Serben dürfen jetzt in die EU reisen, Bosnier nicht.

Die ersten müssen an diesem Wochenende schon dagewesen sein. Haben ihr Autor aus dem Schnee geschaufelt und sind einfach über die Grenze. Haben in Ungarn, Bulgarien oder Slowenien Kaffee getrunken, eine Postkarte geschrieben und sind anschließend wieder nach Hause gefahren. Mit dem ganz speziellen Gefühl, jederzeit, wann immer sie Lust dazu haben, wiederkommen zu können, ganz spontan.

Über Silvester kommen wahrscheinlich noch mehr. Hoffentlich auch zu uns. Junge Leute werden es sein, denen die Oma ein bisschen Geld zugesteckt hat. Sie werden dicke Wollmützen tragen und einen Schlafsack, für die kalten Nächte im Zugabteil. Sie werden Wurstsemmeln kaufen, wenn sie hungrig sind, und in der Jugendherberge übernachten. Sie werden sich keine extravaganten Discobesuche leisten. Trotzdem wird ihnen die Reise in Erinnerung bleiben. Denn für die allermeisten wird es die allererste sein.

Seit vergangenem Samstag können Bürger Serbiens, Mazedoniens und Montenegros ohne Visum in die EU einreisen. Zeit wirds. Denn in Serbien ist mittlerweile eine ganze Generation herangewachsen, die Europa nur aus dem Fernsehen kennt. Zwei von drei jungen Erwachsenen haben ihr Land noch nie verlassen. Wissen nicht, was es heißt, sich um ein Auslandsstipendium zu bewerben, die Tante Dragana im Urlaub zu besuchen, oder auf ein Popkonzert jenseits der Grenze zu gehen. Anders als ihre Eltern und Großeltern, die frei in ganz Europa unterwegs waren, sind serbische Jugendliche in ihrem Leben fast ausschließlich Serben begegnet. Dieser Autismus tut keinem Land gut.

Seltsam muss sich die neue serbische Freiheit nun für deren Nachbarn anfühlen, die sich weiterhin demütigend und zeitraubend um teure Visa anstellen müssen. Für die Kosovo-Albaner zum Beispiel, die endlich ihre Autonomie von Serbien ertrotzt haben – um den Preis, dass sie nun, ganz autonom und ohne Serben, draußen vor der Tür Europas sitzen bleiben dürfen.

Oder für die Bosnier. Wobei „Bosnier“ nicht „Bosnier“ sind: Kroatische Bosnier haben sich in Zagreb längst kroatische Pässe besorgt und reisen damit seit 2004 visafrei. Serbische Bosnier besorgen sich in Belgrad serbische Pässe und tun dasselbe. Übrig bleiben einzig jene Bosnier, die Moslems sind. (Moslems wie die Kosovo-Albaner, aber das ist wohl bloß ein dummer Zufall.)

Absurd ist es jedenfalls: Seit mehr als zehn Jahren investiert die EU unendlich viel Mühe und Geld, um die widerwilligen Teile Bosniens zu einem Staat zusammenzuzwingen. Und dann reißt die Visapolitik der EU die mühsam zusammengezwungenen Teile wieder auseinander.

Wie es schließlich jenen Bosniern geht, die imn Krieg ethnsiche Säuberungen erlebt haben, kann man nur ahnen. Jenen wenigen Überlebenden von Srebrenica zu Beispiel, die sich getraut haben, nach Hause zurückzukehren. Die sitzen jetzt wieder in ihrer Enklave fest. Vielleicht schicken ihnen die serbischen Nachbarn wenigstens eine Postkarte, vom Kurzurlaub in Österreich.

 

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