Ist Österreich ein Fürstentum? Fast schaut es so aus.

Sibylle Hamann

Er hat den Kindern immer zugewunken, wenn er an der Ecke vorbeigefahren ist. Manchmal ist er sogar stehengeblieben. „Er hat dem Buben die Hand geschüttelt und ihn nach seinem Schulerfolg gefragt“, sagt die Mutter von Marcel. „Danke, dass ich in deiner Nähe sein durfte“, „Danke, dass du mir einmal die Hand gereicht hast“, steht im Kondolenzbuch.

Er war da. Er war an fast jedem Ort seines Landes zumindest einmal, und sobald er seinen Fuß auf einen Flecken Erde gesetzt hatte, war dort alles fast schon wieder gut. Denn seine Gegenwart veränderte alles. „Er war für alle da, die Reichen und die Armen, die Schwachen und die Kranken“, erinnert sich einer. Zumindest war er für jene Armen, Schwachen und Kranken da, deren Abstammung ihm genehm war.

Er hat gut für uns gesorgt. Er hat uns immer Geschenke gebracht. Was wir haben, verdanken wir ihm. „Er hat uns die Familienbeihilfe gegeben und die Kindergärten“, sagt die Mutter von Marcel, „nur wegen ihm geht es Kärnten so gut“. „Danke für all das Gute, das du mir hast zukommen lassen“, steht auf einem handgeschriebenen Zettel, „Danke für alles, was du für uns und unsere Familien geschaffen hast“, auf einem anderen.

Gut, dass es keine Steuern und kein Budget gab in seinem Land, sondern bloß eine große Schatulle. Die war gefüllt mit Geld und Edelsteinen aus seinem Privatvermögen und mit Benzin, das ihm seine Freunde aus dem Morgenland geschenkt hatten. Des Wohltäters Herz war zu groß, als dass er all diese Schätze für sich hätte behalten wollen. Deswegen hat er immer wieder in die Schatulle hineingegriffen und uns etwas in die Hand gedrückt, wenn wir was gebraucht haben.

Umso einsamer sind wir nun. Was sollen wir denn tun, jetzt, wo du uns allein gelassen hast, mit diesem Land, das dein Land war, diesem Hof, der dein Hof war, dieser Partei, die es nicht gäbe ohne dich, und diesem Leben, das irgendwie auch dir gehört? „Wir leben durch dich“, hat jemand auf ein Taferl geschrieben, „Du hast uns das Glück gegeben, beschützt zu sein“, steht auf einem anderen. „Die Sonne ist vom Himmel gefallen“, sagt dein Parteifreund. Und wenn das Licht erloschen ist, das allen den Weg gewiesen hat, ist es plötzlich sehr finster und sehr kalt.

Das ist längst nicht mehr die Geschichte von einem verantwortungslosen Autoraser, der Jörg Haider hieß. In dieser Geschichte geht es um Grundsätzlicheres. Um eine Herrschaftsform, in der sich Haider kaum von seinem Vorgänger Leopold Wagner unterschied, und Kärnten nur in Nuancen von den anderen österreichischen Bundesländern, Wien mit seiner langen autoritären Geschichte inklusive.

„Der Doktor Lueger hat mir einmal die Hand gereicht“, sang Hans Moser in einem seiner schaurig-schönen Wienerlieder. „Er hat gesagt: Mein lieber Freund, mein braver Steuerträger/Ich fürchte nicht für diese Stadt/solang sie solche Bürger hat./ Dann hat er mir die Hand gereicht, der Doktor Lueger.“

Der Fürst gibt, der Fürst nimmt. Des Fürsten Pflicht sind Befehle und Lob, der Untertanen Pflicht sind Gehorsam und Dankbarkeit. Hans Moser hat ziemlich präzise beschrieben, wie das ist in Österreich.

 

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