Die unschuldig Gefangenen von Guantanamo müssen irgendwohin. Warum nicht nach Österreich?

Sibylle Hamann

Da ist zum Beispiel Ravil Mingazow. Der war in seinem früheren Leben einmal Balletttänzer in Russland. Moslem ist er auch. Auf welch verschlungenen Wegen es ihn nach Afghanistan verschlug, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir wissen bloß, dass er in einem pakistianischen Flüchtlingslager als angeblicher Terrorist aufgegriffen und inhaftiert wure. Seither sitzt er, in einen orangefarbenen Overall gehüllt, in Guantanamo.

Da ist der Algerier Nabil Hadjarab. Bis zum Alter von zehn Jahren lebte er bei einer Pflegefamilie in Frankreich. Dann ist einiges schiefgegangen. Er war sehr jung, fast noch ein Kind, als er nach Guantanamo gebracht wurde.

Da ist Ahmed Belbacha, ebenfalls algerischer Abstammung. Sogar aus Sicht jener, die ihn gefangen halten, ist er ziemlich sicher unschuldig. Doch er wehrt sich gegen seine Freilassung. Denn daheim in Algerien muss Belbacha ebenfalls mit Verhaftung, Misshandlungen, Folter oder noch Schlimmerem rechnen. „Guantanamo ist wie ein Grab“, sagt er. „Trotzdem habe ich Angst, riesige Angst, von hier fortgebracht zu werden.“

Guantanamo: Das war in den vergangenen Jahren für jeden, der die Werte Amerikas mit einem einzigen Wort totschlagen wollte, stets die richtige Waffe. Man rief „Guantanamo!“ in den Raum – und schon lag man garantiert richtig: Auf der Seite der Menschenrechte und der Demokratie, gegen den Idioten Bush und die ignoranten, brutalen Amerikaner. Wer „Guantanamo!“ sagte, konnte sich im Gefühl der moralischen Überlegenheit Europas sonnen.

Jetzt ist es soweit, und Europa hat Gelegenheit, diese moralische Überlegenheit mit Taten zu beweisen. George Bush gibt es nicht mehr lang, Barack Obama will Guantanamo zusperren – und wir können dazu beitragen. 255 Männer sitzen derzeit noch dort ein. Bei 120 von ihnen wird es, mangels Beiweisen, keine Anklage geben. Weitere 60 sind bereits als unschuldig entlastet und könnten jederzeit freikommen. Das Problem ist bloß: Obama weiß nicht, wohin mit ihnen. In ihren Hematländern droht ihnen oft Gefängnis und Folter, insbesondere dann, wenn sie aus China oder Libyen stammen, aus Russland oder Tunesien, aus Usbekistan, Algerien, dem Irak, Somalia oder Syrien.

Klar wäre die naheliegendste Lösung: Diese Leute alle zu US-Staatsbürgern zu machen, ihnen zur Entschuldigung die Hand zu drücken, und ihnen dabei zu helfen, in Nevada oder North Dakota Fuß zu fassen. Nüchtern betrachtet, ist das allerdings nichts, was man den Betroffenen wirklich zumuten kann, nach allem, was war. Jahrelang sind sie von höchsten Repräsentanten des Staates als Staatsfeinde, als „die Böseseten von den Bösen“ dämonisiert worden. Wer jahrelang rechtlos im amerikanischen Gitterkäfig saß, wird kaum mit ehrlicher Inbrunst bei der amerikanischen Hymne mitsingen können. Es wäre – sagens wirs mal so – ein ziemlich brutaler, traumatischer Beginn für eine langfristige Liebesbeziehung.

Wer Obama helfen will, Guantanamo endlich zu schließen, kann also eines tun: Die Gefangenen aufnehmen und ihnen beim Neustart ins Leben helfen. Albanien hat das, als einzige Land, bisher getan. Ist da noch jemand?

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