Sprechen wir heute über eine peinliche Person. Keiner mag sie. Keiner will neben ihr sitzen, keiner geht mit ihr mittagessen, keiner leiht ihr einen Kugelschreiber. Man mustert sie, je nach Temperament, entweder mitleidig oder voller Verachtung, und rollt mit den Augen, wenn sie das Wort ergreift.

Sprechen wir heute über die Quotenfrau.

„Quotenfrau“ – das ist, nach „Hexe“ oder „Tussi“ vielleicht, so ziemlich der schlimmste Titel, den man einer Frau im Geschäftsleben verleihen kann. Wer „Quotenfrau“ sagt, meint: Irgendjemand hat uns die reingesetzt, obwohl die hier eigentlich nichts zu suchen hat. Was waren nochmal die drei Gründe für ihre Beförderung? Ach ja, die primären und die sekundären Geschlechtsmerkmale, hoho.

Logisch, dass keine Frau eine Quotenfrau sein will. Quoten brauch ich nicht, nie im Leben! sagt jede, die etwas auf sich hält; denn es zählt doch allein und ausschließlich die Leistung! Befördert werden will ich nicht aufgrund meiner Chromosomen, sondern weil ich so gut bin! Wegen meiner Intelligenz, meines strategischen Weitblicks, meiner inhaltlichen Kompetenz und meiner vielfältigen Qualifikationen!

Diese Entrüstung ist ehrenwert. Doch stimmig ist sie nicht. Denn wenn ausschließlich die Leistung zählt; wenn es ausschließlich auf die Intelligenz ankäme, auf den strategischen Weitblick, die inhaltliche Kompetenz und die Qualifikationen – warum sitzen dann beinahe ausschließlich Männer in den Vorstandsetagen und in den Aufsichtsräten dieses Landes?

Quoten sind nicht dazu da, minder qualifiziertem Personal beim Aufstieg zu helfen. Quoten helfen, im Gegenteil, einem Unternehmen dabei, das tatsächlich bestqualifizierte Personal zu finden – für das es allerdings leider, nur allzu oft, blind ist. Weil es leider, nur allzu oft, in althergebrachten, ineffizienten Ritualen und Rekrutierungsmustern gefangen ist.

In Norwegen hat man das dieses Paradox verstanden und daraus Konsequenzen gezogen. Seit Anfang des Jahres ist dort ein Gesetz in Kraft, das einen ausgewogenen Geschlechteranteil in den Aufsichtsräten aller großen börsennotierten Unternehmen vorschreibt.

O Wunder: Die Umsetzung war eigentlich gar nicht so schwierig. Und, o Wunder: Es funktioniert bis jetzt prächtig. Denn qualifizierte Frauen gibt es mehr als genug, in Norwegen wie anderswo. Das merken viele Männer allerdings erst, wenn ein Gesetz sie dazu zwingt, sich nach ihnen umzuschauen.

Wahrscheinlich war es kein Zufall, dass die norwegische Regelung nicht von einer linken Frauenministerin auf die Agenda gesetzt wurde, sondern von einem konservativen Wirtschaftsminister. Das verrät, dass ein ausgewogener Geschlechteranteil in den Entscheidungsgremien nicht in erster Linie den Frauen gut tut, sondern dem wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens.

Seien wir ehrlich: Die Quote ist nicht sehr elegant. Hübscher anzusehen wäre es, wenn wir dasselbe Ziel auch mit höflicher Überzeigungsarbeit erreichen könnten, mit leichtfüßig vorgetragenen Argumenten und mit einem stahlenden Lächeln. Die Quote ist ein massives, derbes, brachiales Werkzeug, das im Vergleich zur höflichen Überzeugungsarbeit allerdings einen entscheidenden Vorteil hat: Sie wirkt.

Nehmen wir die Brechzange also zur Hand. Benützen wir sie umsichtig, gezielt und ausschließlich in nüchternem Zustand. Freuen wir uns über ihre Wirksamkeit. Und lernen wir, freundlich zustimmend zu nicken, wenn man uns „Quotenfrau“ nennt.

Weil das, nüchtern betrachtet, keine Peinlichkeit, sondern ein Ehrentitel ist.

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