Was macht einen guten Vater aus? Und wie wird man einer? Dass Männer sich solche Fragen stellen, ist ziemlich neu. Gut so.

Gespräche: Sibylle Hamann

Sucht man die Zukunft der Vaterschaft, muss man bloß in die Straßenbahn steigen und nach Ottakring fahren, wo sich der süßliche Geruch der Brauerei mit jenem nach verbrannter Schokolade mischt, der aus der Manner-Fabrik herüberweht. Dort oben, im dritten Stock einer grauen Zinskaserne, ist Faris zu Hause, mit seiner Freundin und seinem Sohn Jonathan.

Die geräumige Altbauwohnung, mit abgewetztem, knarrendem Parkett, ist ihre ehemalige WG. Das Kind, mit Schnuller im Mund, ist eineinhalb und macht eben sein Mittagsnickerchen im Gitterbett. Faris, mit in paar grauen Strähnen in den hablangen Locken, macht Tee. Und er ist ziemlich froh, dass alles so gekommen ist.

Was machst du so, als Vater?

Faris: Ich stehe früh auf. So früh, wie ich es mir vorher nie hätte vorstellen können, als ich noch in der Gastronomie gearbeitet hab. Vormittags bin ich immer mit Jonathan unterwegs, da lernt meine Freundin für die Uni, nachmittags geh ich dann arbeiten. Es ist ziemlich lustig, mit dem Kinderwagen rumzudüsen.

Was hat sich verändert, gegenüber dem Leben vorher?

Früher war ich viel unterwegs, ständig unter Leuten, alles ist an mir vorbeigezischt, an vieles erinnere ich mich gar nicht mehr. Jetzt vergeht die Zeit ganz anders, viel intensiver. Das erste Jahr mit Jonathan war wie in Zeitlupe. Da geschieht so viel jeden Tag. Man wird viel aufmerksamer.

Hast du dich als Person verändert?

Ja, klar. Ich war ein Chaot, bin immer zu spät gekommen. Das geht natürlich nicht mit einem Kind, ein Kind muss sich auf einen verlassen können. Jetzt hab ich ein super Zeitmanagement. Man kann sagen, der Jonathan hat mich zu einer radikalen Veränderung gezwungen, die ich ohnehin wollte, aber ohne ihn hätte ich es vielleicht nicht zusammengebracht.

Wird man erwachsen, wenn man Vater wird?

Ja, schon. Ich bin gewachsen, größer geworden, reicher irgendwie.

Erwachsen sein heißt normalerweise, dass man erstarrt und routiniert wird…

Hm. Nein, das meine ich nicht. So gesehen, macht einen das Kind eigentlich jünger. Weil sich ständig alles ändert.

Spürst du Verantwortung?

Ja. Als Jonathan unterwegs war, hab ich gemerkt: Da ist etwas, das wichtiger ist als ich. Ich muss mich jetzt selbst zurücknehmen und ein Drumherum aufbauen, das für unser Kind passt.

Du hast den Druck gespürt, ein Nest zu bauen? Eine Familie zu ernähren?

Ja. Aber weniger im materiellen Sinn. Ich hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, Zeit zu haben. Würde ich immer noch im Lokal arbeiten, würd ich mehr Geld verdienen, aber ich wäre total erschöpft. Mit dem Job, den ich jetzt nachmittags mache, hab ich Energie für Jonathan. Das war eine bewusste Entscheidung, und es passt super.

Wie teilt ihr euch das mit dem Arbeiten auf, du und deine Freundin?

Einer richtet sich nach dem anderen. Als sie schwanger war, hatte ich das Angebot, eine Hauptrolle in einem ägyptischen Film zu spielen. Da ist sie mitgegangen, ein paar Monate lang. Wenn sich jetzt nach dem Studium irgendwo ein toller Job für sie auftut, würde ich mit ihr mitgehen. Ist doch logisch, dass man sich abwechselt, oder?

Macht Verantwortung auch Angst?

