Twitter ist eine feine Sache. Die Menschheit befreien wird es nicht.

Sibylle Hamann

Man hat gesagt, diese Revolte sei eine neue, ganz besondere Art Revolte. Weil die jungen Menschen, die in Teheran auf die Straße gehen, per Blogs, Facebook und Twitter miteinander kommunizieren, hat man es Revolte 2.0 genannt. Die elektronische Vernetzung verleihe dem Widerstand eine neue Qualität, hieß es; Twitter sei systemsprengend; gegen die Macht der Kommunikation hätte die Staatsmacht, mit all ihren Knüppeln und Gewehren, keine Chance. Langfristig zumindest.

Die Online-Freunde in aller Welt dockten also an der iranischen Revolte an. Ließen sich alle paar Minuten Nachrichten von Persiankiwi aufs Handy zwitschern, „we must go, they take 1 of us, they will torture and get names“. Sie luden millionenfach das Video mit dem Todeskampf der Studentin Neda von Youtube herunter. Sie färbten ihre Facebook-Fotos grün, als Geste weltumspannender Solidarität. Das fühlt sich heroisch an, solange man auf dem Sofa sitzenbleiben kann.

Mittlerweile sind die Straßen von Teheran leergeprügelt. Neda ist begraben. 2000 Demonstrantinnen und Demonstranten sitzen in Gefängnissen und Folterkellern, die Basij-Milizen holten die Verletzten gezielt aus den Krankenhäusern. Seit einer Woche ist auch Persiankiwi, der verlässliche Online-Informant, verstummt. Die Knüppelmethode hat, vorläufig zumindest, über die Twittermethode gesiegt.

Wer ehrlich ist, muss eine ernüchternde Bilanz ziehen: „Neu“ und „anders“ war diese Revolte hauptsächlich für die Zuschauer in sicherer Distanz. Vom Sofa aus betrachtet, fühlte sich Weltgeschichte diesmal tatsächlich spannender an, näher, intensiver, persönlicher. Für die direkt Handelnden hingegen, für jene, die das beißende Tränengas in den Augen spürten und zuschauen mussten, wie Milizionäre den Freund, die Freundin brutal auf eine Lastwagenpritsche zerrten, machte die Elektronik im entscheidenden Moment wohl keinen großen Unterschied.

Denn Facebook und Twitter sind Kommunikationswerkzeuge, nicht mehr und nicht weniger. Wie das Flugblatt, das Foto, das Megaphon, das Geheimzeichen an der Wand, das Buch oder die Trillerpfeife. In jeder historischen Revolution hat sich mal das eine, mal das andere dieser Werkzeuge als nützlich erwiesen – Ayatollah Khomeini etwa verbreitete seine Predigten einst mit Hilfe raubkopierter Audiokassetten; dreißig Jahre später hätte er Facebook dafür benützt.

Zum Wesen des Kommunikationswerkzeugs gehört, dass es von Unterdrückern ebenso verwendet werden kann wie von den Aufständischen. Aufklärung transportiert es genauso bereitwillig wie Lüge, Verhetzung und Desinformation. Es ist gut möglich, dass das Video von Nedas Tod den Aufstand schwächte, indem es die Menschen an die Todegesfahr erinnerte. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass Persiankiwi ein besonders raffinierter iranischer Geheimdienstoffizier ist.

Heilserwartungen an die Kommmunikationstechnologie lassen wir also besser bleiben.

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