Im Fluss schwimmt die Leiche einer slowakischen Pflegerin, ein Schriftsteller macht sich auf die Spurensuche, die Kronenzeitung hetzt, der Rest ist Schweigen.

Bericht: Sibylle Hamann

Im richtigen Leben wären sie einander wahrscheinlich nie begegnet. Martin L., 36 Jahre alt, Österreicher, Schriftsteller, ein schmaler Intellektueller, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, „kleine, harmlose Geschichten zu erzählen, die das Publikum erheitern“, wie er selbst es beschreibt. Denisa S., 29 Jahre alt, Slowakin, eine von geschätzten 40.000 illegalen Rund-um-die-Uhr-Pflegerinnen, zuletzt im Dienst bei einer angesehenen Familie im oberösterreichischen Vöcklabruck, wo sie einen bettlägrigen ehemaligen Primararzt betreute.

Martin L. und Denisa S.: Die beiden werden einander auch niemals begegnen, denn Denisa S. wurde am 29. Januar 2008 am Flussufer der Ager angeschwemmt, etwa zehn Kilometer außerhalb von Vöcklabruck. Sie war nackt, sie war tot. Doch seit Martin L., Monate später, eine slowakische Boulevardzeitung durchblätterte und dort von ihrem Schicksal erfuhr, hat ihn Denisa S. nicht mehr losgelassen.

Er ist losgezogen, um der mysteriösen, geschundenen Toten nachzuforschen. Dabei stellte er Fragen, von denen er eigentlich meinte, dass sie auf der Hand liegen: Wer war diese Frau? Was hat zu ihrem Tod geführt? Warum irrte sie im Jänner barfuß und fast nackt durch die Kleinstadt? Wo kommen die blauen Flecken auf der Leiche her? Warum hatte sie seltsame Medikamente im Blut? Und gibt es jemanden, der für all das zur Rechenschaft gezogen werden kann?

Dann hat Martin Leidenfrost ein Buch darüber geschrieben. Elfriede Jelinek, die sich zutiefst erschüttert fühlte, als sie von dem Fall erfuhr, hat ihn dabei öffentlich unterstützt. „Die Tote im Fluss“ ist das Protokoll einer Spurensuche geworden, das ziemlich schnell und ziemlich ehrlich in das Protokoll eines Scheiterns kippt. Mörder hat Leidenfrost nämlich keinen identifzieren können, bloß einen Haufen Widersprüche, und je länger er sich in die Recherche verstrickte, desto unübersichtliche wurde die Sache (siehe Chronologie). „Ich bin ein lausiger Kriminalist“, gibt der Schriftsteller zu.

Bloß auf eines hatte er fest, ganz fest gehofft: „Dass sich, wenn ich fertig bin, jemand findet, der die Staffel übernimmt und die Sache zu Ende führt.“ Ein professioneller Ermittler. Die lokalen Behörden. Wer eben für die Lösung von Kriminalfällen in diesem Land offiziell zuständig ist.

Aber es ist ist einfach niemand da, der ihm die Staffel aus der Hand nimmt. Seit Leidenfrost mit seinen Recherchen an die Öffentlichkeit ging, verweigern die Behörden jeden Kontakt, und je näher man an Vöcklabruck, das Epizentrum des Geschehens, heranrückt, desto dröhnender wird das Schweigen.

Ende April, zwei Monate nach Erscheinen seines Buches, ist der Autor nun persönlich da. Monatelang hat er sich um eine Lesung in Vöcklabruck bemüht. Ihm ist bewusst, dass man ihn hier als unwillkommenen Eindringling sieht, und er kann nicht leugnen, dass ihn eine gewisse Beklemmung umfängt.

Vierzig Zuhörer sind in die Buchhandlung gekommen, im Publikum sitzen wichtige Zeugen im Kriminalfall: Die ehemalige Fußpflegerin im Haus des Primararztes, die bei den Ermittlungen eine große Rolle spielte; sowie jener Bauleiter, der die Wasserleiche damals fand. Beide fühlen sich von der Polizei nicht richtig verstanden. Beide äußern Zweifel. Beide finden es seltsam und empörend, wie wenig über den Fall geredet wird. Sie wollen reden.

