Jeder, jede von uns kennt die Geschichte. Sie ist tausende Male passiert, in der Sschweiz, aber nicht nur hier. Adam und Eva, beide berufstätig, führen eine gleichberechtigte Beziehung. Sie räumen abwechselnd den Geschirrspüler aus, zahlen im Restaurant abwechselnd die Rechnung. Dann wünschen sie sich ein Kind.

Sie setzen sich am Küchentisch zusammen und überlegen, wie sie das am besten hinkriegen. Sie fangen an zu rechnen und stellen fest: Adam verdient mehr als Eva (er hat nämlich Informatik studiert, sie Kunstgeschichte). Da ist ist es nur logisch, dass sie eine Zeit lang daheim bleibt und er das Geld heranschafft. Das sei bloß ein vorübergehendes Arrangement, versichern sie einander. Sobald das Baby krabbeln könne, werde man sich etwas anderes überlegen. Dann stelle man einfach wieder auf Gleichberechtigung um. Altmodische Mutti-Vati-Eltern sind wir nämlich nicht, nie und nimmer, sagen sie.

Und dann ist das Baby da. Die schicke Eva-Mama, den iPod im Ohr, schiebt den Buggaboo durch die Szenequartiere und schlägt im Drogeriemarkt die Zeit tot. Abends kommt der Adam-Papa aus der Arbeit. Es ist wieder einmal später geworden, die Verantwortung lastet jetzt schwer auf seinen Schultern, und um den Kredit abzuzahlen, muss er Überstunden machen.

Doch, selbstverständlich rührt auch er den Babybrei, wenn er Zeit hat. Man ist schließlich gleichberechtigt, und weder Adam noch Eva tragen ein Gen in sich, das sie zum Brei-Rühren prädestiniert. Aber Eva hat, nach all den Monaten daheim, eben mehr Routine. Weil Adam so selten Brei rührt, stellt er sich ein bisschen ungeschickt an, und sie schiebt ihn weg. Eva fragt sich, ob man die beiden wirklich miteinander allein lassen kann. Ob sie nicht doch noch ein paar Monate länger zu Hause bleiben sollte? Wo sie doch ohnehin vermutet, dass man im Büro nicht so dringend auf sie wartet?

Und dann passiert es. Während das Kleine gehen lernt, wird Adam Vati, und Eva wird Mutti. Wären die beiden ehrlich, sie müssten zugeben: Aus der Nähe betrachtet, ist ihr Arrangement dem ihrer altmodischen Eltern nicht unähnlich, den iPod und den Buggaboo vielleicht ausgenommen.

Selbst wenn Eva schließlich wieder arbeiten geht, kommt die Gleichberechtigung nicht zurück. Sie arbeitet nämlich anders als er. Sie ist für tausend Dinge zuständig und arbeitet dann, wenn sich zwischen den tausend Dingen eine Lücke auftut. Sie erledigt einen Auftrag am Küchentisch und macht ihre Telefonate mittags, während das Kind schläft. Wenn der Babysitter keine Zeit hat, verschiebt sie ihre Termine. Sie hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie aus dem Haus geht, obwohl es Zahnweh hat. Er hat kein schlechtes Gewissen, denn das würde am Zahnweh nichts ändern.

Adam-Vati ist weiterhin vollwertiger Metzger, Architekt oder Sparkassenangestellter, mit intakten Aufstiegschancen, so als sei nichts geschehen. Wegen der vielen Überstunden hat er sich im Job unersetzlich gemacht, als Familienerhalter hat er sogar eine schöne Gehaltserhöhung bekommen. Eva-Mutti hingegen kriegt im Job keinen Fuß mehr auf den Boden. Sie wird auf keine Fortbildung mehr geschickt, für keine neuen Projekte eingeteilt, und kommt, als Teilzeitangestellte, für Leitungsaufgaben prinzipiell nicht in Frage.

Sie ist ja jetzt nicht mehr flexibel. Sie ist ja jetzt eine „doppelt belastete Mutter“, mit einem sogenannten „Vereinbarkeitsproblem.“

Wer hat sich dieses fiese Drehbuch eigentlich ausgedacht? Und wer zwingt uns eigentlich dazu, es tagein, tagaus nachzuspielen?

 

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