Gedanken zu den angeblich ach so globalisierten Medien. Ein Vortrag im Waldviertel.

1. Wir sind immer und überall.

Das Sinnbild der globalisierten Medien ist der geteilte Bildschirm. Der zeigt, simultan, Ereignisse von verschiedenen Schauplätzen. Die fiktive amerikanische Fernsehserie „24“, in der der Spezialagent Jack Bauer durch Amerika hetzt, um in Echtzeit tickende Bomben zu entschärfen und in letzter Sekunde Katastrophen zu verhinden, hat aus diesem relativ einfachen Trick ein ganzes Erzählgenre entwickelt, das in den folgenden Jahren stilbildend wirkte – nicht nur im Unterhaltungsfernsehen, sondern auch, was die Ästhetik der Nachrichtensendungen betrifft.

Die drei zentralen Elemente dieser Ästhetik sind: Erstens die Gleichzeitigkeit der Ereignisse in mehreren, auf ein und demselben Bildschirm untergebrachten Kästchen – viele Akteure, viele Tatorte, gemeinsam ist ihnen bloß das Ticken derselben Weltzeituhr im Hintergrund. Zweitens die Echtzeit, in der diese Ereignisse gezeigt werden – die Zuschauer und Zuschauerinnen sind, angeblich, im selben Moment, in dem sie auf dem Sofa sitzen, live dabei. Aus diesen beiden Charakteristika folgt, drittens, dass stets auch Leerläufe, Unschärfen, unredigierte, „räudig“ und unfertig wirkende Bilder Teil des Narrativs sein müssen. Denn eine wirkliche, authentische Abbildung eines Dramas kann per Definition nicht aus sorgfältig redigierten Höhepunkten bestehen, sondern bezieht ihre Dramatik daraus, dass jederzeit, aus vermeintlichem Stillstand heraus, eine Überraschung möglich ist.

Die Nachrichtenredaktionen in aller Welt haben sich dieser Split-Screen-Ästhetik, samt der Erwartungshaltung, die damit einhergeht, mittlerweile beinahe durchgehend angepasst. EIN Bild auf dem Bildschirm reicht längst nicht mehr. Immer müssen zumindest die Börsenkurse durchs Bild laufen, oder die Schlagzeilen von anderen Krisenherden. Meist müssen zumindest zwei KorrespondentInnen aus verschiedenen Zeitzonen zusammengeschaltet werden. Und immer gehört auch das Kamera-Standbild, das ein beleuchtes, aber nur schemenhaft erkennbares Nichts in weiter Ferne zeigt, zum Repertoire der Krisenberichterstattung.

Jeder Nachrichtenmoderator, jede Nachrichtenmoderatorin ist mittlerweile ein bisschen Jack Bauer, und jeder Kameramann, jede Kamerafrau bemüht sich, etwas von der Ästhetik permanent eingeschalteter Überwachungskameras zu übernehmen, um authentisch zu wirken.

Die Nachrichtenmaschine erzeugt mit Hilfe dieser Tricks die Botschaft: Wir haben unseren Blick, in genau diesem Moment, überall. Der Globus ist rund, doch keine Sorge: Egal ob die Sonne grade auf- oder untergeht, die Nachrichtenmaschine verfügt über ein umfassendes Beobachtungsradar, das jeden Punkt der Erde gleichermaßen abtastet und nach überraschenden Ereignissen screent. Uns wird nichts Wichtiges entgehen.

2. Wir sind nicht immer und überall

Dieses Bild totaler globaler Gleichzeitigkeit ist jedoch eine Lüge. Die Lüge beginnt schon beim Wort „Netzwerk“, das Medien so gern verwenden, um ihre eigene Funktionsweise zu beschreiben. „Netzwerk“ bezeichnet, per Definition, ein nicht-hierarchisches Organisationssystem, in dem jeder der Punkte, die miteinander verbunden sind, ungefähr gleichrangig ist. Außerdem suggeriert das Wort, dass jeder Punkt Sende- und Empfangsstation gleichzeitig ist; dass jeder Ort eine Quelle von Nachrichten sein kann – und gleichzeitig ein Ort ist, an dem diese Nachrichten auch konsumiert werden.

