Jugendliche, die provozieren wollen, spüren unsere wunden Punkte auf. Garantiert.

Mit Kindern zu leben, ist, wie die meisten Menschen wissen, aus vielen Gründen aufwühlend und aufregend. Zum Beispiel aus diesem: Kindern kann man nichts vormachen. Die spüren ganz genau, ob Eltern meinen, was sie sagen. Ob sie einem was vorschwindeln, aus Bequemlichkeit, aus Feigheit oder aus Berechnung. Kinder haben ein ganz fein eingestelltes Radar dafür, wo die Unsicherheiten der Eltern versteckt sind. Wie man die Alten packen muss, um sie aus der Fassung zu bringen.

Das ist bei Dreijährigen so, und bei Pubertierenden vermutlich noch ein bisserl ärger.

Es sind Pubertierende, die in Ebensee die Gedenkfeiern störten, es sind Pubertierende, die in Auschwitz judenfeindliche Witze machten. Das ist schlimm. Aber erhellender als reflexartige Empörung wäre, darüber nachzudenken, warum die das machen. Warum Jugendliche, wenn sie überlegen, wie sie die Erwachsenen am schnellsten aus der Fassung bringen können, so schnell auf die Idee kommen: Versuchen wirs doch mal mit Nazi-Sprüchen!

Eine naheliegende Erklärung ist: Es gibt halt sonst nicht mehr viel, was diesen Zweck erfüllt. Lange Haare, laute Musik, zerrissene Hosen, Sicherheitsnadeln in der Haut – gähn. Das hat sich die Elterngeneration längst schon angeeignet und macht damit gute Geschäfte. Was einst Attribute der Auflehnung waren, kauft man heute als Lifestyle-Accessoires im Drogeriemarkt.

Es gibt aber noch eine weiterreichendere Erklärung. Die lautet: Jugendliche schalten eben, wenn sie provozieren wollen, ihr Radar ein und tasten nicht nur ihre Eltern, sondern auch die Gesellschaft nach ihren wunden Punkten ab. Nach Selbsttäuschungen und Schwindeleien, die aus Feigheit passieren, aus Bequemlichkeit oder Berechnung. Und dieses Radar schlägt ziemlich schnell aus.

Komasaufen ist ganz furchtbar!, sagen die Erwachsenen zum Beispiel, und gießen sich schnell noch einen hinter die Binde. Lauter Gameboy-Idioten seid ihr!, sagen sie, und schalten die Glotze ein. Nazis sind pfui, wie die Nazis darf man nicht reden, sonst sperren wir euch ins Gefängnis!, sagen die Erwachsenen, aber die Hetzparolen, die sie auf ihre Wahlkampfplakate schreiben, klingen ganz ähnlich wie jene, die als abschreckende Beispiele in den Schul-Geschichtsbüchern stehen. Nicht einmal anstreifen darf man an die rechten Recken! sagen die Erwachsenen, aber dann wählen sie so einen ins Parlamentspräsidium. Das ist halt Politik, sagen sie, in der Politik muss das so sein, das versteht ihr noch nicht.

Wenn Erwachsene im Brusstton der Überzeugung Regeln diktieren, an die sie nicht wirklich glauben und an die sie sich selbst nicht halten wollen, dann fühlen sich Jugendliche verarscht. Mit Recht. Dann wenden sie sich ab, ziehen sich zurück oder werden aggressiv.

Dass sie, angesichts der allgegenwärtigen Scheinheiligkeit, nicht noch viel böser sind, ist eigentlich ein Wunder.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.