Was der Hausmeister für den Gemeindebau, ist der Bürgermeister für Wien.

Er ist immer da. Zumindest könnte er immer da sein, und weil man nicht genau weiß, wann er da ist, geht man vorsichtshalber besser leise an seiner Tür vorbei.

Was er genau tut, ist nicht exakt festgeschrieben; irgendwie ist er für alles da. Dafür, dass das Stiegenhaus sauber ist, dass die Leute nicht streiten, dass der Nachbar sein Gerümpel wegräumt, dass Licht brennt im Keller, dass niemand sich fürchtet und einsam ist. Man könnte sagen: Er ist da, damit jemand da ist. Damit jemand zuständig ist. Für was auch immer.

Wer genau ihn eingesetzt hat, weiß man nicht mehr. Irgendeine allmächtige Obrigkeit wars, lang ist es her, wurscht, zum Nachfragen ist es zu spät. Jedenfalls hat man sich an seine Präsenz mittlerweile so sehr gewöhnt, dass es einem kaum mehr gelingt, ihn sich wegzudenken. Er weiß halt mittlerweile sehr viel über alle, die auf seiner Stiege wohnen. Er hat einen schon in mehreren unangenehmen Situationen überrascht. Womöglich ist man ihm gar ausgeliefert? Schließlich hat er, als einziger, die Schlüssel zu allen Türen im Haus.

Man ahnt, dass man auf sein Wohlwollen angewiesen sein wird, wenn man einmal etwas braucht. Deswegen nimmt man die kleinen Übergriffe, die er sich im Alltag leistet, mit geducktem Kopf hin, mitunter auch seine größeren Unverschämtheiten.

So ist das halt bei Autoritätsfiguren, die sich um einen kümmern, sagt man sich. Das ist halt der Preis, den man dafür zahlt, dass man sich über alles, was nicht passt, einfach beschweren kann, ohne selber anpacken zu müssen. Denn ehrlich gesagt: Alles selber machen wär auch nicht fein.

Der Hausmeister, der im Gemeindebau so heftige Phantomschmerzen hinterlassen hat, ist eine ambivalente Figur. Er spukt als männliches Phantom in unseren Köpfen herum, ob wohl er in achtzig Prozent der Fälle weiblich ist. Er vermittelt Geborgenheit ebenso wie Kontrolle. Er kann trösten oder bespitzeln, je nachdem. Er verkörpert die gütige und die bösartige Seite der Macht, die angenehme und die unangenehme Seite des Augeliefertseins.

Warum bloß überrascht es nicht, dass der Wiener Bürgermeister die Wienerinnen und Wiener demnächst über die Hausbesorger abstimmen lassen will? Weil der Wiener Bürgermeister, samt der Wiener SPÖ, inzwischen selbst eine Art Hausmeister geworden ist, und die Stadt seine Fünferstiege.

Er hat den Überblick. An ihm vorbei geht nix, und wenn er nicht mag, dann wird man sich schwertun. Er verwaltet nämlich die Kassa, er hat die Schlüssel für jedes Kammerl der Stadt, und wenn ers nicht herausgeben will – dann halt nicht.

Er sorgt für Ordnung. Er überwacht die Regeln. Er übernimmt die Verantwortung. Er kümmert sich. Manchmal poltert er ein bisschen. Aber er meint es ja nur gut.

Er ist eine Respektsperson. Aber Dankbarkeit, ein bisserl Dankbarkeit erwartet er bei der Wahl dann selbstverständlich auch. 

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