Und es wäre von Vorteil, dabei auch zuzuhören.

Österreich hat jetzt eine Abgeordnete, die gehörlos ist. Das ist gut. Nicht nur für Helene Jarmer, für die Gehörlosen und für ihre Partei, sondern für alle anderen.

Gut ist der Augenblick, in dem das Parlamentsplenum kurz innehält, um sich an die ungewohnte Stille zu gewöhnen. Gut ist die Erkenntnis, dass auch in Stille etwas gesagt werden kann. Gut ist die kurze Beschämung aller Lauten, Keifenden, Polternden. Gut ist die Ahnung, dass Menschen, die ein bisschen anders gelebt haben als die meisten, womöglich Erfahrungen gemacht haben, die über jene des normal sprechenden, keifenden, polternden Durchschnittspolitikers hinausgehen. Und dass diese Erfahrungen wertvoll sind.

Wir haben uns ein Gesellschaftssystem gezimmert, das einen Normmenschen definiert, und jede Abweichung davon als Defizit brandmarkt. Dieser Normmensch ist männlich, weißhäutig, „Inländer“ und körperlich voll funktionsfähig. Wer anders aussieht, anders funktioniert, anders kommuniziert, wird als Kosten- und Störfaktor wahrgenommen. Er darf sich „mitgemeint“ fühlen, wenn der Normmensch angesprochen wird, doch er möge ihn, bitteschön, nicht mit seinen Defiziten belästigen. Wer anders ist, möge bescheiden bleiben, unsichtbar und still.

Lang war es ein billiges Gesellschaftsspiel, sich über die Auswüchse der politischen Korrektheit in den USA lustig zu machen. Einen Behinderten als „physically challenged“ zu bezeichnen – wie abartig, bruhaha! Erst langsam, nach Jahren schenkelklopfender Häme, dämmert den Europäern der tiefere Sinn dieser sprachlichen Marotte, denn sie zeigt mittlerweile konkrete Folgen in Wirtschaft, Politik, Medien und Gesellschaft: Die Amis haben sich ja tatsächlich entschlossen, das Anderssein nicht als Mangel zu begreifen, sondern als Herausforderung! Die meinen das ernst!

Jede amerikanische Universität, die zahlungskräftige Elite-Kinder ködern will, preist ihnen heute die Vielfalt ihrer Studentinnen und Studenten an. Die Werbung verspricht: Je bunter die soziale und ethnische Mischung, je größer die Summe an Erfahrungen und Sichtweisen, desto mehr wirst du bei uns lernen. Österreich tut das Gegenteil: Hier wirbt man mit „Homogenität“ und misst mit stirnrunzelnder Sorge den „Ausländeranteil“, was stets so klingt, als messe man einen Wasserverschmutzungsgrad.

Sonia Sotomajor ist Tochter puertoricanischer Einwanderer, wuchs in einer Sozialwohnung in der South Bronx auf, und ist seit ihrer Kindheit Diabetikerin. Demnächst wird sie als Richterin im Supreme Court angelobt. Was Sotomajor sozial, ethnisch und gesundheitlich mitbringt, würde man in Österreich als „Defizite“ definieren. Sie selbst sieht das ganz anders: Ihre vielen Erfahrungen des Anders-Seins, sagte sie einmal, hätten sie zur besseren Richterin gemacht.

Viel Erfolg bei Ihrer Arbeit, Frau Sotomajor: Der Supreme Court braucht Sie. Und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit, Frau Jarmer: Wir hören Ihnen zu.

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