Nein. Seltsamerweise nie. Ich hab mir gedacht: Da kommt was Neues, und da geh ich jetzt einfach drauf zu.

Wie klingt das Wort „Vater“ in deinen Ohren?

Schon ein bisserl komisch. Altmodisch. Es klingt nach Haus bauen, Kohle ranschaffen, wie eine Last im Genick. Ich sag selten: Ich bin Vater. Ich sag lieber: Ich hab einen Sohn.

Und das Wort „Papa“?

Das hab ich sehr gern. Manchmal sitz in ich in der Straßenbahn und denk mir: Ich fahr jetzt nach Hause, weil ich Papa bin, und weil da jemand auf mich wartet. Das macht mich stolz.

Es klingt so einfach, wenn man bei Faris in der Küche sitzt. Es klingt „gemütlich“, und das ist eines der Worte, die er am liebsten verwendet, um sein Leben zu beschreiben. Dass Männer Kinder als selbstverständlichen Teil ihres Lebens begreifen, sich mit Babybrei und Windelmarken auskennen, für Alltägliches Verantwortung übernehmen und berufliche Entscheidungen an die familiäre Situation anpassen – das ist relativ neu.

Ja, es gibt Milieus, in denen Männer mit solchem Verhalten nicht mehr als seltsame Exoten auffallen. Wo sie sogar damit rechnen können, als cool zu gelten. Aber ist die gleichberechtigte Familie deswegen schon Wirklichkeit? Ein Blick in die Statistik bringt die schlagartige Ernüchterung: Denn da wird klar, dass Männer wie Faris, objektiv betrachtet, die absolute Ausnahme sind.

Zunächst schaut man in die Statistik fürs Kinderbetreuungsgeld: 96 Prozent der BezieherInnen sind weiblich, 4 Prozent männlich. Auch bei der Arbeitsteilung ist von gleichberechtigter Elternschaft keine Rede. Der durchschnittliche Jungvater verbringt nach der Geburt eines Kindes zwischen 41 und 45 Wochenstunden im Büro, im siebten Lebensjahr des Kindes erreichen die Überstunden den Höhepunkt. So wird Vaterschaft mitunter sogar zum Karriereturbo, während Mütter typischerweise in der Teilzeitnische landen – und dauerhaft dort bleiben. Die Zahl der Väter in Teilzeit ist, mit fünf Prozent, verschwindend klein.

Spiegelverkehrt schaut es mit der Aufgabenverteilung zu Hause aus. Auf die Frage: „Wie oft machen Sie über eine Stunde Hausarbeit?“ antworten nur 13 Prozent der männlichen Angstellten in Österreich „täglich“. 47 Prozent sagen: „ein bis zweimal im Jahr“ oder „nie“.

Das alles klingt, als lebe die Mehrzahl der österreichischen Familien noch in den Fünfzigerjahren. Und doch gibt es Indizien dafür, dass sich unter der Oberfläche mehr verändert hat, als diese Zahlen vermuten ließen. Verunsicherung ist spürbar. Ehrgeizige, ausschließlich an ihrem Beruf interessierte Männer formulieren immer öfter die Sorge, dass ihnen vielleicht etwas Wichtiges im Leben entgeht. Alte Männer am Ende erfolgreicher Karrieren bereuen, nie genug Zeit mit ihren Kindern verbracht zu haben.

Man hört die Klagen verbitterter Scheidungsväter, die vom Gericht nur bestätigt bekommen, was sie längst hätten wissen können: Wer fürs Kind da war, als es schrie und einen brauchte, kriegt, wenn eine Familie zerbricht, normalerweise das Sorgerecht. Wer nicht da war, weil er arbeiten war, bleibt als Zahl- und Besuchspapa übrig. Tatsächlich gibt es in Österreich bloß fünf Prozent männliche Alleinerzieher. Mit jenen vier Prozent, die in Karenz gehen, hält sich das ziemlich genau die Waage.

