Was wir von Kanzlerin Angela Merkel lernen können

Sibylle Hamann

Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, werden die Deutschen nächste Woche ihre Regierungschefin im Amt bestätigen. Es wird wahrscheinlich keine Zitterpartie, kein Abenteuer, es schaut nicht nach einem schweißtreibenden übermenschlichen Kraftakt aus, sondern nach einer lockeren Routineübung.

Es wird ausschauen, als sei Angela Merkel die logische Kanzlerin. Als sei sie das immer schon gewesen. Angela, wer sonst?

Die Selbstverständlichkeit, die wir hier beobachten können, ist überraschend. Schließlich ist es erst vier Jahre her, dass ein testosterongeladener Gerhard Schröder auf seinem Talkshow-Sessel saß, Angela Merkel gegenüber, und weit und breit keine Person identifizieren konnte, die der Kanzler-Rolle gewachsen sei – außer ihm selbst, natürlich.

Mittlerweile hat Schröder sich wohl dran gewöhnt, von Merkel regiert zu werden. So wie die allermeisten Deutschen. Und bei aller inhaltlichen Kritik, die man an der Politik der CDU-SPD-Koalition üben kann – dieser Aha-Effekt war lehrreich.

Angela Merkel hat in ihrer ersten Amtszeit nämlich ewas ganz wichtiges bewiesen: Es gibt gute Führungspersönlichkeiten, die ganz anders sind, als unser Erwartungsraster meint. Führungspersönlichkeiten, die anders aussehen, als die meisten bisherigen ausgesehen haben, und denen wir deshalb auf den ersten Blick wenig zutrauen.

Es gibt tatsächlich nichts, das Angela Merkel zur logischen Kanzlerin prädestiniert hätte. Sie kommt nicht aus den Seilschaften der Bonner Republik, sondern aus dem Osten, also von ganz weit draußen. Nichts an ihrer Persönlichkeit passt in die Schablone des klassischen Machtmenschen: Sie ist kein Mann. Sie ist nicht großspurig und raumgreifend, sondern sachlich und scheu. Sie liebt nicht den plakativen Effekt, sondern das nüchterne Argument, auch um den Preis der Langeweile. Prahlen, poltern und protzen kann sie nicht. Alles, was Image-Berater empfehlen würden, um Sympathie und Aufmerksamkeit zu erregen, verweigert sie konsequent: Homestories ebenso wie Urlaubsschnappschüsse, launige Anekdoten ebenso wie gemeine Witzchen auf Kosten Dritter. Sogar NLP, jene schreckliche Technik, die mittlerweile die meisten Politiker in freundlich grinsende Satzsprudelmaschinen verwandelt hat, ist ihr fremd.

Angela Merkel ist Kanzlerin, aber sie hat immer noch ihr Angela-Merkel-Gesicht, ihre Angela-Merkel-Körperhaltung und ihre Angela-Merkel-Sprache. Ähnlich wie Barack Obama hat sie die Nation mit ihrem Anders-Sein überrumpelt. Aber anders als Barack Obama führt sie vor, dass es nicht einmal messianisches Charisma braucht, damit es funktioniert.

Es geht auch ganz normal. Es geht auch einfach so: In einer Zeit, in der Medien und Public-Relations-Strategen glauben, den Menschen seien nur Politiker zumutbar, die sie höchstpersönlich am Reißbrett entworfen haben, ist das eine befreiende Botschaft.

Denn, o Wunder: Andere können das auch. Womöglich sogar noch besser.

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