Über Zweisprachigkeit

„Deutsch lernen ist wichtig“, heißt es überall, und da wird niemand ernsthaft widersprechen wollen. Deutsch lernen ist tatsächlich wichtig. Man braucht es, um im Supermarkt die richtige Sorte Wurst zu kaufen, um den Nachbarn alles Gute zum Geburtstag zu wünschen, um die Wahlwerbungen der Parteien zu verstehen, um mit Arbeitskollegen über die Eigenheiten des Chefs zu diskutieren, um Romane zu lesen und die Betriebsanleitung für die neue Waschmaschine. Um so richtig anzukommen in einer neuen Heimat, ist mehr notwendig als Zeichensprache und lächelndes Kauderwelsch. Zum putzen mag das noch reichen, aber erst wer gut deutsch kann, kann in Österreich weiterführende Bildungsangebote wahrnehmen, im Job um bessere Bezahlung feilschen, öffentlich auftreten und gesellschaftlich aufsteigen.

„Deutsch lernen ist wichtig“: Das bedeutet jedoch nicht, dass die eigene Sprache deswegen unwichtig wäre. Man hat es, bei Menschen, die in der Fremde einen Neuanfang suchen, immer wieder beobachten können, wie sie alles dransetzen, in der neuen Sprache aufzugehen und die alte abzulegen wie ein altes, zerschlissenes Hemd. Da sprechen die Eltern die Muttersprache dann nur noch im Geheimen, abends im Flüsterton, wenn sie glauben, dass alle schlafen. Sie verkneifen sie sich auf der Straße und in der Öffentlichkeit. Niemand soll mithören, vor allem die Kinder sollen nur ja nichts aufschnappen davon. Die Kinder sollen von Anfang an nicht mehr als Fremde erkennbar sein. Das Ausländer-Sein, wie man es selbst erlebt, will man ihnen ersparen.

Und so quälen sich Eltern, überall auf der Welt, in der Fremde damit ab, ihren Kindern eine Fremdsprache beizubringen, die sie selbst nicht so richtig können, und in der sie sich womöglich gar nicht wirklich wohlfühlen. Das ist gut gemeint. Es ist rührend. Aber es funktioniert natürlich nicht so richtig. Es macht Kinder misstrauisch. Sie schließen aus dem seltsamen Verhalten der Erwachsenen, dass ihre Muttersprache keine „richtige“ ist. Dass man sich für sie genieren muss. Am Ende kann das junge Menschen hervorbringen, die gar keine Sprache wirklich beherrschen. Oder sich so unsicher fühlen, dass sie gleich ganz in die Sprachlosigkeit kippen, die Kommunikation einstellen und sich lieber auf den Gameboy konzentrieren.

So gut wie alle Bildungsforscher wissen inzwischen, dass dieser Weg der falsche ist. Jeder Menschen braucht eine Muttersprache. Die begreift man in ihrer Tiefe und mit all ihren Nuancen, Bedeutungen und Zweideutigkeiten nur, wenn man sie schon am Gitterbett gehört hat. Sie brennt sich mit Abzählreimen und Zornausbrüchen, mit Schimpfworten und Schlafliedern ins Gehirn ein. Sie kommt nachts in den Träzmen hoch. Sie formt Gefühle und Erinnerungen. Wer mit seiner Muttersprache aufwächst, sie regelmäßig spricht, wer sie systematisch lesen und schreiben lernt und so allmählich aus ihrer Kinderversion herauswächst – der hat die allerbeste Grundlage dafür, noch eine zweite Sprache zu lernen.

Deutsch zum Beispiel. Suaheli. Armenisch. Albanisch. Für irgendwas ist nämlich alles gut. Und „falsche“ Sprachen gibt es nicht.

 

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