Wie alles begann: Mein Beitrag zum Jubliläumsbuch des Integrationshauses

Es war 1992, im November, und die bosnischen Flüchtlinge in Wien waren mittlerweile so viele geworden, dass man für sie im Messegelände ein Massenquartier eingerichtet hatte. Riesige Hallen waren das, Feldbetten in Reih und Glied waren darin aufgestellt, und zwischen den einzelnen Familien Leintücher oder Wolldecken quer durch den Raum gespannt, um ein bisschen Privatheit herzustellen, ein paar Quadratmeter zumindest. Es war immer Lärm in diesen Unterkünften, tagsüber, nachts, die Ghettoblaster plärrten, die kleineren Kinder weinten, die größeren streunten unruhig herum, die Erwachsenen spielten ununterbrochen Karten, sie konnten nicht schlafen, und wenn sie schliefen, hatten sie Alpträume. Alpträume vom Krieg.

Und mittendrin, auf einem Bett, saß dieser Mann mit einem Pappkarton auf dem Kopf. Er hatte ihn sich übergestülpt, um inmitten des Durcheinanders wenigstens einen Moment lang mit sich allein sein zu können. Das Bild dieses Mannes hat sich bei den Gründern des Integrationshauses eingebrannt. Dieses Bild ist bis heute abrufbar, wenn sie zu erklären versuchen, worum es ihnen damals, in der Geburtsstunde ihres Projekts, ging. „Wir brauchen ein Haus“, wussten sie, als sie den Mann im Karton sahen. Weil Flüchtlinge, nach allem, was sie erlebt haben, einen Ort brauchen, an dem sie zur Ruhe kommen können. Und eine Tür, die sich schließen lässt.

1992 spielte Beatrix Neundlinger Kindertheater. Die politisch exponierte Zeit der „Schmetterlinge“ war vorbei, jetzt tingelte die Sängerin und Schaupielerin mit den Geggis, mit Valerie und der Gute-Nacht-Schaukel oder als Reinecke Fuchs über die Bühnen. Dass es eine Umbruchszeit war, spürte Neundlinger nicht nur im Privaten. Es war noch nicht lang her, dass der Eiserne Vorhang gefallen war, die „Kronenzeitung“ sah „Zwei Millionen Menschen vor unseren Grenzen“ stehen, in Jugoslawien herrschte Krieg, alte Sicherheiten hatten sich in Luft aufgelöst, Franz Löschnak war Innenminister, und rundherum wuchs die Angst.

Willi Resetarits war zu dieser Zeit der Ostbahn-Kurti. Er war auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit, war permanent unterwegs mit seinem „57er Chevy“, schlief zu wenig, fünfmal hintereinander füllte er die Halle im Donaupark, „da haben sie die Leute ohnmächtig rausgetragen“. Der Ostbahn-Kurti war ein Rock-n-Roller, eine Sehnsuchtsfigur für Schlosserlehringe und Berufsschüler, er war weder ein Intellektueller noch ein politischer Profi. Doch er spielte seine Konzerte in der Großfeldsiedlung und in der Per-Albin-Hansson-Siedlung, an den sozialen Brennpunkten dieser Stadt, und spürte, wie der rechtsradikale Spruch dort immer lauter wurde. Wahrscheinlich waren im Ostbahn-Kurti-Publikum auch Skinheads dabei.

Im November 1992 jedenfalls machte seine Tournee in der deutschen Universitätsstadt Erlangen Station, und dort war grad, zufällig, Sepp Stranig in der Nähe. Der fuhr keinen 57er-Chevy, sondern einen braven Dienstwagen, und statt Lederjacke trug er Anzug und Krawatte, denn er war auf Dienstreise. Sepp Stranig war damals Manager eines Bergbaubetriebs in Aspang am Wechsel. Er verkaufte weißes Glimmerpulver für die Farbenindustrie, nebenher war er Vorsitzender der Jungen Generation in der SPÖ. Und er war ein großer, ein „wirklich großer“ Ostbahn-Fan.

Nach dem Erlanger Konzert saßen sie jedenfalls bei einer Flasche Moselwein beisammen. Redeten über Bosnien, die Not der Flüchtlinge, die allgegenwärtige Angst und das Gefühl quälender Hilflosigkeit, als Stranig der Sache den entscheidenden Ruck gab: „Ich glaub, wir kriegen ein Haus“, sagte er, „und ich glaub, die SPÖ wird uns dabei helfen.“

Nur wenige Wochen später standen sie dann, alle drei, unter den schweren Kristalllustern im Wiener Rathaus. Draußen war ein kalter, finsterer, Wiener Winter, drinnen war es nicht wesentlich gemütlicher. Aber Hans Mayr, Vizebürgermeister und damals der mächtigste Mann in der Wiener Partei, ging mit gemessenem Schritt über die dicken Teppiche und sagte: „Moch ma“. Es war ein feierlicher Moment, erinnern sich die drei, ein Moment, in dem man spürte, wie viel man bewegen kann, wenn man bloß die richtige Idee hat und den richtigen Augenblick erwischt.