Fragt man österreichische Männer, wie viele Kinder sie sich wünschen, kommt man auf einen alarmierenden Durschschnittswert von 0,9. Das ist viel weniger als die Kinderzahl, die sich Frauen wünschen, und der mit Abstand tiefste Wert in ganz Europa.

Das alles kann nur bedeuten: Traditionelle Vaterschaft ist für Männer in diesem Land offenbar immer weniger verlockend – und nicht wirklich befriedigend. Es gibt die leise Ahnung, Vaterschaft könnte vielleicht auch anders sein. Aber man traut sich nicht drüber. Vielleicht wird man in die Falle gelockt – und am Ende ausgelacht?

Zeit für einen Männerforscher. Erich Lehner ist einer. Als Psychotherapeut hat er mit Konflikten aller Art zu tun, die sich aus den vielfältigen Ansprüchen an Väter ergeben. Als Sozialwissenschaftler hat er sich mit der veränderten Männerrolle über die Geschichte hinweg beschäftigt. Und Vater ist er auch.

Was macht einen guten Vater aus?

Lehner: Er hat Zeit. Die Bindung zu einem Kind entsteht über die Pflege. Damit das Kind eine stabile Beziehung zu ihm entwickelt, muss er kontinuierlich da sein, verfügbar sein, teilhaben am Alltag, geben und nehmen.

Wodurch unterschiedet sich ein guter Vater von einer guten Mutter?

Durch gar nichts. Zwei stabile Bezugspersonen sind für das Kind ideal. Das können zwei Männer oder zwei Frauen sein, Großeltern, was auch immer, entscheidend ist die Zahl zwei. Mit zwei Bezugspersonen kann das Kind auf zwei verschiedene Gewohnheitsmuster und zwei verschiedene Lösungsansätze für Probleme zugreifen. Das gibt Sicherheit, denn es weiß: Wenn einer von beiden auslässt, gibt es noch einen Plan B, eine Alternative. Das traditionelle Familienmodell, wo sich ein Kind ausschließlich auf die Mutter verlassen kann, ist daher suboptimal.

Reicht Spielen am Wochenende, um eine solche Bezugsperson zu werden?

In den Siebzigerjahren glaubten wir noch, das Spielen sei für die Eltern-Kind-Bindung das Entscheidende. Neue Studien zeigen: Wichtiger ist als das Spielen ist die Hausarbeit. Entscheidend für ein Kind ist, zu spüren, dass da jemand ist, der es pflegen, versorgen, füttern und trösten kann, auch in Krisenzeiten. Dann fühlt sich ein Kind im sicheren Hafen.

Ein richtiger Vater sollte also kochen können?

Klar. Er sollte es sogar gezielt lernen. Weil Männer meistens nur gern tun, was sie auch gut können, und sich ungern unterlegen fühlen.

Bedeutet das, dass ein Vater, der seine Vaterrolle ernst nimmt, zwangsläufig verweiblicht?

Wenn man Fürsorge als „weiblich“ definiert, dann ja. Aber ich lehne solche Archetypen ja ab. Fürsorge ist genauso wenig „weiblich“ wie Ehrgeiz „männlich“ ist, beides gehört zu Männern und Frauen dazu, beides macht den Menschen erst komplett. Ein fürsorglicher Mann wird nicht weiblicher, sondern menschlicher. Ein Mann, der Kinder pflegt, lernt zwangsläufig eine andere, eine empathische Art der Kommunikation. Und entwickelt damit eine andere Art Männlichkeit.

Die traditionelle Männlichkeit zu verlieren, ist aber genau die Urangst von Männern….

Ja. Diese Angst zu können nur wenige Männer individuell überwinden. Deswegen muss man ihnen auf der gesellschaftlichen Ebene helfen.

