Zusperren, aber richtig!

Die Greißlerin bringt dem Dorf mehr als der Postbeamte

Acht Briefe einschreiben, 13 Pakete entgegennehmen, 45 Briefmarken verkaufen: Wie lang brauchen Sie dafür? Eine Stunde vielleicht. Zwei Stunden höchstens, wenn die Kundschaft von der redseligen Sorte ist, oder wenn die 45 Briefmarken einzeln gekauft werden.

Allerdings stellt sich die Frage: Was tun Sie den ganzen langen Rest des Arbeitstags? Als Postangestellter können Sie Blumen gießen, mit der Tante Resi telefonieren, Zeitung lesen, beim Fenster rausschauen – etwas anderes erlaubt Ihnen das Dienstrecht wahrscheinlich gar nicht.

Als Kleinunternehmer wüssten Sie Ihre Zeit
produktiver zu nützen: Sie würden Ihren Kunden nebenher Topfengolatschen,
Schnitzelsemmeln, Windeln oder Zeitungen verkaufen oder der Tante Resi den
10-Euro-Gewinn beim Lotto auszahlen. Sie würden mit Lieferanten telefonieren,
über die staubige Auslagenscheibe wischen, Regale schlichten, oder, wenn
wirklich gar nichts los ist, zwischendurch ein bisserl Buchhaltung erledigen.
Sie würden schon was anzufangen wissen mit Ihrer Zeit und Ihrer Energie, so wie
alle selbstständigen Kleinstunternehmer.

Acht Einschreiben, 13 Pakete, 45 Briefmarken pro Tag: Das ist das durchschnittliche Arbeitspensum in jenen Postämtern, die demnächst geschlossen werden sollen, durchschnittlich 40.000 Euro Verlust machen sie dabei pro Jahr. Gegen die Schließung regt sich Widerstand in den betroffenen Gemeinden, diese Woche liegt sogar ein Volksbegehren auf. Ein Dorf ohne Postamt, heißt es, sei kein richtiges Dorf mehr.

Wer die verödeten Hauptstraßen vieler Dörfer kennt, versteht diese Sorge gut: Da gähnen die leeren Auslagenscheiben. Kein Bäcker hat mehr offen, kein Wirtshaus, kein Kindergarten, und Busstation ist auch keine mehr da. Weil halt alles mit dem Auto erledigt wird, gibt es jetzt nichts mehr, wo man zu Fuß hingehen kann. Die Orte im Dorf, an denen öffentliches Leben stattfinden könnte, wurden systematisch zerstört. Man fährt also durch, oder man bleibt zu Haus.

Doch statt das unterbeschäftigte Postamt zu verteidigen, kann man die Frage auch andersherum stellen: Wieviel dörfliche Infrastruktur könnte man denn schaffen, mit jenem Geld, das das Amt verschlingt? 40.000 Euro im Jahr – das ist viel für kleine private Gewerbetreibende. Für den Bäckermeister Leitner, der mit seiner Arbeit knapp am Existenzminimum vorbeischrammt, oder die Frau Markic mit ihrer baufälligen Gemischtwarenhandlung, für die Trafikantin oder den Fleischhauer mit der selbstgemachten Leberwurst.

Überall, wo solche Leute bisher die Aufgaben der Post übernommen haben, schaffen sie es, ihre Kundschaft zufriedenzustellen. Gerade weil man bei ihnen nicht nur Briefmarken kriegt, sondern auch Topfengolatschen und Schnitzelsemmeln, Windeln und Zeitungen, Trost und Rat. Der Herr Leitner und die Frau Markic sind es, die das öffentliche Leben im Dorf aufrechterhalten. Das Geld von der Post ist bei ihnen gut angelegt.

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