Was junge Mütter tun und lassen müssen, kriegen sie genau vorgeschrieben. Und wehe, eine folgt nicht!

Frau D. ist 43 Jahre alt, eine ziemlich schicke, mächtige, erfolgreiche Frau, und hat am 2. Jänner eine Tochter bekommen. Zohra heißt sie. Gratulation! müsste man da schlicht sagen, aber so einfach ist das nicht, denn Frau D. heißt Rachida Dati und ist französische Justizministerin.

Zunächst einmal ist sie alleinstehend und will niemandem erzählen, wer Zohras Vater ist. Das geht die Öffentlichkeit nichts an, sagt sie. Zweitens erschien sie fünf Tage nach der Geburt schon wieder an ihrem Arbeitsplatz, es gab halt eine wichtige Kabinettssitzung, die sie nicht verpassen wollte. Und drittens kam sie zur Sitzung nicht mit wirren Haaren und im rotzverschmierten Schlabberpulli, wie man es von Jung-Müttern offenbar erwartet, sondern frisch gefönt, in einem enganliegenden teuren Designerkostüm samt gefährlich hochhackigen Schuhen.

Skandal! schreit seither das Land, und der ganze Kontinent stimmt in den Chor mit ein. Wie kann man nur! Verantwortungslos sei das, gegenüber dem Baby, gegenüber sich selbst und gegenüber allen anderen Müttern; es sei, hört man wechselweise, ein schlechtes Vorbild, ein Zeichen von Allüren, von Machtgier, von Jobangst, von grenzenloser Selbstüberschätzung oder von grenzenloser Selbstausbeutung.

Stellen wir nüchtern fest: Die meisten Jung-Mütter wollen das anders. Die meisten brauchen ein bisschen Zeit, um körperlich auf die Beine zu kommen, freuen sich über ein bisschen Zeit, um sich an die neue Lebenslage zu gewöhnen, und es ist gut und wichtig, dass wir heute Arbeits- und Sozialgesetze haben, die ihnen das ermöglichen (die Zeit für die Väter wünschen wir uns gleich noch dazu).

Stellen wir aber ebenso nüchtern fest: Frau Dati hat noch selten in ihrem Leben etwas so gemacht, wie man es in ihrem Umfeld von ihr erwartete. Sie stammt aus dem Arbeitermilieu, ist das Kind nordafrikanischer Einwanderer und wuchs mit zehn Geschwistern in einer Sozialwohnung auf. Sie musste darum kämpfen, studieren zu dürfen, und hielt sich mit Jobs im Supermarkt über Wasser. Als Muslimin hätte sie sich in ihre arrangierte Ehe fügen müssen – doch sie löste sich daraus.

Im zentralistisch-elitären Frankreich, wo einander fast alle Mächtigen aus der Schule kennen, hätte eine wie sie eigentlich gar nie nach oben kommen dürfen. Sie hat es trotzdem geschafft. Man darf annehmen: Nur deshalb, weil sie sie eine Menge Prognosen, Warnungen und Ratschläge in den Wind geschlagen hat.

Frau Dati erlebt in diesen Tagen, was beinahe jede Frau erlebt, wenn sie Mutter wird, ob sie Kassierin ist oder Ministerin: Dass alle möglichen Menschen ihr Prognosen, Warnungen und Ratschläge aufdrängen, ungebetenerweise. Dass alle, alle ganz genau wissen, was gut und richtig ist für Mutter und Kind, obwohl kaum einer Mutter oder Kind näher kennt.

Lasst sie doch einfach, die kleine Zohra und die große Rachida. Die machen das schon, auf ihre Art.

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