Man muss das Krisenjahr nicht schönreden, aber man kann.

Jetzt ist das Krisenjahr vorbei, und so manchem wird, aus der Perspektive finsterer, alkoholschwer vernebelter Ferientage, vorkommen, dass es womöglich gar nicht so schlimm war.

Den Isländern zum Beispiel geht es noch viel schlimmer, doch auch die haben sich irgendwie damit arrangiert. Zwar ist dort das Bankensystem zusammengebrochen, samt der Hypotheken auf Eigenheim, SUV und Schneemobil. Doch die Isländer haben die Erfahrung gemacht, dass das existenzielle Scheitern leichter zu ertragen ist, wenn man nicht als einziger scheitert, sondern kollektiv.

Zumal man auf der Insel neuerdings viele neue Leute treffen kann, denn der Tourismus blüht. Nach dem Verfall der Währung können es sich Ausländer erstmals leisten, am Geysir ein Bier zu trinken; und isländische Bankangestellte, die ihre Jobs verloren haben, lassen sich auf Fremdenführer umschulen. Ausgezeichnet geht es auch der isländischen Popmusik. Vielleicht ist hier dieselbe depressiv-kreative Energie am Werk, die sich sonst aus Liebeskummer speist.

Noch eine Nachricht, über die nicht jeder unglücklich ist: Island gehört neuerdings, neben Kuba, Burma und Usbekistan, zur McDonalds-freien Zone. Die extreme Verteuerung ausländischer Nahrungsmittel hat das Geschäftsmodell des Konzerns gestört (das den Import standardisierter Zutaten verlangt). Die Konkurrenz verwendet isländische Zwiebeln und isländisches Fleisch, und schmeckt wahrscheinlich nicht schlechter.

Nein, man muss Einschränkungen nicht zwanghaft schönreden. Obwohl sie positive Wirkungen haben können, etwa auf den globalen Co2-Ausstoß. Geschäftsleute machen neuerdings mehr Videokonferenzen oder steigen auf Economy um, Urlaubsreisende auf Billigflieger, Fluglinien gehen pleite. Ist das sooo schlimm? Nein, wenn das Reisen damit seinem ureigenen Sinn ein Stück näherrückt, der heißt: sich der Fremde, dem Unbekannten auszusetzen. Die Fremde ist ja nicht jener Ort, der von Billigfluglinien am häufigsten angeflogen wird.

Heikel wird es in der Arbeitswelt. Jemandem, der in der Krise seinen Job verloren hat, zu sagen, es solle das gefälligst positiv sehen, ist zynisch. Dennoch birgt sogar die Knappheit an bezahlter Arbeit Chancen – wenn man die Arbeit umverteilt. Für Männer zum Beispiel, die in Kurzarbeit geschickt wurden und in ihren freien Stunden entdecken, dass es auch in der Familie Sinnvolles zu tun gibt, bloß unbezahlt. Für Angestellte, die die flaue Auftragslage nützen, um in Bildungskarenz zu gehen (das AMS meldet hier einen Anstieg von 265 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Für jeden einzelnen, der sich bisher im Job ausbrannte, und sich nun erstmals fragt, ob das eigentlich dafürsteht.

Die Österreicher in der Krise kochen mehr. Sie lesen mehr Zeitung. Sie geben mehr private Partys. Und sie haben mehr Sex. Man kann sagen: Sie sind den Isländern ein kleines bisschen ähnlicher geworden. Was, in Kenntnis der Isländer, nicht das Schlimmste ist.

 

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