei den mitfühlenden Porträts, den gefühlsintensiven Interviews, in den Kolumnenritzen.

„Schreiben Frauen anders?“ ist also eine dumme Frage. Auch der Feminismus hat sie gestellt, wahrscheinlich stellen müssen, solange sich die Frauenbewegung in jener Phase befand, in der sie erst ein Eigenes definieren musste, bevor sie sich ihren Teil des Allgemeinen, des Großen Ganzen, aneignen konnte. Das war gut, das war wichtig. Aber spätestens seit sich Feminismus mit „Gender Mainstreaming“ übersetzen lässt und beide Geschlechter angeht, hat sich die Frage auch im feministischen Sinn erledigt.

Ganz neu jedoch stellt sich die Frage, sobald man ihr einen einzigen Buchstaben hinzufügt. „Schreiben Frauen Anderes?“ ist ein Thema, dem man durchaus interessante Aspekte abgewinnen kann. Insbesondere dann, wenn es um Reportagen aus der weiten Welt geht. Denn sobald man in Kulturen unterwegs ist, die strikt zwischen Männersphäre und Frauensphäre trennen, können die Geschichten, die man aus beiden Sphären nach Hause bringt, sehr unterschiedlich sein. Und welche ist dann die „richtige“, die „wichtige“, die „eigentliche“ Geschichte? Jene, die die Frauen erzählen, während sie einander im kichernd im Badehaus abschrubben? Oder jene, die die Männer draußen diskutieren, auf den Sitzpolstern im Verhandlungszimmer?

Traditionellerweise gibt es darauf eine ganz klare Antwort: Die Geschichte der Männer wird mit der Geschichte an und für sich gleichgesetzt, alles andere sind Spezial-, Nischen- und Randgruppenthemen. Auch das Narrativ, wie Männer es erzählen, wird rasch als das „allgemeine“ definiert; jeder andere Blickwinkell ist der „besondere“. Das ist, abgesichts der Tatsache, dass die Hälfte der Menschheit Frauen sind, eigentlich eine seltsame Prämisse, hat aber den banalen Grund, dass die Geschichte der Männer ausländischen BericherstatterInnen wesentlich einfacher zugänglich ist – und zwar männlichen und weiblichen gleichermaßen.

Reist man als Ausländerin zum Beispiel in islamisch geprägten Kulturen, kann man davon ausgehen, dass die üblichen Schicklichkeitsregeln, die für einheimlische Frauen gelten, auf einen selbst nicht angewendet werden. Man ist kein Mitglied einer einheimischen Sippe, deren Ruf geschützt werden muss, man hat keinen weithin sichtbaren Beschützer oder Eigentümer dabei, der beleidigt werden könnte. Eine reisende Ausländerin verhält sich, in den Augen der Einheimischen und an den geltenden Standards gemessen, ohnehin eher wie ein Mann (und ist normalerweise auch eher wie ein solcher gekleidet). So wird sie zu einer Art geschlechtlichem Neutrum.

Als solches wird sie der öffentlichen Männersphäre zugerechnet und – sofern es sich nicht um besonders fundamtalistische oder öffentlichkeitsscheue Subkulturen handelt – auch dort platziert. Sie darf sich in die Männerrunde im Wohnzimmer setzen und essen, während die Frauen nur servieren kommen und sich ansonsten in die Küche oder in ihre eigenen Räume zurückziehen. Sie nimmt an Verhandlungen, Diskussionen und dem Austäusch der üblichen Höflichkeitsrituale teil, sie darf direkte Fragen an Männer stellen, es wird ihr, manchmal, sogar die Hand gegeben. Einem männlichen Reporter wäre ähnliches, umgekehrt, streng verboten.

Die Gender-Schlagseite in der Berichterstattung wird noch dadurch verstärkt, dass Kommunikation in der Männersektion normalerweise viel leichter ist. Hier gibt es mehr Übersetzer, mehr Menschen, die einer Fremdsprache mächtig sind ein bisschen Routine im Umgang mit Fremden haben. Das hat einen banalen Grund: Buben geht in patriarchal organisierten Gesellschaften länger in die Schule, Burschen wird deutlich öfter die Möglichkeit zu einer weiterführenden Ausbildung geboten, und Auslandsreisen, sei es zu Studien- oder zu Arbeitszwecken, sind für unverheiratete Frauen sehr oft tabu – und für verheiratete Frauen mit Kindern ohnehin logistisch unmöglich.

