Ein Kommentar.

Sie sind ein Mann. Sie leben mit einer Frau zusammen, ohne verheiratet zu sein. Sie sind Vater eines gemeinsamen Kindes. Dann trennen Sie sich von der Frau. Ab diesem Moment sind zwei Dinge so gut wie fix: Sie werden Unterhalt zahlen, und das Kind wird bei seiner Mutter leben. Ob Sie weiterhin Vater sein dürfen oder nicht, liegt ganz allein bei ihr. Denn sie hat, seit der Geburt, automatisch das alleinige Sorgerecht.

Wenn Sie in einer solchen Situation Hilflosigkeit und Bitterkeit empfinden, ist das verständlich. Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte springt Ihnen dabei jetzt moralisch zur Seite: Unverheiratete Väter seien gegenüber unverheirateten Müttern im Nachteil, urteilt er; das sei eine Diskriminierung, die beseitigt werden müsse.

Prinzipiell ist das selbstverständlich richtig, gerade auch aus feministischer Perspektive. Wer nicht biologistisch argumentieren will, muss feststellen: Männer und Frauen sind grundsätzlich zur Pflege und Erziehung von Kindern gleich gut geeignet. „In der Natur“ liegt gar nichts; was für das Kind besser ist, ist im Einzelfall verschieden; die automatische Zuordnung zur Mutter ist ein Anachronismus.

Soweit die Theorie. In der Praxis wird die Sache jedoch komplizierter. Denn da stellt sich eine wesentliche Frage: Wie kommt es eigentlich, dass sich die allermeisten Väter erst nach der Trennung für die Obsorgefrage zu interessieren beginnen? Warum nicht schon lange vorher?

Wenn Sie eingangs erwähnter unverheirateter Vater sind, steht es Ihnen nämlich frei, Ihr Baby in den Kinderwagen zu packen, mit Ihrer Partnerin zum Bezirksgericht zu gehen, und dort die gemeinsame Obsorge zu beantragen, solange Sie glücklich liiert sind. Das ist ein Akt von wenigen Minuten, der inhaltlich viel bedeutet: Es ist die bewusste Entscheidung, als Vater und Mutter Verantwortung für das Kind zu übernehmen, unabhängig davon, wie es um die Paarbeziehung steht. Gleichzeitig ist es der Verzicht der Mutter auf ihren quasi-naturgegebenen Vorrang.

Warum aber nimmt bisher nur eine verschwindende Minderheit der unverheirateten Eltern diese Möglichkeit wahr? Ehrliche Antworten sind wohl: Weil niemand gern über das mögliche Scheitern einer Beziehung nachdenkt. Weil viele Frauen es insgeheim ganz angenehm finden, dass die Frage, wo das Kind „hingehört“, von vornherein zu ihren Gunsten entschieden ist. Und weil viele Männer ihre Vaterschaft insgeheim dann doch nicht ernst genug nehmen, um diese „natürliche Ordnung“ in Frage zu stellen.

Von der Theorie in die Praxis ist es also noch ein weiter Weg.

 

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.