Die Deutschen haben jetzt also eine neue Regierung, und es scheint kein übermenschlicher Kraftakt gewesen zu sein. Es war kein Heldenepos in Hollywood-Manier, in dem der Hauptdarsteller mehmals haarscharf an der Katastrophe vorbeischrammt, um, mit wehenden Haaren und Schweiß auf der Stirn, im letzten Moment doch noch knapp die Zielkurve zu kratzen.

Die Deutschen haben eine neue Regierung: Das kann man diesmal in ganz nüchternem Tonfall sagen, denn es sah wie eine Routineübung aus. Nach unglamourös gewonnener Wahl ging Angela Mekel gemessenen Schritts zur Angelobung, so, als sei sie immer schon die logische Kanzlerin gewesen. Angela, wer sonst?

Diese Selbstverständlichkeit ist allerdings ein neues Phänomen. Schließlich ist erst vier Jahre her, dass ein testosterongeladener Gerhard Schröder in seinem Talkshow-Sessel saß und seinen historischen Fehler machte. Angela Merkel saß ihm gegenüber, doch er konnte weit und breit niemanden im Raum identifizieren, der seine Kanzler-Rolle übernehmen könne – außer ihm selbst, natürlich. Angela wer?, schien er zu sagen. Wer traut der im Ernst zu, sie könnte das?

Mittlerweile kommt es wohl sogar Schröder völlig normal vor, von Merkel regiert zu werden. Und egal, was man vom inhaltlichen Programm der neuen CDU/FDP-Regierung halten mag – dieser Aha-Effekt war lehrreich. Denn Angela Merkel hat und uns allen etwas ganz Wichtiges vorgeführt: Gute Führungspersönlichkeiten können auch ganz anders aussehen, als wir uns gute Führungspersönlichkeiten landläufig vorstellen.

Leider ist es mit unserer Phantasie nämlich nicht weit her. Wenn man uns fragt, wem wir im Wirtschaftsleben oder in der Politik eine leitende Aufgabe zutrauen, dann richten wir uns viel zu oft nach dem dümmsten aller Gesetze – dem Gesetz der Gewohnheit. Wir wählen denjenigen, der uns am vertrautesten erscheint. Wir ebnen jenem neuen Chef den Weg, der dem alten Chef am ähnlichsten ist.

In den Vorstandsetagen funktioniert das genauso. Ein Platz ist frei? Na, da passt doch sicher derjenige am besten drauf, der mit seinem Vorgänger den Golfclub, die Studentenverbindung oder zumindest die Vorliebe für friulische Landgasthäuser teilt!

Angela Merkel hätte nach dem Gesetz der Gewohnheit eigentlich gar nicht passieren dürfen. Sie kommt aus keinem Golfclub und aus keiner der klassischen Seilschaften der Bonner Republik, sondern aus dem Osten, also von ganz weit draußen.

Nichts an ihr passt in die Schablone des prototypischen Alpha-Menschen: Sie ist kein Mann. Sie ist nicht großspurig und raumgreifend, sondern sachlich und scheu. Sie liebt nicht den plakativen Effekt, sondern das nüchterne Argument, auch um den Preis der Langeweile. Prahlen, poltern und protzen kann sie nicht. Sie wird den Stahlarbeitern nicht gönnerhaft auf die Schultern klopfen, und den Aufsichtsräten keine Zigarre am Kamin anbieten. Sie wird die Kameramänner höchstens heimlich nach ihrer Statur taxieren, und ganz sicher wird sie niemals einen hübschen jungen Begleiter als Trophäe am Arm vorführen.

Angela Merkel ist Kanzlerin, sie hat Macht, aber sie hat immer noch ihr Angela-Merkel-Gesicht, ihre Angela-Merkel-Körperhaltung und ihre Angela-Merkel-Sprache. Es geht offenbar auch anders. Es geht auch einfach so.

Und damit hat sie etwas Unerhörtes bewiesen: Alpha-Menschen kommen in vielen Arten und Varianten vor. Macht ist zu komplex und zu wichtig, als sie stets derselben Subspezies anzuvertrauen. Andere können das auch. Vielleicht können sie es sogar noch besser. Mal sehen.

 

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