Wenn es darum geht, Kastrationsängste abzubauen, wirkt vielleicht die normative Kraft der Popkultur. So weltfremd die Lebenskonzepte von Celebrities wie Heidi Klum oder Angelina Jolie auch sein mögen – man muss diesen überspannten Supermüttern zugute halten, dass sie die Maßstäbe, an denen männliche Attraktivität gemessen wird, ordentlich durcheinandergeschüttelt haben. Seal bezeichnet sich offensiv als Hausfrau, Brad Pitt schleift die Kinder über die roten Teppiche von Cannes – und von beiden behaupten die Gattinnen, erst als Väter seien sie so richtig scharf.

Jenseits der sexuellen Attraktivitätsskala gibt es allerdings auch die materielle Kosten-Nutzen-Rechnung. Denn die Vaterrolle in der klassisch bürgerlichen Familie geht immer noch mit sehr handfesten Privilegien einher – und die muss man, auf dem Weg zur modernen Vaterschaft, erst mal über Bord werfen.

Traditionell hat der Vater hatte die Aufgabe, die Familie mit seiner Arbeit zu erhalten und nach außen zu vertreten. Er fungierte, wie es der Philosoph Dieter Thomä in seinem neuen Buch „Väter“ historisch schildert, als Scharnier, als Bindeglied zur staatlichen Obrigkeit. Bis zu den Familienrechtsreformen der Siebzigerjahre war er automatisch das Familienoberhaupt. Als „Herr im Haus“ konnte er entscheiden, ob seine Ehefrau berufstätig sein durfte, welche Schule seine Kinder besuchen sollten. Gegenüber den Kindern hatte er ein Züchtigungsrecht, die Gattin durfte er straflos vergewaltigen.

Rechtlich ist dieses Herrschaftsverhältnis heute abgeschafft. Das Prinzip „Wer Geld verdient, schafft an“, ist allerdings noch nicht aus den Köpfen gelöscht. Auch heute ahnt ein Mann, dass er auf Status, Macht, Geld und öffentlichen Einfluss verzichtet, wenn er die Ernährerrolle – zumindest teilweise, zumindest zeitweise – an Frauen abtritt.

Als Gegenleistung bekommt er das Versprechen auf ein kompletteres, erfüllteres Leben und intensivere Beziehungen. Das ist verlockend, aber noch sehr vage. Dass sich der Tausch auszahlt – ganz sicher wissen kann man das vorher nicht.

Denkst du, seit du Vater bist, mehr über deinen eigenen Vater nach?

Faris: Ja, klar. Mein Vater ist Ägypter. Wer ich bin, definiert sich in Ägypten über den Namen meines Vaters und Großvaters. Wenn ich diese Namen bei der ägyptischen Passkontrolle sage, muss ich, trotz österreichischem Pass, keine Einreisegebühr zahlen. Das Wort „Vater“ heißt auf arabisch: „Der die Geburt gibt“.

Aus was für einer Familie kommst du?

Meine Mutter ist Steirerin. Mein Vater kam aus einer traditionellen Familien von Großgrundbesitzern. Mein Großvater war noch ein richtiger Patriarch mit dreizehn Kindern, mein Vater war der älteste Sohn der Zweitfrau. Er ging in den Siebzigern nach Österreich, und musste sich und seinem Vater beweisen, dass er auch jemand ist.

Du hast zwei Brüder. War dein Vater viel für euch da?

Nein. Vatersein bedeutete für ihn, dass er uns materielle Wünsche erfüllen kann. Er war viel unterwegs, ein Geschäftsmann halt, ist immer wieder mal aufgetaucht, dann war er wieder weg, und irgendwann hat das meiner Mutter gereicht. Ich war eines der ersten Scheidungskinder in meiner Umgebung damals, da war ich zwölf. Ich hab meinen Vater erst verstanden, als ich später länger in Ägypten war. Was für ein Druck auf ihm gelastet haben muss, auf dem stolzen Ausländer, der in der Fremde sein Glück versucht.

Was hat die Scheidung für ihn bedeutet?

