Ausgrenzen, Angst schüren: Dafür war die Saualm gedacht. Doch das BZÖ muss die kriminellen Asylwerber, die es für die Alm braucht, erst erzeugen.

Eine Reportage.

Das letzte Stück geht man dann zu Fuß hinauf. Weit ist es nicht mehr, wenn man die letzten Einzelgehöfte von Wölfnitz hinter sich gelassen hat. Der Schotterweg ist mehrere Zentimeter dick vereist. Durch ein Fichtenwäldchen gehts, die Luft ist würzig, es riecht nach Rucksack und Wandertag, unter den Schuhen knirscht der Schnee, aber viel Kraft hat er nicht mehr. Bald wird alles tauen, und der Frühling ist da.

Oben auf der Wiese blendet die Sonne. Es ist ein prachtvoller Blick hinunter, zumindest für Menschen, die in Fichtenwäldchen noch keine bewaffneten Hinterhalte erlebt haben und nicht an Tretminen denken.

Neben dem Kinderheim steht eine Schaukel. Auf den Fensterscheiben pickt der blaue Elefant aus der „Sendung mit der Maus“. Ein Wachmann steht auf der Türschwelle. Er trägt die Uniform eines Security-Unternehmens, dazu einen lässigen Dreitagebart. Er zündet sich eine Zigarette an, blinzelt ins gleißende Licht, wahrscheinlich ist ihm fad. Denn er ist ganz allein auf der Saualm, im Moment wenigstens.

Seine Mitbewohner, sechs Männer, sind unten im Tal – beim Arzt, bei Behörden, zum Abendessen werden sie wieder da sein. Nur einer nicht. Den hat gestern abend ein Notarzt-Hubschrauber geholt. Es war ein schwerer epileptischer Anfall. Der Hubschrauber landete auf der Wiese direkt vor dem Haus, im Schnee sieht man noch die Abdrücke der Kufen. 18 Kilometer steile Bergstraße bis Griffen, dann noch bis ins LKH Klagenfurt: Mit der Rettung hätte das viel zu lang gedauert.

„Es ist schon recht weit weg von allem“, gibt der freundliche Wachmann zu, „aber wir habens gemütlich“. Er kontrolliert, dass weder Drogen noch Waffen noch Besucher ins Haus kommen. Eigentlich soll er Schlägereien schlichten, aber Schlägereien gibt es keine. Anders als bei den Feuerwehrfesten, bei denen er sonst Dienst tut, „wo die Holzfäller mit den schaufelgroßen Händen einmal im Jahr etwas erleben wollen“, schiebt er hier eine ruhige Kugel. Einmal am Tag kommt eine Frau zum Kochen herauf.

Die Flüchtlinge haben also ebensowenig zu tun. Arbeiten dürfen sie nicht. Man schaut fern, spielt Pingpong. Als es schneite, waren alle, Bewacher wie Bewachte, erleichtert, endlich Schaufeln in die Hand nehmen und anpacken zu können.

Und wenn einer das Nichtstun gar nicht mehr aushält, die Stille am Berg, das Tropfen des Tauwassers, das Rauschen der Fichten und die totale Einsamkeit – dann haut er ab.

Der Wachmann zuckt die Achseln. Er hat schon vielen nachgeschaut, die hinuntergegangen sind, einzeln oder gemeinsam. Er hindert sie nicht daran. Die Saualm ist schließlich kein Gefängnis, und seine Bewohner keine Häftlinge. Sie verlieren die Grundversorgung, wenn sie ihr zugewiesenes Quartier velassen. Doch sie sind freie Menschen, im Prinzip.

Jörg Haider, der verblichene Kärnter Übervater, hatte sich die „Sonderanstalt“ auf der Saualm ausgedacht. Der Plan ging so: Erst behauptet man, es gebe in Kärnten eine Gefahr – kriminelle Asylwerber, in großer Zahl. Dann behauptet man, die Gefahr bannen zu können – durch Internierung und Isolation. Dann behauptet man, die Kärntner gerettet zu haben. Und dann würden alle politisch dankbar sein.

Mehrere Unschärfen gab es in diesem Plan. Erstens hat man große Mühe, die Kriminellen, die man für die Saualm braucht, zu finden oder zu erzeugen. Zweitens kostet das alles einen Haufen Geld. Und drittens ist Jörg Haider inzwischen tot, und seine Nachfolger tun sich mit raffinierten Plänen schwerer als er.