Was aber ist, nur zum Beispiel, das wesentlichste Element, um das Weltbild, die Geisteshaltung der Taliban zu verstehen und LeserInnen begreiflich zu machen, wie deren Herrrschaftslogik funktioniert? Wer sich auf die öffentlich zugänglichen Teile des Lebens beschränkt, beschränkt sich per Definition auf die Welt der Männer – die unter den Taliban den gesamten öffentlichen Raum, die Straßen und Märkte, Schulen, Krankenhäuser, den Verkehr und die religiöse Sphäre einschließt. Wer diesen Teil der Gesellschaft mit Ganzen gleichsetzt, ohne die riesige Lücke zu bemerken, die da noch klafft, hat hat die Logik der Taliban eigentlich schon nachvollzogen – indem er die Hälfte der Bevölkerung von vornherein aus der Welt, über die er berichten soll, ausschließt.

Nicht immer geschieht das absichtlich. Oft genug geschieht es aus Not, aus Eile oder aus Unachtsamkeit. Doch die Folge ist verheeren. Es verstärkt nämlich das ohnehin schon vorhandene Gefälle zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen jenen, die Sprache haben und jenen, die sprachlos sind. Herrschende in Unrechtssystemen fühlen sich stets geehrt, wenn Fremde ihnen die Aufwartung machen. Sie begreifen das meist als eine Bestätigung ihres Machtanspruchs. Nicht anders agieren oft Männer in patriarchalen Unrechtssystemen: Je mehr ein ausländischer Journalist von ihnen wissen will, desto wichtiger fühlen sie sich. Sie bekommen quasi amtlich besiegelt, dass ihre Sicht der Dinge zählt. Und desto mehr Recht leiten sie daraus ab, auf andere hinunterzuschauen.

Ein paar Beispiele dazu. Die Frage, wie sehr und mit welchen Stücken Stoff sich Frauen in islamischen Ländern verschleiern bzw. verschleiern müssen, ist eines der Lieblingsmotive journalistischer Reportagen. Der Schleier, ein äußerliches, weithin sichtbares Attribut, wird schnell dazu benützt, um etwas über den Emanzipationsgrad und das Weltbild seiner Trägerin auszusagen. Meist geschieht das, ohne mit der betreffenden Frau gesprochen oder auch sonstwie mit ihr kommuniziert zu haben. Journalisten und Journalistinen fällt oft gar nicht auf, wa sie damit eigentlich tun: Sie teilen Frauen betsimmten Katogorien zu, anhand von Merkmalen, die sich diese nicht selbst ausgesucht haben, sondern die ihnen – vom Gesetz oder vom sozialen Umfeld – aufgedrängt wurden. Alles, was sich in Stoff verhüllt, sei es ein Tschador, eine Burka oder ein Hejab, verschwimmt so zur amorphen Masse.

Damit hat die Reportage nachvollzogen, was patriarchale Machthaber, ob religiös oder anders motiviert, mit ihren Kleidungsvorschriften erreichen wollten: Der Schleier wird über Frauen geworfen, um zu verhindern, dass man sie identifiziert und wiedererkennt. Sie werden dann nicht mehr als unterscheidbare, ihren Wünschen, Fähigkeiten und Interessen nach verschiedene Individuen wahrgenommen, sondern ausschließlich durch ihre Geschlechtszugehörigkeit und ihren Körper definiert. Die Obsession damit, was eine Frau tragen oder nicht tragen, wie viel oder wie wenig sie von sich zeigen darf, enspringt einem männlichen Blick. Und sobald sich die Berichterstattung derselben Obsession ergibt, hat sie das Geschäft der Herrschenden erledigt.

