Simon Inou hätte ein Prinz sein können. Lieber wurde er Journalist. Jetzt ist er Flüchtling. Und aus Österreichs Medien nicht mehr wegzudenken.

Portrait: Sibylle Hamann

Nein, er hat keinen richtigen österreichischen Pass. Immer noch nicht. Obwohl er schon seit Jahren einen haben könnte, und obwohl seine Frau ihn immer wieder dazu gedrängt hat, denn es würde das Reisen wesentlich einfacher machen. Rechtlich gesehen gehört Simon Inou gar keinem Staat an. Rechtlich gesehen ist er ein Flüchtling. Der Flüchtlingspass ist grau statt rot. Bei jeder Grenzkontrolle provoziert er lange, nachdenkliche Blicke.

Seit mittlerweile 15 Jahren trägt er dieses Dokument schon mit sich herum, und wenn er über diesen seltsamen Schwebezustand spricht, dann spürt man, dass es arbeitet in ihm. Zweimal hatte er schon das Antragsformular für die österreichische Staatsbürgerschaft eingesteckt und sich samt aller Dokumente auf den Weg aufs Magistrat gemacht, zweimal hat er wieder kehrt gemacht, bevor in der Amtsstube seine Nummer dran war.

Inou weiß, dass er erst wieder nach Kamerun reisen kann, wenn er Österreicher ist. Dass er erst, wenn er sein Herkunftsland abstreift, seine Eltern und Geschwister wiedersehen kann.

Aber es geht nicht. „Ich bin noch nicht bereit“, sagt er, „vielleicht ist auch Österreich noch nicht bereit für mich“, und irgendwie kommt er immer wieder zu dem Schluss, dass der Schwebezustand ziemlich gut passt, für alles, was ist.

Zumal ja auch ständig etwas los ist, das einen von den wirklich wichtigen Lebensentscheidungen abhält. Die Sache mit dem Mohren im Hemd, zum Beispiel, und die war nicht einmal seine Idee. FM4 hatte ihn im Urlaub angerufen, er gab ein Interview, in dem erklärte, warum das Wort „Mohr“ rassistisch ist. Solche Anfragen und Antworten sind mittlerweile Routine. Doch quillt nachher verlässlich jedes mal wieder seine Mailbox über, mit Schmähungen jener Art, die ihn wieder einmal daran zweifeln lassen, ob Österreich für einen wie ihn bereit ist.

Ständig über Hautfarben reden zu müssen, gehe ihm wahnsinnig auf die Nerven, sagt er. Es vergeude Kraft und Energie. Aber er dürfe gewisse Dinge halt nicht widerspruchslos in der Öffentlichkeit stehen lassen, schon wegen der Kinder, die für den Umgang mit Alltagsrassisten Argumente brauchen.

Da müsse man halt durch, seufzt er, und schaltet sein schelmisches Grinsen wieder ein. Er hat beschlossen, sich fürderhin als „Österreicher mit Migrationsvordergrund“ zu bezeichnen.

Simon Inou, 37 Jahre alt, Enkel eines westfrikanischen Königs, derzeit anerkannter Konventionsflüchtling, ist in den vergangenen Jahren zu einer fixen Größe im heimischen Medienbetrieb geworden. Er ist immer dann zur Stelle, wenn Österreich um die Vielfalt seiner äußeren Erscheinung ringt.

Erst dachte er sich, gemeinsam mit Beatrice Achaleke und Philipp Horak, die Kampagne „Black Austria“ aus. Dann kam die Idee zur Migranten-Medienmesse, bei der sich Zeitungen und Radiostationen aus den verschiedensten ethnischen und sozialen Milieus der Öffentlichkeit präsentieren; kommendes Wochenende findet sie zum zweiten Mal statt (siehe xx).

