Wer über Beziehung, Familie und Sexualität nichts weiß, möge darüber schweigen.

Der Papst war in Afrika. Jetzt ist er wieder zu Hause im Vatikan.

Der Papst ist ein Mann, der einen alternativen, unkonventionellen Lebensstil gewählt hat. Er lebt ohne monogame Paarbeziehung, ohne Sexualpartner, in einer hierarchisch strukturierten Kleingruppe von Männern. Nüchtern betrachtet, weist seine Lebensform am ehesten Ähnlichkeiten mit gleichgeschlechtlichen, esoterisch inspirierten WGs der Siebzigerjahre auf: Man ist gemeinschaftlich organisiert, Privateigentum und materielle Statussymbole sind nicht so wichtig, umso mehr Aufmerksamkeit wird gemeinsamen spirituellen Ritualen geschenkt. Gegen Geld und weltliche Moden ist man weitgehend immun, ebenso gegen die Verlockungen des anderen Geschlechts. Wie die Mehrheit der Gesellschaft lebt und denkt, tangiert einen nicht; man hat eine Wahrheit gefunden, die wichtiger ist als jede Konvention.

Lebensstile, die von der Norm abweichen, sind völlig in Ordnung. Mehr noch: Sie gehören geschützt, damit sie von der heterosexuellen, in Paarbeziehungen und Familien lebenden Mehrheit der Gesellschaft nicht erdrückt werden.

Der Papst, die römisch-katholische Hierarchie, die Würdenträger, die Seelsorger und die einfachen Mönche und Nonnen: Sie sollen also leben, wie sie wollen. Niemand drängt sie dazu, sich fortzupflanzen. Niemand erklärt ihre (un-)geschlechtlichen Neigungen zur Krankheit oder macht ihnen Vorschriften in Beziehungsangelegenheiten. Wir schätzen ihre vielfältigen Beiträge zum gesellschaftlichen Frieden und gönnen ihnen ihre spirituellen Freuden.

Umgekehrt jedoch hat sich die heterosexuelle, in Paarbeziehung und Familie lebende Mehrheit ähnlich viel Respekt verdient; Respekt vor ihren Alltagssorgen, vor ihren Lebens- und Beziehungserfahrungen. In Afrika zum Beispiel.

Einer christlichen Frau in Kamerun, die in einer kirchlichen Klinik Rat sucht, weil ihr Mann HIV-positiv ist, empfiehlt der Papst lebenslange Enthaltsamkeit und lässt ihr ausrichten: „Kondome sind keine Lösung für die Probleme Afrikas.“ Für eine Mutter von zehn Kindern, deren neuerliche Schwangerschaft lebensgefährlich ist, hat er folgenden Ratschlag parat: Der Embryo sei stets wichtiger als der Körper der Frau; selbst eine drohende Gesundheitsschädigung dürfe kein Grund für eine Abtreibung sein; und auch die zehn lebenden Kinder, die womöglich eine gesunde Mutter brauchen, seien da keine Entschuldigung.

Wie soll man solche Ratschläge anders nennen als abseitig, lebensfremd – und in letzter Konsequenz menschenverachtend und grausam?

Abstrakte Prinzipien gedeihen umso besser, je weniger sie mit dem wirklichen, schmuddeligen, widersprüchlichen, emotional befrachteten Leben in Berührung kommen. Lebenserfahrung kann Prinzipien nachhaltig beschädigen, und wer das Leben am wenigsten an sich heranlässt, wird umso unbarmherziger mit dem Zeigefinger fuchteln.

Das war wohl schon in den sektiererischen WGs der Siebzigerjahre so.

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