Im Gegensatz zu männlichen Reportern dürften weibliche die Schleier lüften und nachschauen, was sich darunter verbirgt. Anders als Männer könnten sie also die zweite, fehlende Hälfte der Geschichte erzählen, oder besser: die vielen Geschichten, die eigentlich verhüllt hätten bleiben sollen. Sie dürften, sie könnten – wenn sie es denn wollen.

Zweites Beispiel: In der Berichterstattung über Nothilfe oder Entwicklungszusammenarbeit werden oft Geschlechterklischees wiedergekäut, die jahrzehntelang auch in der realen Entwicklungshilfe gemacht wurden. Allzu lange hat man das traditionelle „Ernährer“-Modell, wie es Westeuropäern vertraut war, samt der damit verbundenen geschlechtlichen Arbeits- und Aufgabenverteilung einfach auf andere Kulturen übertragen – und alles, was man dort vorfand, in den eigenen Kategorien interpretiert: Dass es der Mann ist, der das Haushaltsbudget verwaltet und über das Geld verfügt; dass das, was der Mann tut, „richtige“ Arbeit ist, während die Frau „daheim“, also „nicht richtig“ arbeitet und allenfalls ein bisschen etwas „dazuverdient“.

Der Wirklichkeit in Entwicklungsländern wird diese Sichtweise oft überhaupt nicht gerecht – selbst wenn die einheimischen Frauen es ähnlich benennen. Eine Bewohnerin eines afrikanischen Slums zum Beispiel wird behaupten, sie koche bloß, backe ein paar Kekse, und gehe ab und zu ein paar ihrer Produkte verkaufen, ihr Mann hingegen sei Mechaniker oder LKW-Fahrer, nur halt im Moment arbeitslos. Erst beim näheren Hinsehen und Nachfragen wird sich herausstellen, dass diese Frau eigentlich als Kleinunternehmerin voll erwerbstätig ist und mit dem, was sie produziert und verkauft, fast den gesamten Unterhalt der Familie verdient.

Erst die Bewegung für Kleinkredite hat den Blick auf solche und ähnliche Eigenheiten im Geschlechterverhältnis geschärft – und in der Entwicklungshilfe zur Erkenntnis geführt, dass Geld meistens mehr zur wirtschaftlichen Entfaltung beiträgt, wenn man es nicht dem männlichen Haushaltsvorstand, sondern dessen Frau anvertraut. Frauen investieren es, vielen Studien zufolge, nachhaltiger – sei es in die Ausbildung, Ernährung und medizinische Versorgung ihrer Kinder, oder in Gerätschaften, die ein dauerhaftes weiteres Einkommen ermöglichen. Männer hingegen geben es eher für Konsumartikel aus, und für sich selbst. Auch diese Disparität der Geschlechtersphären erkennt man erst, wenn man will – und sich mit dem ersten äußeren Anschein angeblich „traditioneller“ Verhältnisse nicht zufrieden gibt.

Stark fällt die Disparität ins Auge, wenn sie im Katastrophenfall durcheinandergerät. Nach dem Tsunami beispielsweise waren in den indonesischen Küstendörfern besonders viele Frauen und Kleinkinder unter den Todesopfern. Die große Welle, die am Morgen kam, erwischte sie vor oder in ihren Hütten am Strand, während viele Männer auswärts bei der Arbeit waren, oder in ihren Booten draußen auf dem Meer – und damit in Sicherheit. Nach der Katastrophe blieben daher auffallend viele alleinstehende Männer übrig, mit einzelnen, oft älteren Kindern. Die Hilflosigkeit dieser traumatisierten Rumpffamilien im Alltag, mit Tätigkeiten wie Kochen, Einkaufen oder Vorratshaltung, war auch Monate danach noch herzzereißend. Und offenbarte gleichzeitig, wie schwer es sowohl NothelferInnen als auch JournalistInnen fiel, mit der ungewohnten Klientel umzugehen. Für hilfsbedürftige Mütter gibt es in der Berichterstattung Schablonen und in den Hilfsorganisationen eigene Budgets. Für hilfsbedürftige alleinstehende Väter nicht. Sie sind eine Spezies, die in unseren Klischeevorstellungen von Not und Elend eigentlich nicht vorgesehen ist. Erst ein Journalismus, der offene Augen für die Gender-Frage hat, nimmt diese Schieflage wahr und kann sie interpretieren.

