Der Vergleich mit Amerika bringt es ans Licht: Österreichs politisches Establishment ist erschreckend veränderungsresistent.

Eine Analyse.

Barack Obama und Josef Pröll sind beide Schwarze. Beide sind angetreten, Veränderung zu bringen, und haben einen neuen Stil in der Politik versprochen. Obama ist 47 Jahre alt. Josef Pröll ist vor wenigen Wochen erst 40 geworden. Wie kommt es da, dass letzterer, im Vergleich, so alt ausschaut?

Seit die amerikanische Präsidentenwahl geschlagen ist, kann das österreichische Publikum gar nicht anders, als einen skeptischen Blick auf sein politisches Personal zu werfen: Ist das wirklich alles, wir kriegen konnten? Die Antwort ist so eindeutig wie ernüchternd: Auch wenn es in Östereich einen Obama gäbe – das Wahlvolk würde kaum die Chance bekommen, ihn überhaupt kennenzulernen. Geschweige denn, über ihn abzustimmen.

Das ist, zunächst, eine Stil- und Organisationsfrage. Zu keinem Zeitpunkt seiner Karriere ist ein österreichischer Politiker gezwungen, sich vor Publikum zu bewähren. Es sind allein die Parteien, die das politische Personal auswählen, und in der Regel kann man davon ausgehen, dass einem Funktionär jener am besten gefällt, der so aussieht und spricht wie er selbst. Nur so ist erklärbar, dass Menschen wie Laura Rudas als „Zukunftshoffnungen“ durchgehen – die mit zwanzig schon so sprechen, als hätten sie ihr 40jähriges Parteijubiläum hinter sich.

Diese Personenauswahl wirkt sich massiv auf die Inhalte aus. Welches Ausmaß an „Change“ ist überhaupt wünschenswert fürs Land? Da fällt die Antwort einer Kleingruppe aus Parteiangestellten, Kammerfunktionären und Bündeobleuten wohl eher unrepräsentativ aus. Wer täglich mit Beamtengewerkschaftern zu tun hat, hört bald auf, eine Reform des Bildungssystems auch nur für möglich zu halten. Und über eine grundlegenden Verwaltungsumbau kann nicht nachdenken, wer permanent den Atem der Landesfürsten im Nacken spürt – jenen des eigenen Onkels inklusive.

Womit wir bei der Frage der sozialen Durchlässigkeit wären. Die Wählerkoalition, die Obama an die Macht gebracht hat, waren Frauen, Junge, Nicht-Weiße und Einwanderer – jene Mehrheit, von der Ehrgeiz und Veränderungsdruck ausgeht, weil sie bisher an der Macht unterrepräsentiert ist. Das US-System ist offenbar in der Lage, diese Dynamik aufzunehmen, wenn es historisch an der Zeit ist.

Genau das ist in Österreich umgekehrt. Zugespitzt formuliert: SPÖ und ÖVP sind die Garanten dafür, diese aufstrebenden Gruppen solange wie möglich von der Macht fernzuhalten – auch wenn es längst schon an der Zeit wäre. Sie sind die Verteidiger erworbener Besitzstände, ihre Lieblingspose ist die Abwehr, und wie sehr sie ihre Möglichkeiten damit einschränken, scheint ihnen selbst nicht einmal aufzufallen.

Frauen, Einwanderer, Junge: Die Obama-Koalition findet es hierzulande ganz normal, kein Thema zu sein. Jene Menschen, von denen die wichtigsten gesellschaftlichen Veränderungen ausgehen, kommen, anders als in den USA, im Fernsehen nicht als handelnde Personen vor, sondern allenfalls als „Betroffene“. Sie werden, anders als in den USA, nicht einmal im Wahlkampf direkt angesprochen. Sie sind es gewöhnt, sich bei politischen Verteilungskämpfen bloß am Rand mitgemeint zu fühlen.

Lange haben es in den USA die alten weißen Männer geschafft, ihre Interessen mit jenen des Landes gleichzusetzen. Die österreichischen alten weißen Männer schaffen das, wie es scheint, noch lang. Selbst wenn sie physisch noch gar nicht so alt sind, wie man vermuten würde.

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