Doch diese Gleichrangigkeit existiert ganz und gar nicht. Würde man sich die Struktur der weltumspannenden Nachrichtenmaschine bildlich vorstellen – es ergäbe nicht ein Netz, sondern eher einen bzw mehrere Bäume. Die Stämme dieseser Bäume stehen, mächtig und unverrückbar verwurzelt, im angloamerikanischen Raum; ein kleinerer Baum hätte seinen Stamm in Frankreich, eine einzelne exotische Pflanze stünde in Qatar und verkörperte den arabischen Fenrsehsender Al-Jazeera. Von diesen Baumstämmen ausgehend, überzöge ein Geflecht aus dicken Ästen und Zweigen den Globus – wobei die Zweige mit der Entfernung immer dünner werden. Die Baumstämme sind die großen internationalen Nachrichtenagenturen – Reuters, AP, Bloomberg, AFP – mit ihren Regionalstellen auf den einzelnen Kontinenten, den kleineren oder größeren Länderbüros, und Korrespondetinnen und Stringern bis in die Kleinstädte und Dörfer. An keiner dieser Verästelungen jedoch wachsen vor Ort Blätter. Die Zweige sind ausschließlich dazu da, Neuigkeiten aufzuspüren, sie einzuverleiben und in den Stamm zu pumpen. Sie führen dem Stamm sozusagen Nahrung zu.

Erst in den Zentren werden die Neuigkeiten verarbeitet, zu Nachrichten zusammengefügt und anschließend in Narrative eingeordnet. Erst in dieser verarbeiteten Form, in Form der „Story“, werden sie wieder global verbreitet.

Das globale Nachrichrichtengeschäft folgt daher, genau betrachtet, ziemlich exakt der Funktionsweise der Kolonialwirtschaft: Den Rohstoff holt man sich aus der Peripherie; zur „Veredelung“ bzw Interpretation wird er ins Zentrum geschafft, dort findet Wertschöpfung statt, die Werbezeit und Arbeitsplätze schafft; das fertige Produkt wird schließlich wieder, im Tausch gegen Geld, an die Peripherie exportiert. Dieser Deal folgt sogar den Transport- und Komunikationsrouten, die seit der Kolonialzeit bestehen und sich heute immer noch zB an den Flugverbindungen ablesen lassen: Kommunikation von Peripherie zu Peripherie findet kaum statt; wenn, dann muss sie stets den Umweg über das Zentrum nehmen. Eine Neuigkeit aus Uganda, die im Kongo wahrgenommen werden soll, kommt also erst über London und Paris dort an.

3. Fühlen statt wissen – globale Emotionen

Nachrichten sind eine Ressource. Beinahe immer kostet ihr Bergung Geld. Die eben geschilderten Recherche-Netzwerke sind teuer, und immer öfter stellen die großen westlichen Medienunternehmen Überlegungen an, ob sich ihre Investition in die lokalen Ressourcenschürfer überhaut auszahlt. „Information“ im klassischen Wortsinn ist nämlich immer öfter gar nicht mehr notwendig, um Aufmerksamkeit, Einschaltquote oder ein attraktives Anzeigenumfeld zu erzeugen. Viel attraktiver, billiger und leichter herzustellen sind da Befindlichkeit, Emotion und Meinung.

In fast allen westlichen Medien werden die Ressourcen derzeit knapper, und zwar sowohl was Geld, als auch was Zeit betrifft. Geld lässt sich desto einfacher sparen, je weiter weg sich die Besparten von der Zentralredaktion befinden, und je weniger die Einsparungen den Alltag in der Kernredaktion berühren – also am ehesten bei KorrespondentInnen, Stringern vor Ort sowie bei Reisespesen. Zeitressourcen wiederum werden vor allem deswegen immer knapper, weil bei der Herstellung der eingangs beschriebenen Rund-um-die-Uhr-Aktualität viel Arbeitskraft gebunden wird – irgendwer muss sich um die permanenten Updates schließich kümmern.