Tatsächlich war die Gelegenheit günstig. Haider hatte damals, 1992, die Ausländerfrage als Brennstoff für seine Kampagnen entdeckt, die gehässige Stimmung hatte sich über Monate hinweg aufgeheizt. Doch es regte sich, parallel dazu, auch Widerstand: Am Tag nach dem „Moch ma“-Termin sollte das Lichtermeer am Wiener Heldenplatz stattfinden. Da zeigte sich, dass es nicht nur Ausländerfeinde gibt in Wien, und dass sich auch für Menschlichkeit Massen mobilisieren lassen.

Beatrix Neundlinger, heute Vorstandsvorsitzende des Integrationshauses, glaubt, dass die mächtige Wiener SPÖ damals einfach einen Ruck von außen brauchte. „Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass es damals vor allem Künstler und Künstlerinnen waren, die in der Flüchtlingshilfe die zündenden Ideen zu neuen Projekten hatten“, sagt sie. „Wir hatten die Narrenfreiheit, laut auszusprechen, was sich viele Beamte und brave Leute in der Gemeinde vielleicht gedacht haben, aber nicht zu sagen trauten. Wir als Künstler wurden speziell behandelt. Zumindest hat man uns zugehört.“

Schon am Vorläuferverein, dem „Unterstützungskomitee für politisch verfolgte AusländerInnen“, waren die „Schmetterlinge“ maßgeblich beteiligt gewesen. Es gab Flüchtlingsfeste im WUK, jede Menge Veranstaltungen. Von viel Lärm und viel Musik begleitet, war eine Gegenöffentlichkeit entstanden, die die SPÖ nicht links liegen lassen wollte – auch aus wahlstrategischen Gründen.

Rückblickend interpretiert Sepp Stranig das ähnlich. „Den Mayr hat es gewurmt, dass in der Flüchtlingshilfe immer die Caritas die Guten waren“, erinnert er sich mit einem verschmitzten Grinsen eines politischen Profis. „Er wollte, dass auch die SPÖ etwas zum Herzeigen hat.“

Zum Herzeigen fehlte damals, 1992, allerdings noch etwas entscheidendes: Ein Haus, und das zu finden war gar nicht so einfach. Dutzende Häuser schaute man sich an, und kam dabei ziemlich herum in der Stadt. Rudolf Edlinger, damals Bautenstadtrat, heute Rapid-Präsident, erwies sich in dieser Zeit der Herbergsuche als wichtiger Verbündeter. Er hatte stets sämtliche Objekte im Kopf, die irgendwo in der Stadt leerstanden und für das Projekt in Frage kamen.

Und dann war es Liebe auf den ersten Blick. „Puh, ist das schön“, entfuhr Willi Restarits, als er im Eingangsfoyer des Hauses Engerthstraße Nummer 161-163 stand. Das elegante Entrée mit den (wie viele?) Stufen vor der Eingangstür. Die Art-Deco-Lampe im Stiegenaufgang. Die Herbergsuchenden gingen die Stiegen hinauf, erster Stock, zweiter, dritter, vierter, immer höher, durch die Dachluke und bis aufs Flachdach hinauf, sie schauten auf die Donau, und es war so schön, dass ihnen der Atmen stockte. „Dann haben wir gescherzt: Hier bauen wir später einmal ein Penthouse drauf. Ein Flüchtlings-Penthouse mit Fernblick.“

Dass die Elektroleitungen mehrere Jahrzehnte alt waren, sahen die Verliebten beim ersten Blick noch nicht. Auch die Heizungsinstallationen hatten sie sich nicht so genau angeschaut. Die Fenster konnte man ein Jahr lang nicht öffnen, weil sie sonst aus den Rahmen gefallen wären, und ebesolang waren auch die Duschen unbenützbar. Doch das Haus nahm alle dankbar an, die an ihm Hand anlegten. Der Architekt Rudi Guttmann zeichnete die Pläne für die Umbau, er arbeitete umsonst. Die Bauleiterin … „hat mit unserem Kopf mitgedacht“, erinnert sich Beatrix Neundlinger voller Bewunderung. Der Sozialarbeiter Georg Dimitz formulierte das Grundkonzept für die Betreuung, der Arbeitmarktexperte Sepp Lerchmüller stellte die Verwaltung auf die Beine. Und Elfi Rusicka, die Chefsekretärin, hielt jahrelang ehrenamtlich den ganzen Flohzirkus zusammen.

Auch für Willi Resetarits begann mit dem Umbau eine anstrengende Zeit. Nein, nicht etwa weil er selbst den Bohrer in die Hand nahm. Sondern weil er Hans Mayr versprochen hatte, seine Prominenz auf den Markt zu werfen, um das Startbudget für das Haus zusammenzukratzen – die Gemeinde hatte sich zwar bereiterklärt, den Umbau zu finanzieren, nicht aber den laufenden Betrieb. „Ohne ordentliches Budget fang ich gar nicht erst an“,  hatte auch die eben bestellte, resolute Geschäftsführerin Andrea Eraslan-Weninger gleich zu Beginn deponiert.