Machen wir uns zunächst auf die Suche nach den kriminellen Asylwebern. Mischa ist einer von ihnen. Er steht in der Küche einer Garconniere im evangelischen Pfarrhof von Klagenfurt und kocht Tee. Mischa darf vorübergehend hier wohnen. Er ist georgischer Staatsbürger, einer von jenen 16 Flüchtlingen, die kurz vor Weihnachten von der Saualm flohen, um beim Flüchtlingsreferenten Gernot Steiner vorzusprechen. Der wollte nicht mit ihnen reden, sondern schickte die Polizei.

Mischa packt alles aus, was er an Süßigkeiten zu bieten hat, es ist penibel sauber in der Küche, er will ein guter Gastgeber sein. Ja, Mischa ist „kriminell“. In Krumpendorf hat er versucht, eine Lederjacke zu stehlen, er windet sich vor Scham, als er davon erzählt. Er habe zwei Bier getrunken im Park, ganz allein, das tue er sonst nie, dann habe ers versucht. Der Detektiv bemerkte es sofort. Anzeige, Verurteilung, 300 Euro Strafe stottert er seither in 30-Euro-Monatsraten ab. Mischa ist sogar ein Serientäter. Denn auf der Post hat er auch Brieflose gestohen, 40 Stück. Von 100.000 Euro hatte er geträumt, 7 Euro waren drin. Sie schnappten ihn schnell.

Seine Frau sei in Krumpendorf endlich schwanger geworden, sechs Jahre lang hätten sie drauf gewartet, erzählt Mischa und starrt in seine Teetasse. Dann wurde er auf die Saualm verlegt und sie in die Ukraine abgeschoben. Dann habe sie das Kind verloren. Vor ein paar Tagen haben sie über Skype telefoniert. Sie weine immer am Telefon, er habe Sehnsucht, er sei so ratlos. Und schuldig fühlt er sich wohl auch.

Mischas Mitbewohner Vladimir hat eben seinen ablehnenden Asylbescheid bekommen. Sei versuchen gemeinsam, ihn zu entziffern. Auch Vladimir ist Georgier, aber kein „Krimineller“, nicht einmal im Kärntner Sinn des Wortes. Er hat Hepatits C und Schmerzen, er braucht regelmäßig Medikamente. Im Flüchtlingslager Traiskirchen sagten sie ihm, sie würden ihn an einen Ort verlegen, wo man ihn besser behandeln könne. Sie setzten ihn in einen Bus und brachten ihn direkt auf die Alm.

Anfangs habe man ihn noch regelmäßig zum Arzt hinuntergefahren, aber es war mühsam. Irgendwann habe die Quartiergeberin gesagt, sie sei ja kein Taxiunternehmen, er solle gefälligst zu Fuß gehen.

Ihr Unmut war verständlich. Zwar erhielt sie für jeden Klienten täglich 40 Euro, also den dreifachen Betreuungsatz. Doch profitabel wäre die logistisch aufwändige Location erst, wenn sie, mit 40 oder 50 Insassen, voll belegt wäre. Mehr als fünf, sechs waren jedoch selten da.

Aber warum schickt man unschuldige Kranke überhaupt in eine Anstalt, die für „gefährliche Kriminelle“ gedacht ist? Das muss mit einer speziellen Kärtner Begriffsverwirrung zu tun haben. Es gibt eine schriftliche Auskunft der Staatsanwaltschaft: Sechs von den 16 erwähnten Männern, unter ihnen Vladimir, sind völlig unbescholten; nicht einmal eine Anzeige liegt gegen sie vor. Einer ist rechtskräftig freigesprochen. Doch zwischen „angezeigt“, „schuldig“ und „kriminell“ wird nicht unterschieden, ebensowenig zwischen „krank“, „süchtig“ und „Dealer“.

„Straffällig“ ist das Wort, das Landeshauptmann Dörfler und sein Flüchtlingsreferent verwenden; und das bedeutet für sie, „wenn ermittelt wird“. Es kann aber auch bedeuten, dass nicht ermittelt wird. Denn „mir ist lieber, es ist ein unschuldiger Asylant auf die Saualm, als umgekehrt“, wie BZÖ-Chef Uwe Scheuch es formuliert.

„Bei uns entscheidet nicht die Justiz, sondern die Politik, wer schuldig ist“, sagt Rolf Holub, Spitzenkandidat der Grünen. „Die Grenze dessen, was als normal gilt, wird immer weiter verschoben. Mittlerweile liegt der Rechtsstaat angefahren am Zebrastreifen und verblutet, und alle schauen zu“.

