Woher nehmen manche Menschen die Gewissheit, dass ihnen alles zusteht?

Sibylle Hamann

In der Zeitung steht, Karl-Heinz Grasser habe einen Ehevertrag unterschrieben. Darin, heißt es, verpflichte er sich gegenüber seiner Gattin, jedes Jahr eine Million Euro aufs gemeinsame Konto zu überweisen. Als Hälfte-Anteil an den Lebenshaltungskosten, sozusagen. Die sind halt ziemlich hoch.

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Prinzipiell ginge es auch niemanden etwas an, was zwei Menschen miteinander ausmachen, die versuchen, ihre Verliebtheit mit Regeln zu zähmen. Die einen verpflichten sich zu lebenslanger Treue, andere zur redlichen Aufteilung der Hausarbeit. Die einen machen die Hege des Rosenbeets zur Beziehungsbedingung, andere fordern, dass der Gespons kein Gewicht zulegt. Jeder, wie er mag.

Wenn einer jedoch Karl-Heinz Grasser heißt und verspricht, jährlich eine Million heranzuschaffen, könnte das für die Allgemeinheit relevant sein. Denn irgendwo muss diese Million ja herkommen. Und in Kenntnis der handelnden Personen kann man nicht ausschließen: Womöglich fehlt die Million dann, wo sie im Sinn der Allgemeinheit besser angelegt wäre.

Interessant ist zunächst die Frage: Worauf gründen Menschen wie Grasser eigentlich ihre unerschütterliche Gewissheit, es sich immer richten zu können? Stellen Sie sich vor, Sie seien ein 40jähriger Mann, Sohn eines Autohändlers, Magister der Betriebswirtschaft, kein ererbter Großgrundbesitz. Sie wissen, dass Sie über ein gewinnendes Äußeres verfügen, aber auch, dass Sie nur wenig Berufserfahrung in der Privatwirtschaft haben, insbesondere fehlen Ihnen internationale Referenzen. Sie treffen eine tolle Frau. Sie würden sich anstrengen, um ihr zu gefallen, keine Frage. Aber welches Jahreseinkommen könnten Sie ihr guten Gewissens garantieren, ohne dass es Ihnen peinlich wäre? Vierzigtausend Euro? Sechzigtausend gar?

Nein, einer wie Grasser kann so kleinklein gar nicht denken. So einer denkt in größeren Koordinaten, weil ihm prinzipiell Größeres zusteht, und peinlich ist ihm gar nichts. So einer spricht nicht von Arbeit, sondern von „strategischer Beratung“, von „professionellem Networking“ oder von „Synergie-Management“. All diese Einkommensarten haben gemeinsam, dass sich in ihnen sämtliche altmodische Maßstäbe für Leistung auflösen. Dass sie nie 4325 Euro plus Umstatzsteuer bringen, sondern immer gleich runde Millionen. Und dass sie am allerbesten unter Freunden funktionieren.

Dass es genug von diesen Freunden gibt; dass immer jemand da ist, der solchen Freunden Macht und Respekt schenkt; und dass Menschen wie Grasser deswegen stets damit rechnen können, dass sie ihre Million schon irgendwie beschaffen werden: Das ist unser Problem in Österreich.

Fürs Sonntagskind Grasser hingegen gibt es wieder eine gute Nachricht. Ein Ehevertrag wie der erwähnte wäre, wenn er denn existiert, nie und nimmer einklagbar. Mit großer Wahrscheinlichkeit wäre er sittenwidrig.

Zumindest scheidungsrechtlich gesehen.

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