Wie Michelle und Barack Obama das Bild des schwarzen Mannes und der schwarzen Frau in Amerika revolutionierten.

Ein Essay für „Emma“.

Es war bewölkt an den letzten Oktobertagen, aber das Wetter blieb trocken. Alle, die im Weißen Haus Dienst hatten, zogen ihre Gummistiefel an. Dutzende Kinder aus den Schulen der Nachbarschaft würden kommen, Kameraleute aus dem ganzen Land hatten sich angesagt, es würde Schlagzeilen geben.

Die Erde war klumpig und schwer. Sie klebte an den Profilsohlen der Stiefel. Die Süßkartoffeln herauszubuddeln, ohne sie mit der Harke zu beschädigen, war gar nicht so einfach. Es dauerte ein paar Stunden, bis die letzte Ernte der Saison eingebracht und fotogen in Schubkarren drapiert war: Karotten, Fenchel, Salat, Auberginen, Paprika, Pfefferoni, Brokkoli. „Sehr viel Brokkoli“, merkte die First Lady an. Vielleicht war das eine Spitze gegen ihren Vormieter George W. Bush, der einst gestand, wie sehr er Brokkoli hasse, aber das ist lang her.

Am Ende des Tages, als sie sich die Gummistiefel auszog, konnte Michelle Obama mit dem Ertrag aus 93 Quadratmetern Anbaufläche jedenfalls zufrieden sein. Investitionen: 120 Dollar für Erdverbesserungen, 55 Dollar für Samen und Stecklinge. Ergebnis: 370 Kilo Gemüse, das sowohl den Staatsgästen bei festlichen Banketten als auch den Obdachlosen in der nahegelegenen Suppenküche „Miriam’s Kitchen“ serviert wurde. Freiwillige Arbeitsstunden: viele, aber gratis. Werbewert: unbezahlbar.

Der Gemüsegarten mitten im Rasen des Weißen Hauses sei „ein Meisterstück an nonverbaler Kommunikation“, urteilen PR-Fachleute. Die First Lady habe damit eindringlich markiert, wofür sie steht.

Denn selbstverständlich geht es hier nicht bloß um Gemüse. Es geht um bewusstes Essen und Gesundheit, um vorausschauendes Denken und Eigeninitiative, um Verantwortungsbewusstsein, familiären Zusammenhalt, Gemeinschaftssinn und harte Arbeit. Es geht um Werte, um Rollenbilder, um Lebensideale.

Ein Jahr ist es her, dass Michelle und Barack Obama in der eisigen Kälte eines Washingtoner Wintertags zur Angelobung schritten. In diesem Jahr haben sie nicht nur die Politik verändert, sondern auch den Gefühlshaushalt von Männern und Frauen in Amerika. Denn erstmals residiert im Weißen Haus keine weiße Familie.

Das weckte, gleich zu Amtsantritt, enorme Erwartungen, die Allison Samuels, Kolumnistin bei „Newsweek“, so formulierte: „Was kann Michelle Obama für mich, als afroamerikanische Frau, tun? Normalerweise werden die Leben schwarzer Frauen kaum genauer angeschaut. Die gängige Theorie ist, dass wir allesamt aufbrausende alleinerziehende Mütter sind, die keinen Mann an sich binden können…Deren Geschichten sind jedoch nicht die einzigen, die erzählt werden sollten. Die Welt wird auf Michelle Obama schauen. Ihre wichtigste, vielleicht komplizierteste Pflicht wird darin bestehen, einfach sie selbst zu sein.“

Tatsächlich ist das allgegenwärtige Klischeebild der afroamerikanischen Frau nicht sehr schmeichelhaft. Im politischen Diskurs ist sie auf die Rolle des Problemfalls abonniert – übergewichtig, überfordert, unversichert. Ihr Klischee-Leben findet im Getto statt, zwischen der Burger-King-Theke und der Pfandleihanstalt, ohne Ehrgeiz und ohne jede Perspektive. Fügt sie sich ihrem Schicksal, nennt man sie „Opfer“. Lehnt sie sich gegen ihr Schicksal auf, nennt man sie „angry black woman“. Beides ist nicht anerkennend gemeint.

In der Pop-, TV- und Entertainmentuniversum ist es nicht besser. Dort dominiert das Bild der Hiphop-Braut, die stets mit dem Popo wackelt und sich in laszive Posen wirft. Ihr männliches Pendant ist der Gangsta-Rapper, der dicke Zigarren raucht, sich riesige Klunker um den Hals hängt, dicke Schlitten fährt und grinsend Geldbündel in die Kamera hält.