Das war ein riesiger Schock. Da ist ihm erst bewusst geworden, was er verloren hat. Nachher hat er unsere Nähe gesucht, wollte Zeit mit uns verbringen. Heute, wo er zwei Enkel hat, hat er sich komplett verändert. Er ist der beste Vater der Welt.

Was denkt er über die Art Familienleben, die du führst?

Er bewundert das. Ich glaube sogar, er beneidet mich um die Erfahrungen, die ich mit meinem Sohn mache. Er war mein Vorbild in vielen Dingen, aber in dieser Sache kann er von mir lernen. Das macht mich stolz. Und das beste am Vater-Sein ist doch, vom Kind zu lernen, oder?

Wie begegnen dir andere Männer seiner Generation?

In der Straßenbahn schauen sie oft komisch. Auch in der Arbeit hab ich gemerkt, wie unsicher ältere Männer im Umgang mit jüngeren Vätern manchmal sind. Sie tun sich sehr schwer, über Kinder zu reden, selbst wenn sie welche haben. Sie werden dann immer gleich melancholisch. Sie sagen ständig, wie wichtig diese Zeit ist, aber du merkst genau, dass sie selber gar nicht wirklich dabei waren und sich kaum erinnern können.

Gibt es auch so etwas wie Vätersolidarität?

Schon, aber hauptsächlich materiell. Von meinen Chefs hab ich gehört: „Einen Jungvater setzen wir sicher nicht auf die Straße, du musst doch jetzt eine Familie ernähren.“

Lange sah es so aus, als seien ausschließlich Frauen für die Neudefinition der Geschlechterrollen zuständig, die Neudefinition der Vaterrolle inklusive. Als Familien- oder Frauenministerinnen erfanden Frauen Papamonate, propagierten Halbe-Halbe bei der Hausarbeit, versuchten, die Arbeitswelt familienfreundlicher zu machen. Den Männern redete man gut zu, bei all diesen Anstrengungen doch bitte mitzumachen. Aber wirklich selbst verantwortlich dafür fühlten sie sich nie.

In Skandinavien ist das längst anders. Dort gibt es schon seit Anfang der Achtzigerjahr keine explizite „Frauenpolitik“ mehr – sondern eine Genderpolitik, die stets beide Geschlechter angeht. Niemand dort ließe es durchgehen, Kindergärten oder die vielstrapazierte „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ ausschließlich als Frauenproblem zu definieren. Von jedem Spitzenpolitiker wird verlangt, sich öffentlich mit Themen wie Männlichkeit, Rollenverhalten und Partnerschaft auseinanderzusetzen – mitunter auch vor Publikum.

In Österreich und Deutschland gibt es erst heute zaghafte Anzeichen, dass Männer diesen Diskurs selbst führen wollen. Die Männerforschung hat an den Universitäten noch nicht Fuß gefasst. Politisch ist man über eine belächelte Männerabteilung (erst im Frauen-, heute im Sozialministerium) bisher nicht hinausgekommen.

Nur die Mutigsten gehen das Thema offensiv an. Robert Habeck, Vorsitzender der Grünen in Schleswig-Holstein, brach ein Tabu, als er seine Wahl in den Parteivorstand mit dem Argument ablehnte, er brauche Zeit für seine vier Kinder. Zeit zum Schreiben fand er zumindest – und schrieb ein Buch mit dem Titel „Verwirrte Väter oder: Wann ist ein Mann ein Mann“. Vor zwei Wochen trat der Zürcher Bürgermeister Elmar Ledergerber von seinem Amt zurück – mit der Begründung, er müsse sich um seinen pubertierenden Sohn kümmern.

Noch sind solche Aktionen auffällig genug, um einen PR-Mehrwert zu bringen. Noch sind es weder Gewerkschafter noch Personalchefinnen, weder Politiker noch Finanzbeamte gewohnt, Vaterschaft als wesentlichen Teil einer männlichen Erwerbsbiographie mitzudenken. Noch fehlt im Umgang mit Vätern die gesellschaftliche Routine. Weil die Masse an sichtbaren Vätern fehlt.

