Ja, mehr Pietät und mehr Respekt vor der Privatsphäre wären wichtig. Aber nicht bloß bei Promis.

Sibylle Hamann

Man möge jetzt bitte in der Berichterstattung die Stopptaste drücken, sagte Stefan Petzner in jenem Moment, in dem das Bild seines Lebensmenschen kippte. Vom pflichtbewussten, treusorgenden Familienvater, der so schnell wie möglich heimwollte zu Mamas Geburtstag – hin zum stockbetrunken Autoraser, bei dem man im Nachhinein nur noch dankbar sein kann, dass er auf seinen letzten Metern keinen pflichtbewussten, treusorgenden Familienvater niedergemäht hat. Man möge die Stopptaste drücken, sagte Petzner, und kurz überlegen, wo die Grenze verläuft: zwischen einer öffentlichen Figur und einem privaten Menschen; zwischen sachlicher Kritik und persönlicher Diffamierung.

Die Bitte des neuen BZÖ-Chefs ist, angesichts ihres Zeitpunkts, natürlich ein bisserl durchsichtig; und angesichts der dezenten bis ehrfürchtigen Berichterstattung über Jörg Haiders Tod auch gar nicht wirklich apropos. Doch prinzipiell hätte der junge Mann schon recht. Es täte der Atmosphäre im Land tatsächlich gut, wenn ab und zu die Stopptaste gedrückt würde, bevor alle Sicherungen des Anstands und der Höflichkeit durchknallen.

Zum Beispiel in den Online-Foren der österreichischen Medien. Hier sollte, der hehren Idee nach, freier, frischer, unzensierter Austausch von Meinungen stattfinden. In Wirklichkeit sind die meisten Foren jedoch zu Tümpeln des Ressentiments verkommen, wo jeder, der will, im Schatten der Anonymität Unterstellungen und Verschwörungstheorien in die Welt setzen kann, und wo Häme, Schadenfreude und Bösartigkeit grassieren. Mitunter auch dann, wenn es um Leib und Leben von Menschen geht.

Jörg Haider, seinem Ruf und seinem Andenken zuliebe wurde da die Stopptaste gedrückt. In den meisten Foren schaltete man die Kommentarfunktion ab oder setzte einen Moderator ein. Dieser Schutz, diese Sorgfalt, diese Rücksicht waren wohltuend. Weniger wohltuend allerdings ist die Willkür, mit der dieser Schutz gewährt wird. Normale Menschen, schwächere Menschen, Menschen, die die Öffentlichkeit nie von sich aus gesucht haben, bekommen ihn so gut wie nie.

Zum Beispiel: Wie auch immer ein Ausländer mit dunkler Hautfarbe in Österreich zu Tode kommt – er kann sicher sein, dass ihm mindestens ein Poster die öffentlichen Abschiedsworte „Super! Einer weniger!“ hinterherrufen wird; nicht bloß in finsteren Boulevardkellern, sondern auch auf diepresse.com. Ebenhier wurde der Flüchtlingshelferin Ute Bock, die in ihrer Verzwieflung ausrief, sie würde eher aus dem Fenster springen als Familien mit kleinen Kindern auf die Straße zu setzen, „Spring Bock!“ entgegengeblafft, mit dem Zusatz: „Wünsche noch einen guten Flug!“

Als in einer Innsbrucker Schubhaftzelle ein Mann nigerianischer Herkunft brannte, konnte man – unwidersprochen – den Ratschlag lesen: „Türe zusperren, alles abdichten und wenn der Brand ausgegangen ist, wieder die Tür öffnen!“ Von den Bewohnern des Flüchtlingslagers Traiskirchen wünschte man sich: „Die sollen sich doch mit Eisenstangen erschlagen, da wäre uns ja nur geholfen damit!“

Ich hätte gern, dass auch da jemand ab und zu die Stopptaste drückt.

 

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