„Das Kind am Schulhof, das nicht kämpfen will, geht immer mit einem blauen Auge nach Hause“, tönen Getto-Vorbilder wie der Rapper „50 Cent“. Sein Leitspruch lautet „Get rich or die trying.“

Die Botschaft, die den Kids hier vermittelt wird, ist so simpel wie verheerend: Wer Geld hat, kriegt Mädchen; wer grob ist, hat Erfolg. Sie müssen Angst vor dir haben, nur dann respektieren sie dich. Reden, lernen, Bücher lesen hingegen bringt in diesem Koordinatensystem nichts. „Acting white“ wird es genannt, wenn ein Kind gute Noten nach Hause bringt. Das bedeutet: Fleiß ist weiß, Fleiß ist uncool.

Doch jetzt wohnen Michelle, Barack, Sasha und Malia Obama im Weißen Haus, und über Nacht sehen die Rapper samt ihrer Getto-Posen ziemlich alt aus. Plötzlich gibt es ein neues Identifikationsangebot, anders und attraktiver als alle bisherigen.

Da ist eine moderne, hart arbeitende Mittelklassefamilie, in der Bildung und höfliche Umgantgsformen hochgehalten werden, und der Fernseher nicht länger als eine Stunde am Tag laufen darf. Da ist ein Mann, der seine Vaterrolle ernst nimmt, auf einem gemeinsamen Abendessen besteht, und Fürsorglichkeit, Treue und Verantwortungsbewusstsein zelebriert. Da ist eine Frau, die um eine gleichberechtigte Beziehung ringt und darum, zwei Karrieren und zwei Kinder miteinander zu vereinbaren, ohne dass jemand zu kurz kommt.

Ein unspektakuläres Angebot, möchte man meinen. Aber genau diese Durchschnittlichkeit wirkt in der schwarzen Version elektrisierend und neu.

Man könnte sagen, dass erst seine Ehe Barack Obama zum „richtigen Schwarzen“ gemacht hat. Für sich genommen, ist er ein schillerndes Zwischenwesen – der Sohn einer Weltenbummlerin, ein Außenseiter, aufgewachsen an der Peripherie Amerikas. Erst Michelle hat Barack in der afroamerikanischen Community geerdet. Bei ihr in Chicago dockte er an ihrem starken Familienverband an, gleichzeitig an der Kirche, an der schwarzen Subkultur, an den Traditionen der Bürgerrechtsbewegung.

In schwierigen Momenten des Wahlkampfs machte dies Michelle zur Projektionsfläche von rassistischen Ängsten. Als der „New Yorker“ Michelle Obama auf einem Zeitschriftencover mit Afro-Frisur karikierte, signalisierte das: Diese Frau könnte gefährlich sein. Wer weiß, wozu sie ihren Mann anstiftet.

Tatsächlich ist die Geschichte von Michelle Robinson eine klassisch amerikanische Aufstiegsgeschichte, die viel über das Land verrät. Ihre Urgroßeltern arbeiteten in South Carlina noch als Sklaven auf der Baumwollplantage eines weißen Großgrundbesitzers. Großvater Frazer machte sich 1930, wie hunderttausende Freigelassene, auf den großen Treck nach Norden, wo die Industrie Arbeiter und Arbeiterinnen suchte.

Michelle kam 1963 in der South Side, dem Schwarzenviertel von Chicago zur Welt, ihr Vater war Hausmeister im städtischen Wasserwerk. Im selben Jahr unterzeichnete Präsident Lyndon B. Johnson den Civil Rights Act, der die Rassentrennung beendete. Michelles Bildungsweg wurde von der „affirmative action“ und gezielten Förderprogrammen für unterprivilegierte Kinder beschleunigt. Sie ging in eine gute Schule außerhalb der South Side und erhielt Begabtenstipendien an den Eliteuniversitäten Princeton und Harvard.

„Du redest wie ein weißes Mädchen“: Auch sie habe sich diese Schmähung, als sie klein war, in der Nachbarschaft ständig anhören müssen, erzählt die First Lady heute, wenn sie Problembezirke besucht. Und fügt stets an: „Es war mir egal. Ich habe so getan, als wüsste ich gar nicht, was das bedeutet. Ich habe mich davon nicht aufhalten lassen.“

Symbol für diese Geschichte von Strebsamkeit und Leistung sind Michelles muskulöse Oberame. Die First Lady zeigt sie gern. Sie trägt am liebsten ärmellose Kleider, beim Covershooting für die „Vogue“ ebenso wie auf offiziellen Repräsentationsfotos, und die Nation diskutierte monatelang über die Frage, ob das nicht unschicklich sei.