„Kärnten wird tschetschenenfrei“ ließ der Landeshauptmann ganzseitig in der Zeitung inserieren; es war derselbe, der bei anderer Gelegenheit vom „gesunden Volksempfinden“ sprach. Stefan Petzner, der für die aktuelle Wahlkapagne des BZÖ verantwortlich zeichnet, sprach von „Kranken und Kriminellen“, die man „konzentriert unterbringen“ müsse.

„Also, da ist es mir erst kalt den Rücken hinuntergelaufen“, sagt Peter Lackner. Er sitzt am Küchentisch eines gemütlichen Einfamilienhauses, am Ratschberg über Klagenfurt. Die halbwüchsigen Kinder sind eben nach Hause gekommen. Seit Weihnachten wohnen zusätzlich noch zwei junge Männer unten neben der Garage: Gorban und Enghbat, der eine aus Afghanistan, der andere aus der Mongolei, beide ebenfalls von der Saualm.

Gorban war Analphabet, als er hierherkam. Lackner ist Personalentwickler, seine Frau Psychologin. „Da schlummert so viel Intelligenz, so viel Ehrgeiz“, sagt er mit einem Seitenblick auf die Burschen. „Die beiden sind völlig unterfordert hier. Man beginnt langsam zu ahnen, was in ihnen drinsteckt.“

Sie sind ruhige, höfliche Mitbewohner. Sie tragen den Müll raus und lernen privat deutsch, bei einer pensionierten Volksschullererin in der Nachbarschaft. Langsam schälen sich so Geschichten aus der Sprachlosigkeit. Gemeinsam hat die Familie am Küchentisch Gorbans abenteuerlichen Weg rekonstruiert: aus Afghanistan in den den Iran, per Autostopp in die Türkei, mit dem Schlauchboot weiter nach Griechenland, dann versteckt in einem LKW mit der Fähre nach Venedig, bis ihn der LKW in Traiskirchen ausspuckte.

Doch erst jetzt, in Kärnten, habe man Gorban für „aussätzig und vogelfrei“ erklärt, sagt Lackner.

Selbstverständlich irritiert die Anwesenheit der beiden Burschen in der Nachbarschaft. Lipizach/Lipica ist zweisprachig, am Ortseingang steht die Tafel. Auf der Seeseite des Hangs sind die Einfamilienhäuser der Deutschkärntner, die in Klagenfurt arbeiten und nur zum Schlafen heraufkommen. „Die tun so, als wären wir gar nicht da“, erzählt Lackner. Wenn die Burschen draußen sind, redet sie keiner an.“

Drüben hingegen, hinter der Kuppe, wohnen die slowenischen Bauern. „Die bringen Essen vorbei, übernehmen Fahrtdienste.“ Der Unterschied, meint er, liege wohl darin, dass Slowenen sich an ihre eigene Geschichte erinnern. Flucht und Vertreibung habe es in dieser Gegend oft gegeben. „Aber die Deutschkärntner verwenden viel Kraft drauf, das zu verdrängen.“

Der grüne Politiker Rolf Holub, der auch Kabarettist und Musiker ist, interpretiert das ähnlich. „Jeder Kärntner Faschist hat eine slowenische Großmutter“, sagt er. „Diese Leute hassen etwas, das in ihnen selber steckt, sie fühlen sich unrein. Haiders Idee war, alles Unreine, Hässliche im Land auf acht oder zehn Fremde zu laden und auf die Saualm zu sperren, damit es weg ist.“

Tatsächlich ist es in Kärnten nicht vorgesehen, Asylwerber näher an sich heranzulassen. Die unabhängigen Beratungsstellen wurden vor zwanzig Jahren geschlossen, seither gab es keine rechtliche Infrastruktur, kaum spezialisierte Anwälte. Immer wieder gibt es Vorfälle, die auf schlimme Zustände in den Flüchtlingsheimen schließen lassen. Doch per Weisung untersagte der Flüchtlingsreferent allen Privatpersonen den Zutritt zu den Unterkünften.

Je weniger man weiß, desto mehr Raum ist für Angst – so lautet offenbar das Kalkül des BZÖ (dem sich SPÖ und ÖVP bis heute fügen). Als die 16 Männer von der Saulm weggelaufen waren, schickte der Landeshauptmann eine Warnung an potentielle Helfer ins Land: Mindestens einer von ihnen leide an ansteckender Tuberkulose. Genaueres wurde nicht gesagt, wegen Datenschutz, und falsch war es auch.

