Man sieht Dildos und Arschbacken und Brüste und Haut, und man möchte sie alle zwangsweise verhüllen, wenn man eine Sexmesse verlässt.

Erlebnisbericht: Sibylle Hamann

Dass Autos mit Sex beworben werden, wird kein Zufall sein. Zumindest empfiehlt sich, wenn man eine Sexmasse besuchen will, der vorherige Besuche einer Automesse. Denn ohne Auto kommt man gar nicht hin.

Die Orte, an denen die größte österreichische Erotikmesse Station macht, liegen stets an geräumigen Parkplätzen, in der Nähe von Baumärkten, Schuhdiskontern und Gokarthallen. Die Restaurants an solchen Orten heißen „Papa Joe’s“ und haben Spareribs mit Ketchup auf der Karte; die öffentlichen Autobusse verkehren höchstens stündlich.

Freizeitzentrum Schwarzl also, vergangenes Wochende. Wenn an der Grazer Peripherie der kalte Wind pfeift, kann man sich die ermäßigte Er&Sie-Partnerkarte kaufen, bekommt ein Los für eine Tombola und den Werbezettel eines Fürstenfelder Erotik-Shops, der neben „Spielzeug für SIE und IHN“ auch Geschenke für „Geburt, Taufe, Konfirmation und Firmung“ führt. 

Die Luft, die aus der Mehrzweckhalle herauswabert, ist zum Schneiden. Im Vorraum, zum Warmwerden quasi, gibt es Polyester-Unterhosen, Brezeln und Gummibrüste, die beim Quetschen quietschen, um vier Euro fünfzig. „Dina aus Slowenien“, hinten im Eck, hat das Werbeplakat für ihre Show mit blauem Flizstift und Geodreieck selbst geschrieben: „Maße 95-70-95, Dina wird mit ihrem erotischen Tanz verzaubern!“ Sie hat brav auch Geburtsdatum und Geburtsort vermerkt, so als komme sie am Ausländeramt ihrer Meldepflicht nach.

Dina ist noch nicht dran. Sie trägt eine Korsage und isst einen Mayonnaisesalat. Über ihr hängen Herzerl-Ballons wie in einem Vorstadt-Espresso. Doch alles drängt vorbei, weiter hinein, denn dort werden internationale Pornostars versprochen, Tyra Misoux etwa, „Hardcore-Show am Auto-Erotik-Chair“ hinter schwarzen Sichtschutzwänden, Extra-Eintritt 10 Euro.

Der Weg dorthin führt durch das übliche Sex-Shop-Angebot: Die Silikonpuppe mit „drei Löchern zum Aussuchen“, „real life blond hair“ und „repair kit“, Maximalbelastung 150 Kilogramm. Penisringe, die im Dunklen leuchten, Hodenspanner, Fesselungssets mit Klettverschluss für Anfänger. Wer sich die Kunststoff-Vagina mit dem Namen „Denn sie will es“ (18 Euro) genauer anschauen will, wird – wie am patriarchalen Heiratsmarkt – schriftlich gewarnt: „Aufreißen verpflichtet zum Kauf“. Den antibakteriellen Reinigungsspray gibt es zum Sonderpreis dazu.

Noch zwanzig Minuten bis Tyra Misoux. Einzelne ältere Herren wühlen sich systematisch durch die Amateur-DVDs, mit demselben gelassenen, versierten, in sich gekehrten Kennerblick, der ihnen wahrscheinlich auch auf der Philatelie- und Antiquitätenmesse Respekt verschafft.

Alle anderen rauchen. Sie rauchen beim offensiven Befummeln der Strapse, beim defensiven Begutachten den Dildos, sie rauchen an der Kassa und beim Bier. Sie rauchen, weil es nicht viel zu tun und zu sagen gibt; und vielleicht auch, weil es alles doch ein bisschen anstrengend ist: So zu tun, als sei Sex das normalste von der Welt; so zu tun, als sei Sex wahnsinnig aufregend; und gleichzeitig zu verbergen, was genau einen denn wirklich, richtig aufregt.

Gottseidank gibt es die Bühne, der man sich zuwenden kann. Dort oben treten in regelmäßigen Abständen Menschen auf, die sich Sheila, Jessica, Marcel oder Kevin nennen. Es sind dieselben Namen, die man in der Zeitung liest, wenn die Polizei wieder irgendwo ein misshandeltes, verwahrlostes Kind gefunden hat, aber das ist wahrscheinlich Zufall.

Gleich kommt was „für die Damen“, von denen gar nicht wenige da sind. Da sind die patenten, aufgeschlossenen Fünfundvierzigjährigen in praktischer Freizeitkleidung, an der Hand ihrer schnauzbärtigen Ehemänner. Und da sind die jungen, braven, kecken Mädchen mit Piercing und Haarreifen, die den Jungs in ihrer Clique immer wieder herausfordernd in die Augen schauen: Hab ich euch nicht gesagt, dass ich mich nix scheiß?

Für all diese Damen also, und um die Wartezeit auf Tyra Misoux zu verkürzen, tritt jetzt Kevin im Piratenkostüm auf. Er muss, der Handlung wegen, erst noch in seine Schatzkiste schauen und sich einen Dolch durch den Hals rammen, ehe er sich auszieht. Er hat einen haarlosen, sehnigen Oberkörper, sein Gemächt ist sehr lang. Er kann einen Handstand, dann hängt alles verkehrt herum.

Neben der Bühne steht Günter Steininger aus Gleisdorf. Er hat zwei Wasserbetten mitgebracht. Das ist praktisch für die Kevins und Jessicas, die sich nach dem Bühnenabgang noch kurz mal professionell-lasziv drauffläzen und posieren können. Ansonsten haben die Wasserbetten, neueste Technologie, nur am Rande mit Sex, dafür umso mehr mit druckstellenfreiem Liegen, Bandscheibenentlastung und Stärkung der Rückkenmuskulatur zu tun. Darüber redet der freundliche Herr Steininger denn auch mit fachmännischer Begeisterung – wie er es sonst auf Häuslbauer-, Wohn- und Seniorenmessen tut.

Auf der Sexmesse ist er „wegen dem Gag“ – und deswegen, weil es hier so billig ist. „Den allerbesten Platz in der Halle für 300 Euro – ein Wahnsinn!“, sagt er. Zumal seine Prospekte („Die modernste Art zu schlafen! Ein Gefühl wie Schweben!“) weggehen wie warme Semmeln. Manch einer hat beim Fachsimpeln über die ideale Matzratzenhärte gar die Superstar-Tyra-Misoux-Show hinter dem Paravent verpasst. Aber vielleicht hat es auch das Sexmessenpublikum öfter mit den Bandscheiben als mit dem G-Punkt.

Ein blondes Mädchen drückt sich vorbei. Sie steckt in Mieder und Strapsen wie alle hier, eben noch hat sie vor der schwarzen Wand ihre Arschbacken für die Hobbyfotografen gespreizt, gehorsam, auf Zuruf, so als sei sie von der Agentur genau dafür gebucht wurden.

Jetzt hat sie Pause, die Stöckel klackern nur noch halbherzig, und ihr Blick ist seltsam abwesend. Bei der Frage „Wie heißen Sie?“ überlegt sie kurz. Ihr zaghaftes „Tiramisu?“ klingt irgendwie entschuldigend. Sie zieht die Schultern mit einem Ruck zurück, damit die Busenzinnen wieder geradestehen, und huscht davon.

Man möchte ihr einen Schal über die Schultern legen.

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