Den Großteil seiner Zeit allerdings widmet Inou dem Verein M-Media. Dieser sucht und fördert journalistische Talente mit Migrationshintergrund und vermittelt sie an Mainstream-Medien. Gleichzeitig produziert das gleichnamige Redaktionsbüro Artikel über Migration und interkulturelle Themen. Das sichtbarste Ergebnis ist eine jeden Mittwoch erscheinende ganze Seite im Chronikteil der „Presse“, die nicht nur bei Chefredaktion und Leserschaft gut ankommt, sondern auch mit Preisen ausgezeichnet wurde.

„Ich hab mit gedacht, die österreichischen Medien fehlt so etwas“, erklärt Inou in knappen Worten, wie alles begann. „Ich hab ein Konzept geschrieben, es allen möglichen Zeitungen präsentiert, und die Presse hat zugeschlagen.“ Es klingt, als sei es ganz normal, dass das so läuft. Inou ist mittlerweile Österreicher genug, um zu wissen, dass es normalerweise nicht so läuft. Gemacht hat er es trotzdem.

Vielleicht ist es dieses Überrumpelungsmoment, das seinen Erfolg erklärt. Denn selbstverständlich sind auch türkischstämmige Kleinunternehmer kurz irritiert, wenn ein afrikanischer Intellektueller in der Tür steht und ihnen mediale Vernetzung anträgt. „Aber das sind Geschäftsleute, die sind pragmatisch, das funktioniert“, erklärt er.

Schließlich hat ihm ja auch zu Beginn, als er ohne Geld, ohne warmen Pullover und ohne konkreten Lebensplan im herbstlichen Graz gestrandet war, jeder davon abgeraten, Journalist werden zu wollen. Ausgerechnet Journalist! Ohne deutsche Muttersprache! Gemacht hat er es trotzdem.

Dieses Selbstvertrauen mag mit Inous Herkunft zu tun haben. Er ist der Sproß einer Familie, die ihren Stammbaum bis ins Jahr 1393 zurückverfolgen kann. Simons Großvater, Tafu Happi II, trug mit Stolz die traditionelle Tracht des Königs von Bana. Er war ein vorausdenkender König. Zu einer Zeit, da die Regierung die Dörfer für die Wassernutzung zur Lasse bitten wollte, ließ er für seine Untertanen eigene Wasserleitungen bauen. Simon war gerade acht Jahre alt, als Happi im Alter von 102 Jahren starb.

Das Volk, zu dem das Königreich Bana gehört, sind die Bameléké, die in ganz Westafrika für ihren Unternehmergeist bekannt sind. Als Kamerun eine deutsche Kolonie wurde, arrangierten sich die Bameléké-Eliten mit den Kolonialherren.

Es sind phantasieanregende Geschichten, die Inou von daheim erzählen könnte. Von den Dienstboten, von den traditionellen Höflichkeitsritualen, die daheim gepflegt wurden. Doch gern breitet Inou diese Dinge nicht aus. Weil er damit ein Klischee bedient, das stets allzu begierig aufgegriffen wird, sobald es um Afrika geht. „Das Fernsehen ruft mich immer nur an, wenn es was Exotisches braucht“, sagt er. „Tanzende Menschen in bunten Gewändern, oder Empfehlungen für Musikgruppen.“

Inou ist bewusst, dass er sein aristokratisches Erbe kaum verleugnen kann. Es verrät sich in seiner aufrechten Körperhaltung, in seiner gewählten Ausdrucksweise, in seinen geschliffenenen Manieren und im Respekt, den er seinen Gesprächspartnern zeigt; selbst dann noch, wenn es hart auf hart geht. Doch er weigert sich, den Prinzen aus Tausendundeiner Nacht zu spielen. Auf den Exotenbonus verzichtet er gern.

Die Geschichte seiner Herkunft kann man nämlich auch anders erzählen, westlicher, nücherner: „Ich bin mit Privilegien aufgewachsen, Aber mir ist klar geworden, dass diese Privilegien auf der Verachtung und Ausbeutung anderer Menschen beruhen. Das ist nichts, worauf man stolz sein kann, und es war eine bewusste Entscheidung, darauf zu verzichten“ sagt er.