Das hätte, den normale Regeln des Mediengeschäfts entsprechend, eine aufregende Geschichte sein können. Doch wieder einmal ist kein Behördenvertreter da, kein Landesstudio-Reporter, keine regionale Zeitung. Nicht einmal das Bezirksblatt, das sonst über jeden Traktorunfall berichtet.

Denisa S., ihr Leben und ihr Sterben sind in Vöcklabruck offenbar kein Thema, dürfen keines werden. Ganze 90 Sekunden war sie dem ORF-Landesstudio bisher wert, im ersten und bisher einzigen Fernsehbeitrag, 15 Monate nach ihrem Tod. „Das Schweigen in den oberösterreichischen Medien ist beinahe hundertprozentig, ganz glauben kann ichs immer noch nicht“, staunt Leidenfrost. „Ich bin da offenbar in ein regionales Machtkartell hineingeraten, das ich nicht ganz verstehe.“

Genauer versteht das die Kronenzeitung, die in ihrer oberösterreichischen Ausgabe seit Monaten eine scharfe Kampagne gegen den Autor und gegen die Tote fährt, um „unsere angepatzte Polizei“ zu verteidigen: „Die postmortalen Treibverletzungen der im Ufergestrüpp verfangenen Wasserleiche wurden zum Fressen für die Gerüchteküche, in der Leidenfrost und Jelinek ihr Süppchen brauten“, stand da zu lesen.

Wer den Autor dieser Zeilen, den Lokalreporter Richard Schmitt, auf den Fall anspricht, bekommt eine eher unwirsche Antwort: „Es war Selbstmord und Schluss, das ist von vornherein klar. Die Eltern der Toten haben halt eine Versicherung, die bei Selbstmord nicht zahlt. Das ist alles.“ Woher er das wisse? „Von der Polizei. Ich weiß alles von der Polizei.“

Denisa S., das studierte Mädchen aus bürgerlichem Haus, bezeichnet die OÖ-„Krone“ seit Monaten konsequent als „Roma-Slowakin“ und „Roma-Magistra“. Das ergibt nur Sinn, wenn man auf Ressentiments einer rassistischen Leserschaft spekuliert, denn dass Denisa S. keine Roma war, erfährt jeder, der auch nur drei Seiten aus Leidenfrosts Buch überfliegt, sofort. „Ich hab das Buch vor mir liegen“, sagt Schmitt, „aber ich hab wirklich überhaupt keine Zeit, sowas zu lesen“. Dann legt er auf.

Umso konkreter sind die Warnungen, die das Blatt formuliert. Angesichts einer Schlagzeile im Vorfeld seiner Lesung blieb dem Autor beinahe das Herz stehen: „Autor soll Mörder sein“, las er da in fetten Lettern. Erst auf der zweiten Seite ging die Titelzeile weiter: „Autor soll Mörder seiner „Toten im Fluss“ nennen“, lautete sie. Die immanente Drohung jedoch geht in eine ähnliche Richtung – nämlich in Richtung Gefängnis: „Wer einen Mörder decke, sei als Zeuge vorzuladen, wenn schon nicht gleich wegen Begünstigung anzuklagen“, zitiert die „Krone“ den Welser Staatsanwalt. Man prüfe, ob die „Verdächtigungen bei der Buchpräsentation strafbar sind“; „es drohen bis zu zwei Jahre Haft“.

Nein, Leidenfrost kennt den Mörder nicht – leider. Er ist auch keiner, der sich schnell schrecken lässt. Aber er stammt aus dem westlichen Niederösterreich, aus jener Gegend, die nur von den Oberösterreich-Ausgaben der großen Tageszeitungen bedient wird. Und seit solche Dinge in der „Krone“ stehen, wird seine Mutter, die selbst Pflegerin in einem Altersheim ist, sorgenvoll gefragt, ob denn der Bub jetzt wirklich eingesperrt werde.