Diese Lücke im Nachrichtengeschäft haben in den vergangenen Jahren neue Akteure für sich entdeckt: humanitäre NGOs. Immer offensiver übernehmen sie die Rolle von Lobbies, die den JournalistInnen einen Teil ihrer Arbeit abnehmen. Sie kümmern sich um die Suche nach möglichen journalistischen Themen, sammeln Neuigkeiten aus jenen Teilen der Welt, in denen sie mit Projekten tätig sind, und bringen diese Regionen auf die politische und publizistische Agenda. Praktischerweise bieten sie diese Themen den Medien gleich schon aufbereitet und gebündelt an – in Form von geführten Reisen vor Ort. Sie stellen die örtliche Infrastruktur samt MitarbeiterInnen zur Verfügung, oft übernehmen sie sogar zumindest einen Teil der Kosten. Die Buchhalter in den Medien können solche Angebote kaum ausschlagen – sparen sie den Redaktionen und ReporterInnen doch viel Spesen, Zeit und Vorarbeit. Einzige Gegenleistung ist meistens ein Spendenaufruf oder zumindest eine ausführliche Beschreibung des jeweiligen NGO-Projekts.

Je abgelegener, peripherer die betreffende Region ist, je weniger man auf anderen Kanälen über sie erfährt, und je mühsamer und langwieriger es wäre, diese Region überhaupt aufzusuchen – desto offener ist das Feld für diese Art Journalismus.

Zunächst verrät dieses Phänomen bloß die globalisierte Professionalisierung von NGOs – und eine unprofessionielle Schwäche des Journalismus. Gleichzeitig jedoch hat es große Auswirkungen auf die Art und den Tonfall der globalen Berichterstattung über bestimmte, speziell die periphersten Regionen der Welt. Denn der humanitäre Diskurs hat grundsätzlich eine andere Perspektive als der klassisch journalistische: Er berichtet Neuigkeiten nicht um der Neuigkeit willen, sondern er will Betroffenheit erzeugen, Spenden lukrieren, zum politischen oder gesellschaftlichen Handeln ermuntern. Noch stärker als die klassische Nachricht muss diese Art Story klar definierte, nicht austauschbare Adressaten haben: jene MedienkonsumentInnen in der westlichen Welt, die spenden, etwas bewegen, „handeln“ sollen. Während jene, über die berichtet wird, tendenziell zu Nicht-Handelnden, zu Opfern, zu Zielobjekten von Mildtätigkeit werden.

Jene Hemisphären, an denen Nachrichten hauptsächlich stattfinden, und jene, an denen sie hauptsächlich konsumiert werden, driften damit immer weiter auseinander. Die eingangs beschriebene schiefe Ebene zwischen Zentrum und Peripherie wird noch schiefer. Und der Blickwinkel immer perspektivischer.

4. Hermetische Narrative

Global gesehen, könen wir in den vergangenen Jahren ein Paradox beobachten: je globaler, schneller und gleichzeitiger Informationen und Nachrichten verfügbar sind, desto hermetischer grenzen sich die daraus entstehenden Narrative voneinander ab.

Eine Nachricht hat selbstverständlich kaum jemals „an und für sich“ existiert – erst in der Einordnung in eine Kette von Ursache und Wirkung, erst durch Vergleiche und Analogien erhält eine Nachricht ihre Relevanz. Kriegspropaganda existiert, seit es Kriege gibt, und bot stets, quasi per Definition, bloß die EINE, die Innen-Sicht auf einen Konflikt. Ein paar Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit: Dem Völkermord an den Tutsi in Ruanda ging eine monatelange Kampagne im wichtigsten Radiosender des Landes, „Radio Mille Collines“, voraus: Da wurde behauptet, die Tutsi-Eliten planten schon längst die Ausrottung der Hutu-Mehrheit; diesen heimtückischen Plan könne man nur vereiteln, indem man ihnen zuvorkomme. Das in den Balkan-Kriegen verlustreiche Serbien, das schließlich auch von der NATO bombardiert wurde, hing kollektiv dem politisch und medial verbreiteten Glauben an, man sei das Opfer einer westlichen Verschwörung. Und China konnte im Vorfeld der olympischen Spiele jede Kritik nur dahingehend interpretieren, dass das Ausland mit aller Macht versuche, einen aufstrebenden Konkurrenten in die Knie zu zwingen.

