Wir Österreicher, innen
Wie denken die Menschen in diesem Land? Was ist ihnen wichtig – und wie verändert sich das? Die alle zehn Jahre erscheinende Wertestudie bringt Licht ins Dunkel unseres Seelenlebens.
Ein Gespräch
Wahre und falsche, innere und äußerliche, materielle und ideelle: Mit Werten hat Erich Lehner auf verschiedensten Ebenen zu tun, denn er ist Theologe, Sozialwissenschaftler und Psychotherapeut gleichzeitig. Außerdem ist er Teil eines Forscherteams, das den Österreichern und Österreicherinnen seit zwanzig Jahren in die ethischen Eingeweide schaut. Unsere politischen und religiösen Ansichten werden in repräsentativen Interviews ebenso analysiert wie unsere Einstellung zu Familie und Arbeitswelt. Ergebnis ist eine Studie, deren Daten anschließend mit jenen aus anderen 45 Ländern vergleichen werden.
Falter: Herr Lehner, Sie haben das Themenfeld Arbeit und Familie untersucht. Was hat Sie da am meisten überrascht?
Lehner: Man kann deutlich erkennen, dass sich Bedeutungen verschieben. Arbeit dient immer weniger zur Sinnstiftung, und immer öfter bloß als Mittel zur Existenzsicherung. Offenbar nehmen die Menschen wahr, dass Planbarkeit und Sicherheit in der Arbeitswelt schwinden. Deswegen konzentrieren sie sich weniger auf den Inhalt der Arbeit, sondern stärker auf den mateirellen Zweck, und stecken stattdessen ihre Energie in Freunde und Freizeit.
Die Österreicher sind also Hedonisten geworden?
Nein. Sie sind pragmatischer geworden. Wenn ich oft den Betrieb wechseln muss, ein Leiharbeiter bin, oder gar arbeitslos, kann ich mich sozial nicht mehr über meine Arbeit definieren, dann muss ich meine Beziehungen anderswo suchen. Ähnliches beobachten wir in der Familie. Familien sind brüchiger als früher. Daraus ziehen die Menschen einen nüchternen Schluss: Wir können Liebe nicht ausschließlich in die Familie investieren, wir brauchen auch Netzwerke von Freunden, die nicht blutsverwandt sind.
Ist das bei Männern und Frauen unterschiedlich?
Ja, bei Frauen ist es noch viel stärker. Heißt das, die Frauen stecken in der Teilzeitfalle, finden in der Arbeit keine Bestätigung, und müssen das in der Freizeit kompensieren? Oder sind Frauen die gesellschaftliche Vorhut? Man könnte sagen: Frauen leben schon länger ökonomisch prekär, und wissen: Wenn wir nicht untergehen wollen, müssen wir uns sozial absichern.
Deswegen tun sich Frauen nach Trennungen meistens leichter als Männer?
So ist es. Frauen kümmern sich traditionell mehr um die Pflege der sozialen Netzwerke. Männer wissen nach einer Scheidung oft gar nicht, wen sie anrufen sollen.
Man könnte diesen neuen Pragmatismus auch Berechnung nennen.
Wenn man böswillig ist, ja. Ich habe mir eben eine Männerstudie aus Deutschland angeschaut. Da ist viel mehr von Beziehungsidealen die Rede, vom Einander-Verstehen.
Die Deutschen sind romantischer als die Österreicher?
In diesen Studien schauts zumindest so aus. Noch ein Detail aus den österreichischen Daten, das in diese Richtung zeigt: Insbesondere bei älteren Frauen und bei jüngeren Männern wird die Überzeugung stärker, dass Paare derselben Schicht, demselben Kuturkreis angehören sollten, um gut zusammenzupassen. Bei den älteren Frauen kann man das so deuten, dass sie halt aus Erfahrung wissen, wie schwer Beziehungsarbeit sein kann, wenn man ständig aneinander vorbeiredet. Aber bei den jüngeren Männern könnte man auch die Angst herauslesen, dass ihnen andere die Frauen wegnehmen.
