…aber für die richtigen Ziele.

Ich habe großen Respekt vor der Arbeit von Lehrern und Lehrerinnen. Was sie tun, ist nicht einfach. Ich würde verstehen, wenn sie streiken.

Wenn sie, zum Beispiel, dafür streiken, anständige Arbeitsplätze zu bekommen. Geräumige Lehrerzimmer mit Schreibtischen, wo man Aufgaben korrigieren kann, im Internet recherchieren, Unterrichtsmaterial zusammenstellen, den Klassenausflug organisieren, und gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen neue Ideen für den Unterricht entwickeln. Menschen, denen eine Arbeitszeit von 40 Stunden abverlangt wird, haben ein Recht, diese 40 Stunden in einem professionell ausgestatteten Umfeld zu verbringen, statt Schulhelfte nach Hause schleppen und am Küchentisch ausbreiten zu müssen.

Ich verstehe, wenn Lehrer für bessere Schulgebäude streiken. Für Schulen, die ihre Schüler und Schülerinnen, wenn ihnen mittags der Magen knurrt, nicht mit einem schrillen Klingelton einfach hinaus auf die Straße scheuchen. Sondern anregende Orte sind, an denen Lehrende und Lernende gern gemeinsam den Tag verbringen. Wo Raum ist – nicht nur zum Essen, sondern auch für Sport und Musik und ein Gemüsebeet. Wo es Lernangebote gibt, aber auch Freiräume für kleine Geheimnisse, Zeit zum Stöbern, Forschen, Tratschen und In-die-Luft-Schauen. (Es gibt Kinder, die haben zuhause nicht einmal letzteres).

Ich verstehe, wenn Lehrer dafür streiken, mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu dürfen – und weniger mit administrativen Aufgaben. Mehr Kleingruppen, mehr individualisierter Unterricht, mehrere Lehrer gleichzeitig in der Klasse, mehr Projekte außerhalb des Klassenzimmers, über den ganzen Tag verteilt – das bedeutet: mehr „Lehrverpflichtung“, aber mehr Zeit für jedes einzelne Kind. Und, sehr wahrscheinlich: mehr Spaß am Lehren und Lernen, und deutlich mehr Erfolg dabei.

Ich verstehe, wenn Lehrer gegen die Zumutung streiken, nachmittags private Nachhilfe geben zu müssen, bloß weil andere Kollegen unfähig sind.

Ich verstehe, dass sich Lehrer überfordert fühlen, weil die Gesellschaft ihnen neue Aufgaben aufhalst, auf die sie nicht vorbereitet sind. Deswegen müssen sie für eine bessere pädagogische Ausbildung streiken, für permanente psychologische und technische Fortbildung, und für professionelle Supervision. Dafür, dass ihnen mehr Kolleginnen mit interkultureller Kompetenz und fremder Muttersprache zur Seite gestellt werden, mehr Sozialarbeiter, mehr Psychologinnen, mehr Freizeitpädagogen.

Ich verstehe Lehrer(vertreter), die auf die Barrikaden steigen, um der Politik mehr Geld und Ressourcen für ihre innovativen Ideen herauszureißen; die mit Leidenschaft für eine bessere Schule kämpfen. Was ich höre, sind Lehrer(vertreter), die mit Leidenschaft darum kämpfen, diesen Schreckensort jeden Tag so früh wie möglich verlassen zu können, und die über jede Stunde an der Schule, jede Stunde mit ihren Schülern klagen, als handle es sich um Fronarbeit und Qual.

Irgendetwas stimmt da nicht.

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