Bemerkenswert ist jedoch, dass dieses Kalkül nicht mehr so richtig aufgeht. Es gibt Menschen, an denen die Panikmache abtropft, und die wilden letzten Wochen haben gezeigt, dass es gar nicht so wenige sind. Das „Aktionskomitee für mehr Menschlichkeit und Toleranz“ hat Gruppen und Einzelpersonen aus dem kirchlichen, grünen und künsterischen Milieu zusammengebracht. Gemeinsam hat man für alle Saualm-Flüchtlinge private Gastgeber gefunden, man organisiert Deutschkurse und Rechtshilfe, und sucht die Öffentlichkeit.

„Man muss allem selbst hinterherrennen“, sagt Angelika Hödl, Mitgründerin des Komitees. „Das ist mühsam. Aber es ist etwas aufgebrochen dabei. Man kann richtig zuschauen, wie hier eine Zivilgesellschaft entsteht.“

Jetzt sitzt Hödl zum Beispiel in der Villa der Familie Grilitsch in Pörtschach. Hier herrscht großzügiges, gepflegtes Durcheinander, über dem massiven Esstisch hängt ein riesiges Gemälde von Cornelius Kolig mit keck herauswuchernden Wasserpflanzen, auf dem Kindertisch stehen die Wasserfarben der Enkel. Tove Grilitsch hat Käse aufgewartet. Ein Tschetschene, ein Kasache, ein Moldawier und ein Marokkaner wohnen im oberen Stockwerk, die kochen normalerweise. Der Marokkaner koche am besten, sagt sie.

Ibrahim, der Tschetschene, macht ihr am meisten Sorgen. Fünf seiner acht Kinder wurden im Krieg erschossen; seine Ehefrau ist mit drei Kindern in Linz, hat aber einen neuen Mann, einen Tschetschenen, der im Krieg beide Beine verloren hat. Ibrahim sei sehr labil, letzte Woche sei auch noch seine Mutter gestorben. „Er sitzt und starrt und weint viel“, sagt Frau Grilitsch, „am besten geht es ihm, wenn er mit Paco spazierengeht“, das ist der große semmelfarbene Hund.

Tove Grilitsch ist gebürtige Norwegerin. Sie kam 1969 als Hippie nach Pörtschach. Sie dachte nicht, dass sie es lang aushalten würde, aber sie blieb. „Es war mondän, aber es war karg. Wenn man wollte, dass etwas passiert, musste man es selber machen. Und das haben wir dann auch.“

Heute ist sie Lehrerin an der Waldorfschule, die sie selbst mitgegründet hat, ihr Mann ist Unternehmer. Sie erzählt von Ärztinnen, die Flüchtlinge gratis behandeln, von Professoren, die beim Dolmetschen helfen; und von den vielen Künstlern und Wissenschaftlern, die all die Jahre justament hier geblieben sind, um Jörg Haider nicht das intellektuelle Feld zu überlassen. „Es gibt dieses andere Kärnten auch“, sagt Grilitsch, es schwingt verhaltener Stolz dabei mit.

Aber spüre man denn nicht manchmal Feindseligkeit, rundherum? „Spüren wir Feindseligkeit?“ ruft Tove zu ihrem Mann Erich hinüber, der in der Küche Zeitung liest.“ „Wir gehen halt nicht ins Wirthaus“, ruft Erich knapp zurück.

Wobei: Vielleicht ist auch das Kärnter Wirtshaus manchmal anders als sein Ruf. In Griffen, direkt am Fuß der Saualm, stehen heute Cevapcici auf der Mittagskarte. Die Faschingsgirlanden hängen schon etwas müde über die finstere Holzvertäfelung herunter, aber die Kellnerin ist guter Dinge. Ab und zu kommt einer der Wachmänner, die auf der Alm Dienst tun, auf einen Kaffee vorbei – am Weg hinauf, oder am Weg hinunter.

Ob man denn nicht Angst habe, so ganz nah an jenen Menschen, vor denen die Kärnter abgeblich beschützt werden müssen, weil sie so gefährlich seien? „Aber geh“, lächelt die Kellnerin mit jener Nachsicht, die für ahnungslose Fremde reserviert ist. „Das sind doch nur Flüchtlinge. Was sollen die denn tun?“

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