All diese Verzerrungen kann man noch in den Kategorien traditioneller Propaganda begreifen, die quasi von Natur aus hermetisch ist. In der gegenwärtigen globalen Medienwelt kommt nun jedoch ein entscheidendes Element dazu: Dass sich eine hermetische Sicht auf einen Konflikt immer leichter als globale Sicht tarnen lässt. Je größer der Fundus ist, aus dem sich Nachrichten schöpfen lassen, desto leichter fällt es offenbar, Narrative zusammenzubasteln, ohne dass sie mit konkurrierenden Narrativen noch viele Berühungspunkte hätten. Und je größer die scheinbar unendliche Vielfalt der Quellen, von You-Tube bis Blogs, desto verlockender ist es, die so generierte „Story“ für wahrhaft universell zu halten.

Symptomatisch dafür sind die beiden großen Narrative, die die Weltpolitik und den globalen Diskurs seit 9-11 bestimmen. Die USA, und zwar die politischen Eliten ebenso wie die Bevölkerung, gehen seit Jahren tatsächlich davon aus, dass ihre Erschütterung über die Attentate des Jahres 2001 global geteilt wird – und dass der Großteil der Welt diese Ereignisse als ähnlich außergewöhnlichen, markanten emotionalen Einschnitt empfindet wie sie selbst. Die „Why do they hate us?“- Frage bestimmte jahrelang nicht nur die intellektuelle Debatte in den USA, sodern bildete gleichzeitig auch die normative Grundlage für die amerikanische Außenpolitik und den weltweiten „Krieg gegen den Terror“.

Die eingangs beschriebene Dominanz der angloamerikanischen Medienunternehmen im globalen Nachrichtengeschäft hat dazu beitragen, diese amerikanische Innensicht auf die Ereignisse mit der globalen Sicht auf diese gleichzusetzen. Dass diese Gleichsetzung ein Irrtum war, erfährt ein Amerikaner jedoch in der Regel erst, wenn er, in Afrika, Asien oder sonstwo, als Antwort auf seine existenzielle Erschütterung bloß ein halb-mitfühlendes Schulterzucken erntet.

Gleichzeitig ist im Westen, also im Einzugsbereich der angloamerikanisch dominierten Medien, weitgehend unbekannt, dass sich in den arabischen Ländern über dieselben Ereignisse ein diametral widersprechendes Narrativ festgesetzt hat. Kurz zusammengefasst, geht man dort, weitgehend unwidersprochen, davon aus, dass bei den Attentaten vom 11. September 2001 die amerikanischen und israelischen Geheimdienste die Fäden zogen. Man habe absichtlich einen Vorwand für einen anti-islamischen Krieg inszeniert, um die islamisch/arabische Welt in die Knie zu zwingen. Dieses Narrativ wird nicht etwa in verschworenen Zirkeln kundgetan, sondern von führenden Leitartiklern und Politikern; es ist das, im Mainstream fest verankerte, dominierende Leitmotiv im öffentlichen politischen Diskurs.

Unabhängig davon, dass diese Verschwörungstheorie, objektiv betrachtet, Unsinn ist: Objektiv betrachtet, ist sie realpolitisch äußerst relevant. Denn sie nährt das in der ganzen arabischen Welt verbreitete Ressentiment, vom Westen systematisch getäuscht zu werden; sie bildet den ideologischen Boden, der bestimmte politisch-strategische Entscheidungen erst verständlich macht.

In einer wahrhaft globalisierten Medienwelt, die ihre Fühler tatsächlich überall hat, dürfte die Existenz solcher hermetischen Narrative kein Geheimnis sein. Aber wir sind eben nicht immer und überall.

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