Wer? Fremde Männer?
Könnte sein. Belegen kann ich das mit den Daten nicht, aber ich vermute es.
Ist das Mutter-Vater-Kind-Ideal eigentlich noch immer da?
Das polarisiert sich. Auf die Frage, ob es gut ist, wenn eine Frau ohne Mann Kinder bekommt, gibt es mehr Zustimmung und gleichzeitig mehr Ablehnung.
Warum?
Weil man genauer weiß, wie schwierig es ist, allein ein Kind großzuziehen, weil’s öfter vorkommt als früher. Und gerade jene, die es am genauesten wissen, ärmere, weniger gebildete Frauen, lehnen es besonders stark ab. Ich vermute: Nicht aus moralischen Gründen, sondern aus Erfahrung.
Hat das Moralisieren generell abgenommen?
Ja.
Das heißt, Ideal gibt’s keins mehr, jeder entscheidet, in welcher Kombi er oder sie leben will.
Hm, nein. Wenn von Singles oder Patchworkfamilien die Rede ist, klingt das oft so, als hätten wir eine ganze Palette von Familienmodellen vor uns, und suchen uns eins aus. So ist das ganz selten. Ein Drittel der Singles sind Frauen über sechzig, bei denen ist das keine Lifestyle-Entscheidung, sondern ergibt sich aus dem Lebenslauf. Viele andere sind Single zwischen zwei Beziehungen. Viele nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften sind junge Menschen, die keine Kinder haben, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich das in Richtung Familie entwickelt, ist sehr hoch. Tatsache ist, dass Kinder in weit größerer Zahl mit ihren leiblichen Eltern zusammenleben, als man vermuten würde.
Das heißt, wir leben konservativer, als wir meinen?
Familie ist nicht altmodisch oder fortschrittlich, wichtig oder unwichtig, das sind ganz falsche Kategorien. Familie ist keine moralische Angelegenheit, sondern einfach gelebte Realität.
Wie schaut das Verhältnis zwischen den Generationen aus? Ist die Solidarität weg?
Nein. Bei der Frage, ob man alles für seine Kinder tun sollte, gibt es sehr hohe Zustimmung. Umgekehrt ebenso. Die Solidarität hat nur eine klare Grenze, das ist die Langzeitpflege. Damit ist beinahe jeder überfordert. Und darüber müssten wir dringend reden. Es gibt in der Gesellschaft immer noch die unausgesprochene Erwartungshaltung: Die Frauen werden sich um die Alten schon irgendwie kümmern. Aber das ist schlicht und einfach nicht zumutbar, und das wird’s, nach allem, was wir in den Daten sehen, auch nicht mehr spielen. Hier tickt eine Zeitbombe.
Sind die Österreicher glücklich?
Die Lebenszufriedenheit sinkt. 65 Prozent bezeichnen sich heute als zufrieden, 1999 waren es noch 69. Überhaupt zeigt sich bei vielen Werten: Bis 1999 gings bergauf, seit damals geht’s bergab.
Was ist 1999 passiert?
Meine These ist, dass das mit der schwarz-blauen Wende zu tun hat. Da ging es los mit Pensionsreform, Sparpaket, Privatisierungen – ich glaube, damals ist den Menschen bewusst geworden, dass sie verwundbar sind. Plötzlich war Stress da, und die Pragmatisierungsmentalität war schlagartig weg.
Aber die Österreicher sind nicht ärmer geworden seither…
Das ist richtig, das kommt jetzt erst. Man könnte sagen: Die Angst, die 1999 kam, hat heute, mit der Wirtschaftkrise, ihre materielle Basis bekommen. Genauso nehmen das die Menschen auch wahr. Sie sagen: Es hat sich ja akut nichts verändert, es haben sich bloß unsere Berfürchtungen bestätigt.
Regina Polak, Ursula Hamachers-Zuba, Christian Friesl (Hg.): Die Österreicher innen. Wertewandel 1990-2008. Czernin Verlag, 300 Seiten, 223 Euro.
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