Warum müssen sich Kinder auf Schritt und Tritt festlegen, ob sie Buben oder Mädchen sind?

Sibylle Hamann

Jetzt fängt bald wieder die Schule an. Hundert Kleinigkeiten sind zu erledigen, es ist keine gute Zeit für grundsätzliche Kontemplationen zur Geschlechterfrage. Und doch müssen die sein. Wegen der Schultaschen.

Wer in letzten Zeit versucht hat, eine Schultasche zu kaufen, steht nämlich vor einem unerwarteten Problem: Es gibt keine Schultaschen für Sechsjährige mehr. Es gibt keine roten, grünen oder blauen Schultaschen, keine schweren und leichteren, keine poppigen oder dezenten, aufwendigen oder schlichten. Es gibt bloß noch Mädchen- oder Bubenschultaschen. Mit Lillifee und rosa Prinzessinnen hier, mit Spiderman und Fußball dort. Was auch immer als geschlechtsneutral durchgehen könnte – seien es Fische, Wüstenpflanzen oder geometrische Muster – existiert nicht.

Das ist nicht gut. Weil nämlich Schultaschen nicht das einzige Feld sind, auf dem in den vergangenen Jahren ähnliches passiert. Auf Schritt und Tritt wird Kindern neuerdings ein Bekennntnis zu ihrem Geschlecht abgenötigt – von den Gummistiefeln bis hin zum Eisschlecker. War das „Twinni“ noch für alle Kinder, so ist das „Girlie“ nur noch für Mädchen da: Rosarot, in Sternform, mit Glitzer drauf. Es wird Ihnen heute nicht gelingen, in einem Spielwarengeschäft zu stöbern, ohne anfangs die Frage „Bub oder Mädchen?“ beantwortet zu haben. Kaum ist das Alter von Beißring und Rassel vorbei, erfolgt die Zuteilung der Kinder auf zwei Planeten, die durchgängig in verschiedenen Farben koloriert sind und nach verschiedenen Codes funktionieren. Und so unendlich das Angebot auf den ersten Blick scheint – Sie werden daran scheitern, eine Barbie mit Traktor zu finden.

Es ist normal und völlig ok, dass Kinder mit drei, vier, fünf Jahren ihre Zugehörigkeit zu ihrem Geschlecht entdecken, sich zu Mädchen- oder Bubenbanden zusammenrotten und die jeweils anderen, zeitweise zumindest, aus ihrer Welt ausschließen. Die hunderten Möglichkeiten, diese Differenz auszuleben, werden von der Konsumgüterindustrie noch multipliziert. Ebenso normal allerdings ist es, dass es unter Kindern auch Grenzgängerinnen und Grenzgänger gibt. Dass manche Kinder den Geschlechterunterschied nicht so wichtig nehmen. Dass es Phasen der Suche, der Unsicherheit und des Ausprobierens gibt. In solchen Momenten wäre es hilfreich, zwischen den von der Konsumgüterindustrie befestigten Geschlechterfronten neutrale, vieldeutige, vielseitig nutzbare Plätzchen zum Verschnaufen und Ausruhen zu finden. Doch diese Plätzchen werden den Kindern versagt.

Das Schultaschenproblem wäre läppisch – wäre es nicht eine Vorahnung aufs spätere Leben. Auch erwachsenen Männern und Frauen wird ständig eingeredet, sie funktionierten nach verschiedenen Betriebssystemen und lebten auf verschiedenen Planeten, die einen auf dem Mars, die anderenauf der Venus. Männer und Frauen nach ihrem Geschlecht auseinanderzudividieren, ehe man sie nach ihren individuellen Wünschen, Vorlieben, Talenten und Bedürfnissen gefragt hat, ist eine menschenverachtende Unsitte. Man kann nicht früh genug anfangen, damit aufzuhören.

 

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