Wäre es nach seiner Mutter gegangen, einer Krankenschwester, hätte Simon Arzt werden sollen. Alle Türen wären ihm dafür offengestanden. Stattdessen gründete er, als er 18 war, gemeinsam mit Freunden die erste und einzige unabhängige Jugendzeitung in Kamerun, „Le Messager des Jeunes“.

Kamerun ist ein autoritär regiertes Land. Der heute noch regierende Paul Biya war schon damals an der Macht. Journalismus bedeutete unter diesen Umständen: Dass man die Artikel um 12 Uhr zur Behörde tragen und dem Zensurbeamten auf den Tisch legen musste. Um 15 Uhr bekam man sie mit schwarzen Balken wieder zurück. Oft war die Hälfte gelöscht. Diskussion zwecklos.

Es war ein gefährliches Katz-und Maus-Spiel, das die jungen Leute trieben. Als sie enthüllten, wieviel Paul Biya für seine Hotelzimmer bezahlte, wenn er monatelange Urlaube in der Schweiz verbrachte. Als sie Listen von verschwundenen Regimekritikern erstellten. Und als sie grinsend zuschauten, wie korrupte Polizisten die Zeitung, die sie eben noch beschlagnahmt hatten, unter der Hand auf eigene Rechnung weiterverkauften.

Als er auf Einladung des katholischen Journalistenverbands zu einem Symposium nach Graz flog, der „Kleinen Zeitung“ ein Interview gab und offen über die Repressionen daheim erzählte, stand die Polizei bei seiner Mutter in der Tür. Und allen war klar: Der Junge sollte besser nicht mehr nach Haue kommen.

1995 war das, so beginnen Flüchtlingsgeschichten. Sie gehen weiter mit den üblichen Jobs: Inou arbeitete im Caritas-Lager am Mittersteig, wusch Teller in einer Hotelküche, im Winter schliff er am Eislaufplatz Engelmann die Kufen von Schlittschuhen und schaufelte Schnee.

Was sich von vielen anderen Flüchtlingsgeschichten unterscheidet, ist die Zielstrebigkeit, mit der sich Inou vom Rand ins Zentrum der österreichischen Öffentlichkeit vorarbeitete: „Radio Afrika“, das er mitgründete, richtete sich noch an die afrikanische Community. Die Beilage „Tribüne Afrikas“, die er einmal im Monat für die Wiener Zeitung gestaltete, hatte bereits hiesige Zielgruppen im Visier (unter Chefredakteur Andreas Unterberger wurde sie kommentarlos eingestellt). Mit M-Media schließlich ist Inou im Mainstream der österreichischen Gesellschaft angekommen – der er bloß noch beibringen möchte, ihrer eigenen Vielfalt ehrlich ins Gesicht zu schauen.

Als Kind schon hatte er ein Bild von Österreich im Kopf. Einer seiner Lieblingssender am Kurzwellenapparat war RÖI, das 2003 eingestellte „Radio Österreich International“. Stolz sammelte der Bub die Postkarten mit Fiaker- und Schönbrunn-Motiven, die RÖI als Dank für Hörerpost verschickte. Lange, bevor er hierherkam, wusste er von Sigmund Freud und Gregor Mendel, und stellte sich Wien als Ort vor, an dem Wissenschaftler über die Ringstraße schlendern und über ihre Forschungsergebnisse plaudern.

Es war dann doch alles ein bisschen anders. Es machte nichts. „Österreich hat mir das Leben gerettet und meine Kritik ausgehalten. Und wenn ich mich dafür interessiere, was in diesem Land nicht funktioniert, heißt das doch, dass es mir am Herzen liegt, oder?“

Simon Inou hat sich Österreich nicht ausgesucht. Österreich hat sich Simon Inou nicht ausgesucht. Aber manchmal, wenn man die beiden bei ihrer langsamen, zweifelnden, zaghaften, Annäherung beobachtet, meint man: Es könnte sogar Liebe sein.

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