Die verteufelten US-Serien sind immer noch das beste, was das Fernsehen zu bieten hat

Sibylle Hamann

Viel wurde letzte Woche über den ORF geredet. Einiges war gut, vieles gut gemeint, manches wird dem ORF vielleicht weiterhelfen. Bloß ein Argument, das in diesen Debatten immer wieder fällt, tut richtig weh: Dass die amerikanischen Serien, die im Fernsehen laufen, das Symptom für dessen Niedergang seien.

Das Gegenteil ist richtig: Diese Serien sind lockende, schillernde, fruchtbare Oasen der Qualität inmitten einer Wüste trister Irrelevanz. Sie sind nicht der Niedergang, sondern die Rettung des Fernsehens.

Versuchen wir einmal zu umreißen, was den vielbeschworenen Bildungsauftrag ausmacht. Das Fernsehen muss hinschauen, was in der Gesellschaft passiert, und sich für die Menschen interessieren. Es muss ein feines Sensorium für deren Wünsche, Ängste und Sehnsüchte haben, und dafür, wie diese sich durch Politik, Wirtschaft und krisenhafte Ereignisse verändern. Und dann muss es aus diesen Beobachtungen unterhaltsame, spannende, aufwühlende Geschichten stricken. Je präziser die Analyse, desto eher trifft sie den Nerv. Und desto mehr Menschen lassen sich mitreißen und schauen zu.

All das können die US-Autoren. „Emergency Room“, die Urmutter aller Krankenhausserien, konstruierte die Notaufnahme eines Spitals als Arena, in der sich die Narrative verschiedenster Gesellschaftsschichten kreuzen. „West Wing“ beobachtete im Weißen Haus, wie Politik funktioniert. Das gehetzte „24“ übersetzte die Terrorangst nach 9/11 in gewalttätige Rettungsphantasien; sein eskapistisches Gegenstück „Lost“ gab sich stattdessen dem Gefühl des Ausgeliefertseins und der großen Verschwörung hin. Die „Soprans“ sezierten Angst, Gewalt und Machismo, „Six Feet Under“ changierte zwischen Absurditäten und Banalitäten am Rand des Todes. Aktuell führt uns „The Wire“ in die ineinander verstrickten Welten von Dealern und der Polizei. Und „Mad Men“ wirft einen bitterbösen Blick auf die angeblich so heilen Sechzigerjahre – und entlarvt dabei Brutalitäten im Geschlechterverhältnis, die bis heute nachwirken.

Diese Art Fernsehen ist erhellend, lehrreich, aufklärerisch. Sie bleibt der Gesellschaft auf der Spur, schreckt vor ihren Abgründen nicht zurück, ertappt sie bei ihren Selbsttäuschungen und Lügen. Damit erfüllt sie den Bildungsauftrag besser als „Soko Donau“ und sämtliche Opernübertragungen.

Selbstverständlich wäre es noch besser, man würde ähnliches auch aus eigener Werkstatt hinkriegen. Gegenwarts- und Kulturanalyse mit östereichischem Zungenschlag, sozusagen. Der Kottan kam diesem Auftrag nahe, der „Mundl“, in jüngerer Vergangenheit haben es bloß Comedy-Produktionen wie „Die vier Da“ geschafft.

Wenn es mehr davon gibt: Her damit! Wenn nicht: Her mit den amerikanischen Serien, und zwar vorzugsweise mit jenen, die wir im ORF bisher nicht sehen dürfen! Im Zweifelsfall ist es nämlich immer noch besser, wir lernen etwas über Amerika. Als wir lernen gar nichts.

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