Ein Buchbeitrag

WoifürGute Kindergärten sind gut für die Kinder. Aber nicht nur für sie. Gute Kindergärten sind gut für die Mütter und für die Väter, die Kindergärtner und die Kindergärtnerinnen, für die Schulen, für unser Familien- und Erwerbsleben, und für unsere Volkswirtschaft insgesamt.

Das hat, zunächst einmal mit den Frauen zu tun. Jahrzehntelang hat man Mädchen ermuntert, in die Schule zu gehen, sich dort anzustrengen, und später einen guten, interessanten Beruf zu erlernen. Diesem Rat sind die Mädchen tatsächlich gefolgt, in großer Zahl. Sie haben heute in den Schulen die besseren Noten als die Buben, schaffen öfter die Matura, beginnen öfter ein Studium. Wir schauen ihnen stolz zu, wie sie nun sogar die jungen Männern bei der Zahl der Studienabschlüsse überholt haben.

Aber in dem Moment, in dem Frauen ans Kinderkriegen denken, gilt das alles plötzlich nicht mehr. „Du musst dich entscheiden“ sagt man ihnen. „Beides, Familie und Beruf, wird nicht wirklich gehen.“ Und dann schubst man Frauen, die man eben noch für ihre tollen Qualifikationen und Kompetenzen gelobt hat, mit Ende zwanzig oder Mitte dreißig aus den beruflichen Schienen. Man schickt sie in „Babypausen“, die viele, viele Jahre dauern, weil eben keine gute, verlässliche Kinderbetreunng da ist. Man schaut dabei zu, wie sie, Jahr für Jahr, den Anschluss verlieren. Erst wenn das Kind in der Schule ist, lässt man sie endlich wieder „ein bisschen dazuverdienen“. Halbtags. Geringfügig. In der Teilzeitnische. Man stellt sie aufs berufliche Abstellgleis, wo sie nicht mehr in Frage kommen für Weiterbildung, Aufstieg oder gar Führungspositionen. Weil ja Kinder da sind. Und irgendwer sich ja kümmern muss.

Die Unsitte, Mütter im Erbwerbsleben nicht ernst zu nehmen, ist in Östereich noch viel verbreiteter als in anderen Ländern Europas. Sie hat verheerende Folgen, in vielerlei Hinsicht.

Nüchtern betrachtet, ist es zunächst eine riesige Verschwendung von Ressourcen, Frauen erst zu Atomphysikerinnen auszubilden, um sie dann auf die Hausaufgabenkorrektur ihrer Kinder zu beschränken. Auch der Arbeitswelt und tut es nicht gut: Frauen, ihre Qualitäten und Qualifikationen fehlen dort dringend, vor allem in den wirtschaftlichen und politischen Führungsetagen. Und den Familien, den Beziehungen und den Kindern, schadet diese Unsitte am allermeisten.

Wenn Papa jeden Tag bis spät abends Überstunden macht, um die Familie als Haupternährer über die Runden zu bringen, während Mama täglich zwischen Halbtagsjob, Oma, Spielplatz, Küche und Supermarkt hin- und herläuft, ist das eine sichere Quelle von Frustration und Missverständnissen. Studien weisen auf einen sehr interessanten Zusammenhang hin: Eine gleichberechtigte Aufgabenteilung trägt entscheidend zur Stabilität von Beziehungen bei. Und für die Kinder ist es ohnehin am besten, zwei stabile, verlässliche Bezugspersonen zu haben – statt einer permanent, aber einzig verfügbaren Mutter.

Wir müssen weg von diesem Eineinhalb-Ernährermodell. Hin zu einer Alternative, die für alle Beteiligten wesentlich verlockender ist: Wir brauchen Mütter und Väter, die beide im Erwerbsleben verankert bleiben. Wir müssen ihnen, und zwar BEIDEN von ihnen, die Chance geben, beruflich zeitweise kürzer zu treten, sich hie und da Auszeiten und ausreichend Zeit für ihre Kinder zu nehmen. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass die wichtigen Erfahrungen, die sie als Mütter und Väter machen, der Arbeitswelt auf immer verloren gehen.

Damit das funktionieren kann, brauchen wir eine qualitativ gute, flächendeckende, verlässliche Kinderbetreuung, die sich nicht bloß als Notnagel versteht, wenn die „eigentlich zuständige“ Mutter kurz nicht verfügbar ist. Wir brauchen eine Kinderbetreuung, die die Lebenswirklichkeit von Eltern ernst nimmt – und ihnen nicht permanente Drahtseilakte zwischen Bring-, Hol- und Bastelpflichten aufzwingt.

Wir müssen die vielen Bruchstellen, die sich zwischen Erwerbsleben und Familie beinahe zwangsläufig auftun, nicht weiter ignorieren. Wir dürfen die mannigfaltigen Probleme, die an diesen Bruchstellen entsehen, nicht mehr als „private Probleme“ abtun und deren Lösung ausschließlich den Frauen aufbürden. Wir müssen für die Kinder, die wir alle wollen, endlich auch gesellschaftliche Mitverantwortung übernehmen.

Es täte allen gut. Am meisten wahrscheinlich den Kindern.

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