Damit wären wir beim „Opfer“-Begriff, der uns auch in der Kriegsberichterstattung stets begegnet. Dass manche Journalisten (nicht nur männliche) in Kriegen eine Gelegenheit sehen, einen Bubentraum auszuleben, sich in Kampfmontur werfen und als Möchtegern-Generäle gebärden, ist bekannt – soll aber hier nicht das Thema sein. Interessanter ist, wie schnell Journalismus, auch wenn er die besten Absichten verfolgt, in die militärische Bertachtungsweise kriegerischer Konlikte kippen kann: Hier die (männlichen) Soldaten, die den aktiven Part des Kämpfens und Tötens übernehmen, dort die „unschuldigen Frauen und Kinder“ (oft in genau diesen Worten), die ausschließlich als passive Verschubmasse vorkommen, hin und hergehetzt, als lebende Schutzschilde benützt, zwischen den Fronten übriggeblieben, oder in Lager eingepfercht.

Selbstverständlich ist es richtig, dass Frauen unverhältnismäßig häufig Leidtragende bewaffneter Konflikte werden. Doch die Eile, mit der sie in Reportagen in die Opferecke gesetzt werden, wo ihnen keine weitere Aufgabe mehr zukommt, als zu weinen und tragisch dreinzublicken, ist oft unerträglich. Es ist richtig, dass Frauen nur in Ausnahmefällen Kriege aushecken und jene staatlichen Machtpositionen innehaben, die ihnen erlauben würden, diese Kriege auch zu planen und durchzuführen. Doch an jenen gesellschaftlichen Krisen, an jenen ideologischen Verwerfungen etwa, die ethnischen Hass, Unterwerfungs- und Vernichtungsphantasien hervorbringen, können sie kaum jemals ganz unbeteiligt sein. Im Gegenteil: Häufig gehört zum emotionalen Nährboden eines Konflikt ein ganz spezielles Geschlechtermotiv dazu, das die Bereitschaft zu brutalen Gewalttaten noch zu steigern vermag.

Im Hutu-Tutsi-Konflikt in Ruanda und Burundi zum Beispiel gibt es das traditionelle, imer wiederkehrende Motiv der Tutsi-Spionin, die einen ihr unterlegenen Hutu-Mann verführt, sich so in dessen ethnische Sphäre einschleicht, aber dort nur auf den Moment wartet, in dem sie ihn vernichten kann. Erst wer sich dieser kollektiven Narrative, die bisweilen intimste Details aus dem Geschlechterverhältnis einschließen, bewusst ist, kann verstehen, wie es möglich ist, dass Menschen beim Massenmord mit Macheten auch über ihre allernächsten Angehörigen herfallen.

Krieg von vornherein, in strammer soldatischer Tradition, zur „Männersache“ zu erklären, nimmt zwar, in Manier eines Kavaliers alter Schule, alle Schuld auf sich. Mit dieser Kavaliersgeste eigenen sich Männer die Rolle der allein historisch Gestaltenden und Handelnden an, in der Frauen allenfalls als Beute, als schmückendes oder leidendes Beiwerk, oder aber als Opfer vorkommen. Der komplexen gesellschaftlichen Wirklichkeit, vor und hinter der Front, wird das jedoch nicht gerecht.

Womit sich wieder gezeigt hat: Die Gender-Perspektive ist keine feministische Verzerrung der Wirklichkeit. Sie ist kein „spezieller“ Blickwinkel, sondern sie macht die Wahrnehmung erst komplett. Beantworten wir die Einstiegsfrage daher so: Es kann, pragmatisch gesprochen, dem Journalismus nur nützlich seien, wenn Frauen Anderes schreiben, ab und zu zumindest. Weil Männer entscheidende Teile des Ganzen, aus technischen Gründen, schlicht nicht schreiben können.

Sibylle Hamann

 

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