Wie viel Bösartigkeit um uns herum halten wir eigentlich aus?

Der „Fall Zogaj“ birgt keine Geheimnisse mehr. Die Gründe für den abgelehnten Asylantrag der Familie sind ziemlich klar. Dass es Gründe gäbe, ein humanitäres Bleiberecht zu gewähren, ebenfalls. Und dass in diesem Fall so ziemlich alles schiefgegangen ist, was schiefgehen kann, erst recht.

Wäre Österreich ein rational funktionierendes Land, würden wir jetzt nüchtern darüber diskutieren, nach welchen Regeln wir unsere Zuwanderungspolitik organisieren sollten, damit Familien wie die Zogajs (damals noch heil, hoffnungsfroh und leistungsfähig) künftig keine Asylanträge stellen, sondern legal einwandern können.

Aber das tut Österreich nicht. Statt aus dem Murks Lehren für die Zukunft zu ziehen, ist man mit zähnefletschender Wonne damit beschäftigt, sich an den Zogajs noch schnell abzuarbeiten, bevor sie endgültig weg sind. Arigona, „die miese Göre“, Arigona, „das Luder“, Arigona, „die berechnende Simulantin“: Unter dem Schutz der Anonymität bricht sich in den Online-Foren, nicht nur in jenem der „Kronenzeitung“, die Bösartigkeit Bahn. Irgendetwas will man der Familie offenbar heimzahlen. Was bloß?

Rücken wir die Dimensionen zurecht. Wir sprechen von einem halbwüchsigen Mädchen, das benützt, belagert und getäuscht wurde, an dem man herumgezerrt hat, solange, bis ihr alles zu viel wurde. Wir sprechen von einer gebrochenen, psychisch kranken Mutter, die daran gescheitert ist, ihre Familie zusammenzuhalten, und der das ganze Leben entglitten ist. Wir sprechen von zwei jungen Burschen, die über Nacht allein mit zwei kleinen Geschwistern dastanden und sie, anstelle von Vater und Mutter, zu versorgen hatten; anziehen, kochen, Schulaufgaben machen, Geld verdienen – keine Ahnung, wie sie das anstellten, im Kosovo.

Wir sprechen von gedemütigten, beschädigten Menschen.

Niemand verlangt, dass sich Österreich für alle ihre Beschädigungen verantwortlich fühlt. Niemand verlangt, dass man mit allen Beschädigten in diesem Land Mitgefühl zeigen muss. Aber könnte man wenigstens drauf verzichten, ihnen auch noch nachzutreten?

Der „Fall Zogaj“ zeigt, dass emotional einiges aus dem Ruder gelaufen ist in der österreichischen Öffentlichkeit, in der virtuellen wie der wirklichen. Das ist nicht nur für jene ein Problem, die „fremd“ ausschauen, sondern auch für alle anderen. Denn die unterschwellige Bösartigkeit verschwindet ja nicht, sobald man sie äußert. Sie bleibt in der Luft hängen und vergiftet den Alltag.

Neulich, am Karmelitermarkt: Zwei stämmige junge Männer, die ausschauen wie proletarische FPÖ-Wähler aus dem Bilderbuch, gehen am Stand des türkischen Fleischhauers vorbei. „Seavas, Ausländer!“ ruft der türkische Fleischhauer ihnen zu. „Seavas, Mufti“, rufen die beiden zurück. Sie winken beide. Sie grinsen dazu.

Die Umstehenden stutzen kurz. Es fällt im Alltag schon richtiggehend auf, wenn im Umgang einmal die Bösartigkeit fehlt.

Dann grinsen auch sie.

 

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