Was die Raucher-Pickerln an den Wirtshaustüren über Österreich verraten

Es gibt diesen kleinen Moment der Verwirrung, der jedes Mal eintritt, wenn man in diesem Land vor einer Wirtshaustür steht. Vielleicht kennen Sie den.

Ihre Hand greift zur Türschnalle, doch da fällt Ihr Blick auf ein kleines, fünf mal fünf Zentimeter großes Pickerl, und Sie zögern plötzlich. Grün ist es, aber was bedeutete das noch einmal? Grün heißt bio, öko, sauber, meldet Ihr medial geschultes Gehirn. Grün heißt Tannenwälder und Almwiesen und frische Luft. Alles im grünen Bereich, hier kannst du rein. Aber Ihr Instinkt irrt sich. Wenn grün an der Wirtshaustür hängt, heißt es: Nix Tannenwald, nix frische Luft, hier wird geraucht.

Bei Rot passiert die Irritation umgekehrt. Rot, sagt die Assoziationsmaschine, bedeutet Feuer, heiß, anzünden, brennen. Rot schaut aus wie die allerhöchste Smog-Alarmstufe. Rot leuchten die Lämpchen auf dem Überwachungsgerät, wenn die Lunge keine Luft mehr kriegt. Rot heißt: Achtung, geh nicht weiter, wenn dir was an deiner Gesundheit liegt. An der Wirtshaustür hingegen bedeutet Rot das Gegenteil: Hier drin kannst du atmen. Alles ok.

Was verrät uns diese seltsam changierende Pickerlbotschaft, die Ergebnis eines seltsam vermurksten Rauchergesetzes ist? Zweierlei.

Erstens verrät es, wer sich in Österreich die Vorschriften ausdenkt. Grün als erlösendes „du darfst“- Signal und Rot als Warnung ergibt nur als Botschaft von Rauchern zu Rauchern Sinn. Die einen Raucher sitzen offenbar im Ministerium, die anderen stehen vor der Wirtshaustür und kennen sich auf Anhieb aus.

Nichtrauchende hingegen werden in dieser Konversation übergangen. Sie kommen nur als Außenstehende vor. Sie müssen um die Ecke denken und überlegen, in welche Richtung sie die Botschaft umdeuten müssen, damit sie auch für sie irgendeinen Sinn ergibt. Das hinterlässt den irritierenden Nachhall, sich von den Codes, die benützt werden, ausgeschlossen zu fühlen. (So ähnlich geht es Frauen, wenn sie permanent aufgefordert werden, sich bei männlichen Anreden doch einfach „mitgemeint“ zu fühlen, wenn sie nicht angesprochen werden, aber das nur nebenbei.)

Zweitens kann man in die Pickerlsache auch Grundsätzlicheres hineininterpretieren – nämlich die Frage, wie hierzulande Freiheit verstanden wird. Grün markiert wird die Freiheit, etwas auszuleben, das andere in ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt. Eine Art „Freie-Fahrt-für-freie-Bürger“-Freiheit ist das, die vergisst, dass immer drei Fußgänger aus dem Weg springen müssen, wenn ein Autofahrer aufs Gaspedal steigt. Rücksichtnahme hingegen, das Freiraum-Lassen und Freiraum-Schaffen, wird als Einschränkung empfunden, als Verbot. Obwohl gerade das eine andere, wahrscheinlich umfassendere Art Freiheit wäre.

An dieser Stelle ist noch eine zerknirschte Anmerkung fällig, an alle, die ich in fünfzehn Jahren Raucherei vollgequalmt habe: Ich hab das mit der Freiheit erst jetzt verstanden. Entschuldigung.

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