Wer fürchtet sich vor den Zwanzigjährigen? Niemand. Das ist nicht gut fürs Land.

Sibylle Hamann

Da hing in diesen Tagen ein Plakat in den Gängen vor dem besetzten Audimax, ein altes Foto von der Audimax-Besetzung im Jahr 1987. Es zeigt einen Haufen Zwanzigjährige. Susi ist drauf, die ist heute Lehrerin, Andreas leitet ein renommiertes Kulturinstitut, Martin ist Sprecher einer Gewerkschaft, der andere Martin macht irgendwas Diplomatisches in Kasachstan. Bettina und Robert und ich sind Journalisten. Mir scheint, wir führen allesamt recht selbstbestimmte Leben, mittendrin in der Gesellschaft.

Der Geruch im Audimax ist derselbe wie 1987, wahrscheinlich roch es auch 1968 schon so. Die Plakate, die Rituale unterscheiden sich nicht grundlegend. Gut, Online-Livestream gab es keinen damals, nicht einmal Handys. Aber das nicht der wesentliche Unterschied.

Der wesentliche Unterschied ist die Beharrlichkeit, mit der die Jetzt-Zwanzigjährigen von der etablierten Mitte der Gesellschaft ignoriert werden. Weder ihre Ideen noch ihre Frisuren regen auf. Sie existieren nicht als Feindbild und nicht als Bedrohung. Man könnte meinen, sie existieren gar nicht.

Das ist nicht gut.

Denn jenseits aller sentimentalen Projektionen ist ein Studentenprotest eine im Kern berechenbare Sache: Die künftigen Eliten fordern die aktuell herrschenden Eliten heraus. Noch habt ihr das Sagen, signalisieren die Zwanzigjährigen. Aber spätestens wenn wir vierzig sind, werden wir auf euren Posten sitzen, und dann wird sich einiges ändern, dann formulieren die Regeln nämlich wir.

Bisher wurde diese Botschaft auch immer exakt so verstanden. Die älteren fühlten sich provoziert, sie befestigten ihre Bastionen, schickten die Polizei und diffamierten die Herausforderer als „Chaoten“ und „Revoluzzer“. Objektiv hatten sie Recht mit der Sorge um ihre Ordnung, denn die war tatsächlich bei jedem Generationenwechsel gefährdet. Wie das halt so ist, mit dem gesellschaftlichen Wandel.

Heute jedoch ist diese Gesetzmäßigkeit erstmals außer Kraft gesetzt. Die Zwanzigjährigen kommen in der gesellschaftlichen Debatte überhaupt nicht vor. Die Vierzig- bis Sechzigjährigen fläzen sich auf den Fauteuils der Macht und machen keinerlei Anstalten, sich mit dem Leben der Jüngeren auch nur flüchtig auseinanderzusetzen. Sie müssen sich nicht fürchten.

Denn erstmals in der Geschichte wissen die Alten: Wir sind viel mehr als ihr, und werden es immer bleiben. Wir bestimmen die Regeln so lange wir wollen. Wenn wir nicht wollen, müssen wir euch nicht einmal bei der Tür hereinlassen. Ihr könnt uns nicht abwählen, nicht wegdrängen, ihr könnt uns nichts wegnehmen, ihr seid einfach zu wenige. Wir hören euch zu, wenn wir Lust dazu haben. Wenn nicht, stellen wir uns einfach taub.

Erstmals sitzen wir, die Älteren, auf dem längeren Ast der Geschichte, und können die Jüngeren solange rütteln lassen, bis ihnen die Kraft ausgeht.

Es kommt einem das Frösteln, wenn man darüber nachdenkt.

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