Angst hat an Schulen nichts verloren. Aber alle haben sie: Lehrer, Eltern, Schüler, Politiker.

Sibylle Hamann

In den Wiener Schulen stimmen in diesen Tagen Mütter und Väter, Lehrer und Lehrerinnen über die „Neue Mittelschule“ ab. Es herrscht riesiges Durcheinander. Es gibt Direktoren, die sich nicht auskennen, und Direktorinnen, die die Sache absichtlich boykottieren. Es gibt Eltern, die nicht verstehen, warum sie überhaupt abstimmen sollen – denn ihre Kinder, die bereits in die Hauptschule oder ins Gymnasium gehen, sind von möglichen Neuerungen ja gar nicht betroffen. Und es gibt die Eltern von Volksschulkindern, die nicht verstehen, warum gerade sie NICHT gefragt werden – wo es doch um ihre Kinder geht.

Die Kinder fragt ohnehin keiner.

Die „Neue Mittelschule“ verspricht, was sich eigentlich jede Schule wünscht: mehr Ressourcen, zusätzliche Stunden, zwei Lehrer pro Klasse, moderne Pädagogik, Kleingruppenunterricht, individuelle Förderung von Begabungen. Ein Angebot, das niemand ablehnen kann, theoretisch. Umso beunruhigender ist, wie brüsk es von beinahe allen AHS ausgeschlagen wird. Man spürt: Da herrscht Abwehr. Und Angst.

Da ist zunächst die Angst der AHS-Lehrer. Ihr Status beruht seit jeher darauf, sich von den Pflichtschullehrern zu unterscheiden – in der Art der Ausbildung, der Anrede, der Bezahlung. Jeder Herr, jede Frau „Professor“ ahnt: Sobald man im selben Schulgebäude steht und womöglich dieselben Kinder unterrichtet, sind die Privilegien bald perdu.

Da ist die Angst des Systems, selbst auf den Prüfstand gestellt zu werden. Das System AHS hat derzeit nämlich eine bequeme Hintertür: Wenn es daran scheitert, Kindern etwas beizubringen, kann es stets behaupten, das liege an den Kindern. Eine gemeinsame Schule hingegen muss für jedes Kind und dessen Lernerfolg Verantwortung übernehmen.

Dann sind da die Ängste der Eltern, insbesondere jener, die den sozialen Aufstieg vor kurzem erst geschafft haben. Mit Mühe haben sie sich von der Unterklasse abgegrenzt, und versuchen, ihre Kinder vor Konkurrenz zu schützen. Das System AHS hat ihnen versprochen, ihnen dabei zu helfen, indem es allfällig nachdrängende Talente dauerhaft draußen hält. In einer gemeinsamen Schule könnte dieser hart erkämpte Vorsprung wieder verloren gehen.

Kein Wunder, dass da am Ende auch die Kinder Angst haben. Dass sie Bauchschmerzen kriegen, und den Kopf zwischen die Schultern ziehen, um sich wegzuducken. Jeden Tag müssen sie Angst haben, nicht zu genügen; abgestuft, aussortiert, weggeprüft zu werden. Weil diese Art Schule darauf ausgerichtet ist, stets ihre Fehler ins Visier zu nehmen, statt wahrzunehmen, was sie vielleicht können.

Ein Schulsystem, das so viel Abwehr und Angst produziert, ist eine Zumutung für alle Beteiligten. Es ist nicht nur grausam, sondern auch ineffizient – gemessen an seiner Aufgabe, möglichst vielen Menschen möglichst viel beizubringen, damit im Land was weitergeht. Wer Angst hat, lernt nicht. Wer Angst hat, hat keine Freude daran, anderen etwas beizubringen.

Und wer Angst hat, bringt keine mutige, ehrliche, weitblickende Bildungspolitik zusammen, sondern bloß ein vermurkstes Flickwerk aus halbherzigen Schulversuchen.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.