Zehn Minuten andersrum
Schade um die Mehrarbeit der Lehrer. Da hätte, mit Phantasie, Interessanteres dringesteckt.
Hättewäre zählt nicht viel, weder in der Politik noch im Journalismus. Deswegen geht mein Vorschlag zur Krisenbereinigung im Lehrerstreit jetzt ins Leere. Obwohl: Eigentlich schade drum. Es hätte allen Spaß machen können und wäre womöglich lehrreich gewesen.
Es hättewäre so gehen können: Jede Unterrichtseinheit an jeder Schule wird per Handstreich um zehn Minuten verlängert. Die Gehrer-Reform quasi im Retourgang. Für diese zehn zusätzlichen Minuten gibt es keinerlei Vorgaben, außer zwei strengen Regeln.
Die erste Regel: Es darf kein neuer Stoff durchgenommen werden. Wenn alter Stoff wiederholt wird, dann nicht sprechend und sitzend. Außer sprechen und sitzen ist beinahe alles nicht bloß erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht: Man kann singen oder trommeln, Yogaübungen machen oder malen, auf den Händen gehen, sich mittels Hieroglyphen, Zeichensprache oder Plastilin verständigen oder per Ausdruckstanz. Der Phantasie und den persönlichen Spleens von Lehrern und Schülern sind keine Grenzen gesetzt. Dabei wird sich zeigen: Irgendwas kann jeder, und alles, was man kann, kann für irgendwas hilfreich sein.
Zweite Regel: Es darf nicht getestet und abgefragt werden, zumindest nicht in der herkömmlichen Art. Lehrer können Schülern in diesen zehn Minuten Fragen stellen – aber ausschließlich solche, deren Antworten sie nicht kennen.
Diese zehn Minuten andersrum hätten gleich mehrere positive Effekte. Die Ministerin könnte ihr Gesicht wahren, denn sie hätte eine Ausweitung der Unterrichtszeit durchgesetzt, die sie nichts kostet. Mit der Verlängerung jeder Schulstunde könnte sie den Schultag sanft in den Nachmittag hinein ausdehnen, und zwar gleich mit ausgleichenden Puffer-, Ruhe- und Bewegungszonen dazwischen. Ganz so, wie es ohnehin Ziel der Ganztagsschule ist.
Auch die Lehrer und Lehrerinnen hätten sich durchgesetzt. Denn diese zehn Minuten brauchen keine Vorbereitungszeit, man muss dafür keine Hefte nach Hause schleppen und sich keine neuen Gesichter in neuen Klassen merken. Man muss bloß da sein und zuhören. Gleichzeitig bieten die zehn Minuten Gelegenheit, Dinge zu erfahren, die man vielleicht immer schon gern gewusst hätte, aber nie zu fragen wagte.
Die Schüler und Schülerinnen schließlich hätten ebenfalls gewonnen. Sie bekämen mehr Zeit bei gleichbleibendem Lerninhalt, und die Chance, sowohl die Lehrenden als auch den Stoff mal von einer anderen Seite kennenzulernen.
Zugegeben: Es ist eine ziemlich schlichte Idee. Sie braucht keine Großinvestionen, keine neues Lehrerdienstrecht, keinen Abriss der Schulgebäude, keine Sprengung des großkoalitionären Budgets. Zugegeben: Es hätte noch tausend bessere, professionellere, grundsätzlichere Reformideen gegeben.
Aber nüchtern betrachtet muss man sagen: Interessanter als das, was bei den Lehrerverhandlungen herausgekommen ist, ist es allemal.
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