Was ist da bloß los? Was ist am ungeklärten Fall Denisa S. so unerträglich, dass derart schwere Geschütze aufgefahren werden?

Vielleicht hat es mit der speziellen Rolle zu tun, die die slowakischen Rund-um-die-Uhr-Pflegerinnen in Österreich haben. Diese Frauen arbeiten in einer Nische der Wahrnehmung, und gleichzeitig an einem sehr verwundbaren Ort, nämlich direkt in den Familien. Sie rücken uns so nahe wie kaum jemand sonst, sie erfahren dabei intimste Geheimnisse. Gesellschaftlich gesehen, sind wir von ihnen abhängig.

Gleichzeitig jedoch sind die eigenen Familien der Pflegerinnen, ihre Biographien und ihre persönlchen Verhältnisse kaum jemals ein Thema, weder in der politischen Pflegeebatte noch im individuellen Alltag bei ihren Dienstgebern. Mehr als einen Vornamen bekommen sie selten, und in der Regel verschwinden sie so unauffällig, wie sie gekommen sind, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.

Vielleicht lag das Unerhörte an Leidenfrosts Plan darin, dass er Denisa S. einen Nachnamen gab, eine Herkunft, eine eigene Geschichte: Sie heißt Denisa Soltisova, kam aus Ratkovska Lehota, einem kleinen Dorf auf einem Hochplateau, sie fuhr gern in die Berge auf Urlaub, umgab sich am liebsten mit älteren Frauen, ihr ehemaliger Freund war Pächter einer Tankstelle, und im Einfamilienhaus ihrer Eltern hängen Hirschgeweihe an der Wand.

Dass dieses Leben aus österreichischer Sicht bloß von beiläufigem Interesse war, zeigt sich an vielen schlampigen Details: In Denisa Soltisovas Totenschein steht ein nachweislich falsches Todesdatum, in den Polizeakten wird ihr Name monatelang falsch geschrieben, und bei ihren Eltern meldete sich überhaupt nie jemand – weder zum Kondolieren, noch zum Ermitteln.

„Wir sind ja bloß Slowaken“, sagte Denisas Mutter einmal bitter. Wäre man mit einer österreichischen Toten anders umgegangen? Lange hat sich Leidenfrost um eine klare Antwort auf diese Frage gedrückt. Inzwischen sagt er knapp und deutlich: „Ja.“

Als er damals, fast ein Jahr ist es mittlerweile her, von der Toten im Fluss in der Zeitung las, hatte er das Gefühl, er sei weit und breit der einzige, der die beiden Teile ihres Lebens zusammenfügen könne. „Ich hatte keine Wahl“, sagt er, „ich musste mich einfach um die Geschichte kümmern, denn sonst hätte es niemand gemacht.“

Immerhin spricht der Schriftsteller beide Sprachen, ist in beiden Ländern zu Hause und lebt seit Jahren in der Plattenbausiedlung von Devinska Nova Ves, einem Vorort von Bratislava gleich hinter der österreichischen Grenze. 350 Kilometer sind es von hier bis Ratkovska Lehota, Denisas Heimatort. 350 Kilometer in die andere Richtung sind es bis Vöcklabruck, dem Ort ihres gewaltsamen Todes.

Sehr viele Male ist er mittlerweile in beide Richtungen gefahren, hat dabei viele Lügen und noch mehr bösartigen Tratsch gehört, und je genauer er hinsah, desto fremder wurden ihm beide Schauplätze, beide Gesellschaften. Desto fremder wurde ihm, am Ende, auch Denisa.

„Was ich bisher erreicht habe ist, dass aus einer namenlosen Toten eine verhöhnte Tote geworden ist“, sagt Leidenfrost, und da klingt ehrliche Verzweiflung durch. So wenig er wolle – er müsse weitermachen, jetzt erst recht, „denn das kann doch, bitteschön, nicht Sinn der Sache gewesen sein, oder?“

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