1872 Trainingseinheiten stecken in diesen Muskeln, verriet Cornell McClellan, ihr persönlicher Fitnesstrainer. Fast täglich um halb sieben Uhr früh hängt sich die First Lady an die Gewichtsmaschinen. Sie signalisiert damit Entschlossenheit und körperliche Stärke.

Ich brauche keinen Beschützer, sagen diese Oberarme. Man kann seinen Körper, sein Leben, sein Schicksal formen, man hat sich selbst in der Hand. Im Prinzip ist es dieselbe Botschaft, die auch aus ihrem Gemüsegarten spricht.

Barack Obama jedenfalls scheint der Anblick seiner Ehefrau zu gefallen. Und der Nation wiederum gefällt, wie bewundernd und stolz er sie bei offiziellen Anlässen vorführt. Gern erzählt der Präsident, wie hartnäckig er um sie werben musste. In einem Land, in dem es für schwarze Männer bisher als Aufstiegssymbol galt, sich mit einer weißen Frau zu schmücken, ist das mehr als eine private Liebeserklärung. Es ist ein politisches Statement.

Auch dass die beiden öffentlich miteinander turteln, ist ein neues Signal im präsidialen Geschlechterverhältnis. Laura Bush wirkte eher wie George W.s große Schwester. Hillary Clinton führte schmerzhaft vor, dass eine intellektuelle Seelenverwandtschaft mit dem Ehemann nicht davor schützt, von ihm sexuell gedemütigt zu werden.

Barack und Michelle hingegen schlichen sich nach New York davon, zu einer „date night“ ohne Kinder, samt Abendessen und Broadway-Show. Es wurde im ganzen Land, speziell von allen gestressten Eheleuten, neidvoll bewundert.

Hier spiegelt sich das Beziehungsideal einer ganzen Generation. Sich nach vielen Jahren noch zu mögen, respektvoll miteinander umzugehen, ohne dass sich einer dem anderen unterordnen muss – so soll es wohl sein; auch wenn es wahrscheinlich gewöhnungsbedürftig ist, dass einem Millionen Menschen dabei zuschauen.

„Alles wird politisch hier drin“, seufzten die beiden kürzlich in einem großen Beziehungsinterview, das sie dem „New York Times Magazine“ gaben. Wer kommt auf Besuch, was kommt auf den Teller, wer gewinnt beim Scrabble, und wer legt die Kinder schlafen? Alles steht unter Beobachtung, jede neue Nuance bekommt einen ideologischen Subtext.

Michelle Obama hat sich offenbar entschlossen, die Aufmerksamkeit, die man als „First Familiy“ zwangsläufig bekommt, produktiv zu nützen, indem sie ein gleichberechtigtes Familienmodell bewirbt. Dass sie nicht dazu neigt, ihren charismatischen Mann bedingungslos anzuhimmeln, hat sie in entwaffnender Offenheit schon im Wahlkampf klargemacht. Immerhin brachte sie in den meisten Phasen ihrer Ehe mehr Geld nach Hause als er. Sie kümmerte sich um die beiden kleinen Mädchen und hielt den Alltag, die Finanzen und den Huashalt zusammen, während er seinen hochfliegenden Plänen nachjagte, ständig unterwegs.

Beim großen Projekt, zwei Karrieren und eine Familie miteinander zu vereinbaren, hat Michelle Obama dasselbe erlebt wie Millionen Frauen im Land: Augenblicke, in denen sie sich von ihrem Mann im Stich gelassen fühlte, Selbtzweifel, Überforderung, Wut und körperliche Erschöpfung.

Barack Obama ist der erste Präsident, der öffentlich zugibt, dass ihm auf diesem gemeinsamen Weg vieles misslang. Und auch Michelle verschweigt es nicht. Im Gegenteil, sie sagt es allen, immer wieder, auch jenen, die es nicht hören wollen. „Junge Menschen versuchen sich ihr Leben aufzubauen, da ist es unfair, wenn man ihnen eine Perfektion vorspielt, die nie und nimmer existieren kann“, erklärt sie.

Du musst dein Leben in die Hand nehmen, aber es kann mitunter ganz schön anstrengend werden. Du kannst nach den Sternen greifen, aber du musst vorher eine Leiter aufstellen, und darauf achten, dass sie auf festem Untergrund steht: Das ist die Botschaft der Obamas. Das ist es, was die erste schwarze Familie im Weißen Haus ihrer Nation vorlebt.

Männer und Frauen jeder Herkunft können sich in dieser Botschaft wiederfinden. Es ist die passende Botschaft für eine Nation, die Krisen, Wut und Selbstzweifel erlebt, und dennoch nicht aufhören will, daran zu glauben, dass am Ende alles gutgehen kann.

 

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