Wie kann man Männer in großer Zahl dazu bringen, aktiv Väter zu werden?

Lehner: Männer sind als Herdenwesen sozialisiert. Sie leben und denken in der Konkurrenzgemeinschaft mit anderen Männern. Die Bestätigung anderer Männer ist ihnen viel wichtiger als die Bestätigung durch Frauen. Gleichzeitig sind sie Sicherheitswesen: Sie wollen nicht aus der Gruppe herausfallen, nicht bestraft werden. Was sie antreibt, ist stets die Frage: Wie kriege ich einen Zuwachs an Männlichkeit?

Vaterschaft kann einen Zuwachs an Männlichkeit bringen? Wie?

Am einfachsten durch Belohnung mit Status, Aufstieg, Geld. In Skandinavien ist das schon so. Wenn ein Mann befördert werden soll, ist ein entscheidendes Kriterium, ob er auch Familienerfahrung vorweisen kann. Für Führungskräfte gehört es mittlerweile zum guten Ton, sich Väterkarenz zu nehen – wer es nicht tut, würde von anderen Männern schief angeschaut. Der norwegische Ministerpräsident musste seine Papa-Tage nehmen, ob er wollte oder nicht – sonst wäre er abgewählt worden.

Beinahe jeder Vater sagt, er würde sich prinzipiell gern Auszeiten nehmen. Aber fast jedem fallen dann doch tausend Gründe ein, warum es in seinem Fall leider, leider partout nicht geht.

Das größte Hindernis für Auszeiten sind die Mitmänner. Der einzelne Mann hat Angst, als seltsamer Typ, als Weichei oder Nestbeschmutzer dazustehen. Wer sich allein eine individuelle Lösung mit dem Chef ausverhandeln will, hat es da sehr schwer.

Gesetze würde da helfen?

Selbstverständlich. Männer sind es gewöhnt, hierarchisch zu denken. Wenn sie einen Befehl von oben bekommen, dann murren sie zwar nach Vorschrift, aber sie fügen sich – und sind insgeheim sogar froh, dass man ihnen die Entscheidung abnimmt, selbst für etwas kämpfen zu müssen. Ein Gesetz, das ihn zur Karenz verpflichtet, nimmt jedem Mann eine riesige Last von den Schultern. Er kann dann sagen: „Ich will das zwar nicht unbedingt, aber wenns sein muss, kann man halt nichts machen.“

Nicht die Frauen sollen den Männern gut zureden, sondern die Obrigkeit soll die Männer zu ihrem Glück zwingen?

Ja. Ich glaube tatsächlich, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Dass man etwas erst tun muss, um zu erfahren, was es bringt.

Und was bringt es?

Männer werden entdecken, dass die Fähigkeiten, die man bei der Sorge für Kinder erwirbt, vielen gesellschaftlichen Bereichen gut tun. In jedem Unternehmen, in jedem Beruf. Sogar in so klassisch männlichen Zusammenhängen wie dem Militär. Die schwedischen Soldaten, die in Afghanistan stationiert sind, kann man immer wieder auf Pressefotos sehen, wie sie mit einheimischen Kindern spielen. An der entspannten Art, wie sie das machen, merkt man: Die können das. Solche Eindrücke können wichtig sein bei der Frage, ob die einheimische Bevölkerung zu einer Besatzungsmacht Vertrauen fasst. Fürsorge kann entscheidend sein, sogar im Krieg.

Jonathan ist aufgewacht. Er wird gleich Essen kriegen, und dann mit seinem Papa einkaufen gehen. Er hat den Schnuller ausgespuckt, stellt sich erwartungsvoll neben seine Schuhe und kriegt einen Pullover über den Kopf.

Faris packt mit knappen Handgriffen die Siebensachen in den Rucksack, man sieht ihm an, dass er Routine dabei hat. „Ich hoffe bloß, dass der sich mit dem ganzen Männergetue keinen Stress mehr machen muss, wenn er groß ist,“ sagt er.

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