„Eigentlich hat der Ostbahn-Kurti damals ja Pause gemacht, es war ein klassisches Burnout“, seufzt er heute. „Aber dann hab ich mich halt verschleudert. Alles, alles hab ich gemacht: Trinken für den guten Zweck, Doppelgängerwettbewerbe, Tombolas, das Jahr 1994 hat mich viele Gehirnzellen gekostet. Aber ich wollte unbedingt, dass dieses Haus aufsperrt.“

Und es ging ja allerhand weiter, inzwischen, auf der Baustelle, ohne dass man den Mann, mit dem einst alles begonnen hatte, vergessen hätte – jenen mit dem Pappkarton über dem Kopf. Die Leitidee für den Umbau hatte er inspiriert, sie lautete: Jede Flüchtlingsfamilie braucht einen Rückzugsort, einen Raum für sich, samt Kochgelegenheit. Weil Selber-Kochen und Miteinander-Essen seht wichtig sein kann, um im Durcheinander einer Flucht wieder Halt zu finden, im Alltag und in der Familie. Gleichzeitig jedoch war wichtig, dass die Wohnungen Übergangscharakter behalten. Gemeinschaftsduschen und Klos am Gang sollten signalisieren: Es ist nicht so gemütlich, dass ihr für immer hier bleiben wollt. Wenn ihr Tritt gefasst habt und in eine normale Wohnung übersiedelt, wird das für euch eine Verbesserung bedeuten.

Bloß eine Frage stand noch im Raum, unabwägbar, undbeantwortbar bis zuletzt: Wie würden die Anrainer die neuen Nachbarn ausfnehmen? Die Engerthstraße ist keine Nobelgegegend. Dass in den umliegenden Gemeindebauten und in den abgewohnten Zinshäusern am Mexikoplatz viele FPÖ-Wähler wohnen, ist kein Geheimnis. Hier sagt man öfters einmal „G’sindel“, wenn man über Flüchtlinge spricht, und „Tschuschen“, wenn Bosnier gemeint sind. Auch diese Menschen von dem Projekt einzunehmen, würde der schwierigste Teil der Geschichte werden.

Der erste Informationsabend, zu dem man ins Haus geöaden hatte, war heftig. „Der Gemeindebau sucht ein Ventil für den aufgestauten Hass gegen ‚die da oben'“, berichtete der „Falter“ über die Stimmung an diesem dramatischen Tag im Mai 1994. Auf den Stiegen, in den Gängen gab es Tumulte, Rudi Edlinger und Staatssekretärin Gitti Ederer stellten sich im Gewühl auf Sessel und argumentierten tapfer gegen die geballte Volkswut an. Vor Kriminellen warnten die Zornigen, vor Müllbergen, vor Sexattentätern im Park. Man könne die Kinder nicht mehr auf die Straße lassen, die Wohngegend würde ruiniert.

„Doch die, die besonders laut schrien, waren gar keine Anrainer“, erinnert sich Resetarits, „sondern Krakeeler aus anderen Teilen Wiens, die von der FPÖ angeheuert wurden. Wir haben sie später am Abend noch gesehen, beim Chinesen um Eck, wo sie mit dem FP-Bezirksrat zusammengesessen sind. Der hat Krügeln für alle ausgeschenkt.“

Die Krakeeler sind gegangen, die Bewohner der Engerthstraße sind geblieben, denen hat man zugehört, und dann hat man sich recht schnell aneinander gewöhnt. Von Anfang an stand den Anrainern eine Beratungs-und Beschwerdestellte offen, damit kein Missverständnis die Chance kriegt, sich zum Problem auszuwachsen. Selbstverständlich gab es Beschwerden – von der Art, dass im Duschraum nachts das Licht brennt. Oder dass es zu laut sei, wenn spätabends die Deckel der Mülltonnen klappern. Doch es gab nichts, was mit Reden nicht zu lösen gewesen wäre.

Denn irgendwie war es diesem Haus, noch ehe es ganz fertig war, gelungen, alle, die mit ihm in Berühung kamen, von sich einzunehmen. Die Lagerarbeiter der Papierfirma Heinzl, die anfangs noch im 2. und 3. Stock eingemietet war. Die Handwerker, die die Leitungen legten und Zwischenwände aufstellten. Die Eltern aus der Nachbarschaft, die sich zögernd nach dem geplanten Integrationshaus-Kindergarten erkundigten. Der Portier begann mitzudenken, die Beamten in der Polizeiwache ums Eck, sogar der zuständige Postler.

Was wichtig ist. Weil ein Brief oder ein behördliches Schriftstück im bewegten Leben eines Flüchtlings über sein Schicksal entscheiden kann.

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