Das Familiensplitting ist schön für Romantiker. Aber schlecht für die Familien.

Sibylle Hamann

Ein Mann und eine Frau tun sich zu einem Paar zusammen. Schön. Man kann ihnen alles Gute wünschen. Anschließend kann man mit ihnen auf zwei Arten umgehen.

Die erste Art ist die romantische. Die begreift Mann und Frau nicht mehr als zwei Menschen, sondern als Einheit. Als einen symbiotischen Organismus quasi, mit vier Armen, vier Beinen, zwei Köpfen und zwei Herzen, die in stetem Gleichklang schlagen. Weil die beiden immer und ewig unzertrennlich bleiben wollen, spezialisieren sie sich. Der eine Kopf rechnet, der andere macht sich Sorgen. Der eine bewährt sich draußen in der kalten Arbeitswelt, der andere kümmert sich, dass daheim der Kachelofen eingeheizt ist und alle satt und zufrieden sind. Nur zu zweit sind die beiden komplett, nur gemeinsam sind sie stark. „Ich weiß gar nicht, wie du das immer machst“, sagt sie. „Du bist meine bessere Hälfte“, sagt er.

Die zweite Art des Umgangs ist unsentimentaler. Sie lautet so: Auch wenn sich ein Mann und eine Frau unendlich lieben sollten – sie bleiben doch zwei Individuen, und es ist nie verkehrt, wenn beide drauf schauen, dass sie ökonomisch auf eigenen Beinen stehen. Auch und gerade dann, wenn sie Kinder haben. Wer weiß, wie lang es gut geht mit der ewigen Treue, statistisch beträgt die Chance bloß 50:50. Da ist es nützlich, einen Beruf zu haben – und gleichzeitig zu wissen, wie die Waschmaschine funktioniert. Sicher ist sicher.

Seit Jahrhunderten ist es die Aufgabe von Minnesängern, Dichtern und Popstars, die Sehnsucht nach Symbiose zu bedienen. Ohne dich kann ich nicht leben, ohne dich bin ich verloren: Es sind dicke Bücher und dramatische Arien dabei herausgekommen.

Aber die Politik? Die soll nicht singen und nicht dichten. Sondern, nüchtern für Sicherheit und Berechenbarkeit sorgen, und möglichst vernünftiges Verhalten fördern. Das Steuerrecht kann verliebte Bürger zwar nicht davon abhalten, bei der Paarung irrationale Risiken einzugehen. Aber es braucht sie zu irrationalen Risiken nicht auch noch zu ermuntern. Womit wir bei der ÖVP und beim Familiensplitting wären.

Kinder staatlich zu fördern ist gut und richtig. Doch ein Ehegattensplitting, das aus zwei Menschen eine ökonomische Einheit macht, bevor sie besteuert werden, ist gesellschaftspolitischer Unsinn. Es belohnt Asymmetrie in einer Beziehung: je mehr der eine verdient und je weniger der andere, desto größer der Vorteil. Es ermuntert Männer, lieber noch mehr Überstunden zu machen, statt auch mal die Kinder ins Bett zu bringen. Es ermuntert Frauen, sich, wie im vergangenen Jahrhundert, lieber einen gutverdienenden Mann zu angeln, statt in die eigene Ausbildung zu investieren. Es fördert, in anderen Worten, ökonomische Abhängigkeit, samt aller zusätzlicher Schmerzen, die damit im Trennungsfall einhergehen.

Totale Verschmelzung ist eine große Sehnsucht. Sie sei jedem, dem sie gelingt, von Herzen gegönnt. Totale Verschmelzung ist gleichzeitig eine hoch riskante Lebensform. Sie taugt als Motiv für ein Opernlibretto. Als staatlich subventioniertes Norm-Lebensmodell taugt sie nicht.

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