Die Obamas machen einen Unterschied. Allein durch ihre Existenz.

Sibylle Hamann

93 Quadratmeter ist Michelle Obamas Gemüsegarten groß, eben war die letzte Ernte. Die First Lady zog ihre Gummistiefel an und holte Süßkartoffeln, Karotten, Fenchel, Melanzani, Paprika und Brokkoli aus der Erde, 370 Kilo Gemüse insgesamt, auf Schritt und Tritt begleitet von ihrem Koch, unzähligen Fotografen und von Dutzenden Schulkindern.

Es war ein PR-Coup der Sonderklasse. Denn selbstverständlich geht es auf der Wiese vor dem Weißen Haus nicht bloß um Brokkoli. Es geht um Werte. Um Eigeninitiative und Verantwortung, um Gemeinschaftssinn und harte Arbeit. Die Gemüsebotschaft lautet: Du hast dein Leben und deine Gesundheit in der Hand. Nimm die Schaufel, pack an. Es mag bisweilen anstrengend sein, aber es zahlt sich aus.

Fast ein Jahr lang wohnen die Obamas jetzt im Weißen Haus. Und noch ehe man die Politik des Präsidenten bewertet, kann man sagen: Sie haben einen Unterschied gemacht. Allein durch ihre Gegenwart, allein durch ihr Vorbild.

Das männliche Vorbild, das in den Schwarzenvierteln und in der Popkultur bisher am präsentesten war, ist jenes vom Gangsta-Rapper, der sich mit goldenen Klunkern behängt und protzige Schlitten fährt. Das weibliche Pendant dazu kennt man aus den Hiphop-Videos; dort wackeln die Frauen stets mit dem Popo und werfen sich in laszive Posen, um dem Gangsta zu gefallen.

Im ernsthafteren politischen Diskurs war die Auswahl an Vorbildern nicht viel attraktiver. Da sind Afroamerikaner auf die Rolle des Problemfalls abonniert – übergewichtig, überfordert, unversichert. Ihr Klischee-Leben findet im Getto statt, zwischen der Burger-King-Theke und der Pfandleihanstalt, ohne Ehrgeiz und ohne Perspektive.

Diesem traurigen Panoptikum haben die Obamas nun ein völlig neues Identifikationsangebot hinzugefügt: jenes der modernen, hart arbeitenden schwarzen Mittelklassefamilie, die an den Wert von Bildung und Förderung glaubt, den Kindern verbietet, allzu lang vor dem Fernseher herumzuhängen, und nach den Sternen greift.

Ein relativ unspektakuläres Angebot, möchte man meinen. Aber genau das wirkte in der schwarzen Version elektrisierend und neu.

Vor Monaten schon ließ eine Studie dreier renommierter Universitäten aufhorchen: Demnach hat sich der traditionelle Leistungsrückstand schwarzer Schülerinnen und Schüler während der Endphase des Wahlkampfs beinahe geschlossen. Auf die Bildungspolitik hatte der neue Präsident da noch gar keinen Einfluss.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Obama-Euphorie über Nacht Rechenschwächen heilt. Aber sehr wahrscheinlich ist, dass sie bei schwarzen Kids das Selbstvertrauen stärkt und den Eifer anspornt. Sehr wahrscheinlich auch, dass sie die Lehrer dazu bringt, den Kindern mehr zuzutrauen: Was die Obamas schaffen, schaffst du auch.

So funktionieren Vorbilder. So machen Vorbilder einen Unterschied, wenn man sie einmal nach oben kommen lässt. Es wäre wohl nicht nur in Amerika so.

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