Sogar im Trash-TV geht es nicht mehr um Sex, sondern nur noch um Geld.

Sibylle Hamann

Wenn der Wind rauer wird und die Nächte länger – dann wächst bei den Menschen das Bedürfnis, sich vor dem Fernseher zusammenzukuscheln, und die Einschaltquoten steigen. Zumal das zu den billigeren Arten der Abendgestaltung gehört, was heute wichtiger ist als vor kurzem noch. Wer sich vom Programm ein, zwei Stunden Flucht aus der Wirklichkeit erhofft, per Traumschiff oder Raumschiff, wird allerdings enttäuscht. Auch im Fernsehen geht es neuerdings nämlich nur noch ums Geld. Meistens ums Geld, das fehlt.

Auf RTL legt der Berliner Schuldnerberater Peter Zwegart jede Woche pünktlich seine Stirn in Falten und stapft entschlossenen Schrittes los, um seinen Klienten die Grundregeln der Buchhaltung beizubringen. Zwegart ist die Supernanny der hyperaktiven, schwer erziehbaren Erwachsenen. Der Sendung „Raus aus den Schulden“ zuzuschauen tut weh, aber es ist ein süßer Schmerz, der Hoffnung auf Erlösung in sich birgt. Denn wenn Zwegart kommt, kann man damit rechnen, dass gleich ein ganzes schreckliches Gebäude aus Lügen, Hochstapelei und Selbstbetrug in sich zusammenstürzen wird.

Weil das wohlige Schaudern am Abgrund den Zuschauern gar so gut gefällt, gibt es bei „Kabel 1“ das Konkurrenzformat „Hagen hilft“. Dort besucht ein Unternehmensberater existenzgefährdete Familienbetriebe. Auf „Sat 1“ gibts das Abenteuer Wirtschaft gleich im Doppelpack: Zuerst die Doku-Soap „Geheime Helfer“, in der sich Millionäre unters Volk mischen, um dort unscheinbare Wohltäter zu finden – und sie am Ende reich zu beschenken. Damit es nicht zu weihnachtlich-gutmenschlich wird, setzt es anschließend das Kontrastprogramm: In „Gnadenlos gerecht“ klingeln Sozialfahnder an Wohnungstüren und durchwühlen die Kleiderschränke von arbeitslosen Hartz IV-Empfängern, um Sozialbetrüger zu entlarven.

In mehreren Auswanderer-Serien – ebenfalls Quotenheuler – kann man echte Menschen dabei beobachten, wie sie ihre sieben Sachen packen, eine Fremdsprache lernen und im Ausland Job und Wohnung suchen. Und selbst durch die Castingshows weht der ökonomistische Zeitgeist. Es ist gar nicht lang her, da wollte man Supermodel oder Popstar werden, um prassen und schlimm sein zu dürfen. Von Heidi Klum oder Marcus Spiegel hingegen wünschen sich die Teenager Haltungsnoten, Ernährungstipps und ein erfolgsversprechendes Trainingsprogramm, um sich im Brotberuf „Supermodel“ und „Popstar“ eine krisenfeste Existenz aufzubauen.

Wie lang ist es eigentlich her, dass man im Fernsehen nackte Brüste zeigte, damit die Leute einschalten? Geben und nehmen, verdienen und sparen, ausborgen und anlegen: Öffentliche Buchhaltung scheint im Trash-TV der neue Sex zu sein. Statt an BH-Verschlüssen wird ausschließlich noch an Kontoauszugsmäppchen herumgefummelt – mit ähnlicher Nervosität und ähnlicher Gier, und mit ähnlich voyeuristischer Lust an der Enthüllung.

Ein paar Kuppelshows gibt es noch, als letzte Reservate für hormonelle Aufwallungen und unökonomische Sehnsüchte. „Bauer sucht Frau“ zum Beispiel. Aber sucht er die nicht vor allem deswegen, weil sein Hof eine zupackende, verlässliche Wirtschafterin braucht?

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